Bestürzung bei Stephan Keck – Nach dem Drama am Dhaulagiri www.stephan-keck.at, Paul Gürtler

Bestürzung bei Stephan Keck – Nach dem Drama am Dhaulagiri

  • geschrieben von  Derk Hoberg
Stephan Keck ist wohlbehalten vom Dhaulagiri zurück in der Zivilisation eingetroffen. In seinem letzten Tagebucheintrag schildert er, was sich am Berg abgespielt hat und die gute Entscheidung, den Aufstieg zum Gipfel letztlich nicht zu wagen. Lest mehr in seinem Abschlussbericht:

Tagebuch ENDE – geschrieben am 19.Mai in Kathmandu, Hotel Shangri La

In den letzten Tagen sind wir vom Basislager abgestiegen, haben eine wilde Autofahrt und einen ruhigen Flug von Pokahra nach Kahtmandu hinter uns gebracht und auch einiges über den Verbleib der chinesischen Kollegen erfahren. Aber der Reihe nach:

14. Mai - Basislager Dhaulagiri

Als wir am Vortag unser Lager zusammengeräumt haben, haben wir erfahren, dass einige der Chinesen mit ihren Sherpas im Sturm den Gipfel erreicht haben sollen. An diesem Morgen kamen dann die Sherpas einer anderen Gruppe zu uns und erzählten, dass es Probleme am Berg geben soll. Sie haben über einen Sherpa Funk-Kontakt zu den Sherpas am Berg und vermuten, dass ein chinesischer Bergsteiger beim Abstieg vom Gipfel gestorben ist. Drei Chinesen sollen Erfrierungen haben, ebenso ein Sherpa. Die Bergung durch die vor Ort anwesenden weiteren sieben Sherpas ist im Laufen. Die Gruppe befindet sich irgendwo zwischen Lager III und Lager II im Abstieg. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich neben der Gruppe rund um die chinesischen Kollegen (sieben Bergsteiger und ebenso viele, sehr erfahrene Sherpas) auch noch fünf weitere Bergsteiger am Berg (im Lager I).

Da bei den schlechten Wetterbedingungen eine Rettungsaktion aus dem Basislager nicht möglich ist und die erfahrenen Sherpas der Chinesen alles im Griff zu haben schienen, verließen wir das Basislager mit dieser ungenauen Information. Wir vermuteten, dass den nicht sehr gut akklimatisierten Chinesen bereits im Aufstieg, spätestens aber im Abstieg der Sauerstoff ausgegangen war. Von unserem Standort aus war eine Hilfsaktion einfach nicht möglich. Man befindet sich im Basislager zwei bis drei Tagesmärsche vom Unfallort entfernt. Unser Abstieg aus dem Basislager vollzieht sich dann ebenfalls bei Sturm und Schneefall. Wir können dennoch drei Tagesetappen an diesem Tag absolvieren und bereits den Dschungel erreichen. Für Stephan mit seinem Mountainskyver, sicher ein anstrengender Tag. Er darf seinen Roller den ganzen Weg tragen. Immer in der Hoffnung, doch noch einige Meter fahren zu können.

15.5. Der Abstieg geht weiter

Auch heute steigen wir wieder drei Etappen ab. Ein wilder Weg führt durch eine wilde Gegend. Wir sehen den Hubschrauber ins Basislager fliegen und vermuteten, dass es dort oben möglicherweise ein Problem gibt.

16.5. Erschütternde Nachrichten

Dieser Tag ist sicher der anstrengendste des Abstieges. In glühender, für uns ungewohnter Hitze, erreichen wir den ersten Ort, von dem eine Straße in belebtere Gegenden führt - auch eine Telefonverbindung ist hier wieder vorhanden. Am Morgen haben wir zwei weitere Hubschrauber Richtung Basislager Dhaulagiri fliegen sehen. Hier im Ort erhalten wir die erschütternde Nachricht, dass drei chinesische Kollegen am Berg verstorben waren. Sie hatten am 13.Mai sehr spät den Gipfel erreicht und mussten im Abstieg kurz unterhalb des Gipfels ohne Zelt im Sturm biwakieren. Dabei verloren die drei Kollegen ihr Leben.

Neben den drei Toten haben fast alle anderen Erfrierungen erlitten. Der Sauerstoff war ihnen ausgegangen. Die Sherpas haben den Rest der Mannschaft den Berg herunter gebracht. Die letzten wurden von einem zufällig in Nepal weilenden Schweizer Hubschrauber-Team der Kobler-Gruppe kurz oberhalb vom Lager I ausgeflogen.

17.5. und 18.5.  Fahrt nach Pokhara - Flug nach Kathmandu

19.5. Zurück in Kathmandu

Wir sind noch immer erschüttert. Wir waren mehrmals bei den Chinesen im Basislager und haben die Situation mit Ihnen gemeinsam analysiert. Der Wetterbericht hat für den geplanten Gipfeltag und die Tage vorher zwar kein sehr gutes, aber auch kein unmögliches Wetter vorhergesagt. Es gab sogar ein Statement der Wetterwarte, dass ab dem 12.5. der Jetstream (Höhenwind) nach Süden, also nach Nordindien ausweichen würde. Da der Wetterbericht auch die Wochen vorher öfter breite Interpretationen zugelassen hat - es ist ja auch nur eine Vorhersage und stimmt daher nicht immer - war es sicher legitim, einen Versuch zu wagen.

Leider hat sich im Laufe des Aufstieges das Wetter schlechter entwickelt als erhofft. Wir sind gemeinsam mit den Chinesen am 10. und 11.5. aufgestiegen. Das veränderte Wetter haben wir im Lager II in der Nacht vom 11. auf den 12.5. zu spüren bekommen. Während wir die Entscheidung getroffen haben, abzusteigen, haben unsere chinesischen Kollegen sich dafür entschieden, mit künstlichem Sauerstoff in Richtung Gipfel zu gehen. In dieser Art der Besteigungen waren diese Chinesen erfahren. Sie hatten vor rund einem halben Jahr auch den Manaslu so bestiegen. Daher haben sie sich sicher gute Chancen ausgerechnet.

Mahnung für die Zukunft

Leider hat sich diese Besteigung zu einem Drama entwickelt. Bei einem hohen Berg wie diesem verschwimmt die Grenze zwischen kalkulierbarem Risiko und... Wir sind froh, dass wir nach einer Nacht des Kampfes gegen den Sturm die Entscheidung „ Abstieg” getroffen haben. Natürlich wussten wir in diesem Moment, dass für uns die Gipfelchance vorbei war. Aber was macht das schon, wenn man dafür gesund heimkommen kann. Wir trauern um diese drei Bergsteiger, die sich uns gegenüber immer sehr gastfreundlich, