Was lange währt, tut endlich weh - Knorpelschaden im Knie shutterstock.com/Juriah Mosin

Was lange währt, tut endlich weh - Knorpelschaden im Knie

  • geschrieben von  Christian Riedel
Der Knorpelschaden im Kniegelenk gehört zu den häufigsten orthopädischen Krankheitsbildern im Sport. Hier erfahrt Ihr, wie der Knorpelschaden entsteht, welche Behandlungsoptionen existieren, und wie man sich davor schützen kann.

Das Knie des Sportlers ist in vielen Fällen sehr großen Belastungen ausgesetzt. Gerade bei Sportarten wie Fußball, Badminton oder Skifahren, bei denen sehr viele schnelle Richtungswechsel passieren, wird das Knie permanent belastet. Besonders betroffen ist dabei der Knorpel im Knie.

Der Knorpel bedeckt die Oberfläche von Schienbein, Oberschenkel und die Rückseite der Kniescheibe im Kniegelenk. Er ist ca. 2-8mm dick und fungiert wie ein Stoßdämpfer, federt Stöße ab und verhindert, dass die Knochen direkt aufeinander prallen. Das funktioniert optimal, solange er unbeschädigt bleibt.

Verschleiß und Verletzungen im Knie


Das bleibt er aber leider nicht immer. Knorpelschäden entstehen in der Regel durch Fehl- und Überlastungen oder im Rahmen von Unfällen. Häufig nutzen sich die Knorpel bei Menschen mit Fehlhaltungen (X- oder O-Beine) und Übergewicht schneller ab. Auch mit zunehmendem Alter nimmt die Knorpelschichtdicke langsam ab. Auch bei Verletzungen im Kniegelenk kann der Knorpel in Mitleidenschaft gezogen werden. Dies kann entweder akut der Fall sein oder als Folge einer chronischen Instabilität auftreten. Eine chronische Instabilität beispielsweise ist oftmals nach nicht operierten Kreuzbandrissen der Fall. Auch ein nicht behandelter und symptomatischer Meniskusriss kann den Knorpel direkt mechanisch belasten und damit schädigen.

Ein Knorpelschaden kann sehr schmerzhaft sein – muss es aber paradoxerweise nicht unbedingt. Aber er kann verheerende Auswirkungen haben. Bekannt sind beispielsweise die Fälle von Fußballprofis wie Willy Sagnol oder Carsten Bäron, die ihre Karriere wegen eines Knorpelschadens im Knie vorzeitig beenden mussten.

Grundsätzlich kann man den Knorpelschaden in mehrere Stadien einteilen. Wie so häufig existieren mehrere Einteilungsschemata nebeneinander. Eines der gängigsten Klassifikationen nach Outerbridge teilt Knorpelschäden in vier Grade ein:

Grad I: Verfärbung des Knorpels, Erweichung
Grad II: Risse im Knorpel
Grad III: Defekte die bis zum Knochen reichen
Grad IV: freiliegender Knochen


Ab einem Schaden dritten bis vierten Grades haben die Betroffenen häufig Belastungsbeschwerden. Entscheidend dafür ist vor allem die Lage des Knorpelschadens im Knie. Befindet sich dieser im Bereich der Standfläche oder der Hauptbelastungszone, sind Beschwerden logischerweise wahrscheinlicher als bei einem Schaden in weniger belasteten Regionen. Weiterhin ist die Größenausdehnung des Knorpelschadens ein wichtiger Faktor.

Das Problem beim Knorpel: Ist er einmal kaputt, regeneriert er sich kaum von alleine. Im Gegenteil, der Knorpelschaden wird tendenziell immer schlimmer. Da Schmerzen im Knie auch erst dann auftreten, wenn der Knorpel bereits beschädigt ist, sind die Diagnose und eine erfolgreiche Behandlung oft schwierig.

Diagnose des Knorpelschadens

   
Intakter Knorpel                            Knorpelschaden im Knie (Quelle: Dr. Klingenberg)

Um sich ein erstes Bild vom Zustand des Knie-Knorpels zu verschaffen, wird zunächst meistens eine konventionelle Röntgenaufnahme des Knies im Stand angefertigt. Größere Schäden im Knieknorpel lassen sich bereits auf dem Röntgenbild erkennen. Auf diesem erkennt man über die Gelenkspaltbreite unter Belastung (deshalb die Aufnahme im Stand!) indirekt, ob eine Verschmälerung des Knorpels vorliegt. Direkt sichtbar wird die Knorpelschicht bei einer Magnetresonanztomographie (MRT). Bestätigt sich darin ein operationswürdiger Befund, können verschiedene regenerative Verfahren im Rahmen einer Kniespiegelung (Arthroskopie) durchgeführt werden. Der Operateur kann dann feststellen, ob ein Schaden vorliegt, wo genau er sich befindet und wie groß der Schaden im Knieknorpel ist.

Behandlung des Knorpelschadens


Ein Knorpelschaden der ersten und zweiten Kategorie bereitet in der Regel kaum Probleme und muss auch nicht speziell behandelt werden. Es kann sein, dass Knorpelstücke in das Gelenk ragen. Diese können zum Beispiel mittels einer Fräse geglättet werden, um ein Fortschreiten des Schadens zu verlangsamen.

Problematischer ist es bei einem fortgeschrittenen Knorpelschaden der 3. oder sogar 4. Kategorie. Dann kommt man bei starken Schmerzen um eine Operation kaum herum.

Bei tiefen Knorpelschäden kann man sich die Eigenheilungskräfte des Körpers zu Nutze machen. Der freiliegende Knochen wird mit verschiedenen Instrumenten angebohrt. Das austretende Blut bildet dann bei entsprechender Schonung einen Blutpfropf, der sich in ein faseriges Knorpelersatzgewebe umwandeln kann. Dieses Verfahren nennt man eine Mikrofrakturierung. Dieser Faserknorpel ist aber weniger widerstandsfähig als der Originalknorpel, lindert dennoch häufig die Beschwerden.

Alternativ können auch Knochen-Knorpelzylinder an weniger belasteten Stellen im Knie entnommen und im Bereich der Schädigung eingesetzt werden. Hierbei wird körpereigenes Material verwendet, das natürlich nur bedingt verfügbar ist. Dieses Verfahren nennt man OATS. Mittlerweile gibt es auch künstliche Knorpelzylinder, z.B. Trufit, die bei kleinen Defekten eingesetzt werden können, ohne dass der gesunde Knorpel an einer anderen Stelle geschädigt werden muss. Die ersten Ergebnisse sind erfolgreich, jedoch fehlen derzeit noch gute Langzeitkontrollen dieses Verfahrens.

Die „Luxusvariante“ sind derzeit Verfahren, bei denen zuerst körpereigene Knorpelzellen entnommen werden und dann im Labor daraus ein künstliches Knorpelvlies gezüchtet wird. Dies wird dann in einem zweiten Eingriff auf den Defekt im Kniegelenk aufgebracht.

Wichtig ist bei der Auswahl des Verfahrens, die Beschwerden des Patienten und seinen Anspruch an das Knie zu berücksichtigen. Außerdem gilt die Grundregel, dass keine Bilder therapiert werden, sondern nur reale Beschwerden. Ein Knorpelschaden im MRT, der dem Patienten keine Beschwerden bereitet, muss auch nicht operiert werden!

Den Knorpelschaden verhindern


Wirklich verhindern kann man den Knorpelschaden nicht, denn durch Verschleiß nutzt sich der Knorpel im Lauf der Jahre immer etwas ab. Man kann aber versuchen, den Verschleiß zu verlangsamen. Eine Möglichkeit ist, Sport zu treiben und den Knorpel angemessen zu belasten.

Knorpel ist wie ein Azubi – er braucht Druck und Bewegung. Der Knorpel wird durch den Wechsel von Be- und Entlastung optimal ernährt, so wie ein Schwamm sich auch nur wieder mit Wasser aufsaugen kann, wenn er zuvor ausgedrückt wurde.

Zudem kann man versuchen, die Belastung auf das Knie möglichst gering zu halten. Weniger Gewicht ist hier ein entscheidender Faktor. Denn mit jedem Kilo auf den Rippen müssen auch unsere Knie mehr Belastung aushalten. Um sich eine bessere Vorstellung machen zu können, sollte man sich vorstellen, dass biomechanisch jedes Kilogramm mehr an Körpergewicht beim normalen Gehen in der Ebene einer Mehrbelastung von ca. 6 Kilogramm auf dem Kniegelenkknorpel verursacht. Viel Spaß beim Rechnen…

Der zweite entscheidende Faktor ist eine ausreichende muskuläre Stabilisierung des Kniegelenks über eine kräftige und gut gedehnte Beinmuskulatur. Diese entlastet das Knie und nimmt so Druck vom Knorpel. Bei einer vorbestehenden Knorpelschädigung sollte ein angepasstes Krafttraining unbedingt Teil der Therapie sein.

Auch mit Nahrungsergänzungsmitteln, beispielsweise Glucosaminen, Vitaminen/sekundären Pflanzenstoffen, Omega 3 Fettsäuren und Medikamenten kann man gegen den Knorpelschaden vorgehen. Dazu sollte immer der behandelnde Mediziner befragt werden.

Letztendlich ist wichtig, mit anhaltenden Knieschmerzen zum Arzt (Orthopäden) zu gehen. Der kann früh sehen, in welchem Stadium sich der Knieknorpel befindet und rechtzeitig Gegenmaßnahmen einleiten.

Details

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  • Star Vita: Dr. med. Markus Klingenberg arbeitet als Arzt mit den Schwerpunkten Sport- und Ernährungsmedizin und Personal Trainer in Bonn und in der Sportorthopädie der Klinik-am-Ring in Köln. Mehrmals pro Jahr arbeitet er zudem als Tauchmediziner im indischen Ozean. Seine Schwerpunkte umfassen ein Personal Training, Ernährungs-Coaching, und die Leistungsdiagnostik. Als ehemaliger Leistungssportler kombiniert Dr. med. Markus Klingenberg sein Wissen als Sportmediziner und Personal Trainer, um für seine Kunden nachhaltig erfolgreiche individuelle Konzepte zu entwickeln und umzusetzen.
  • Star Erfolge: Arzt, Sportmediziner, Notarzt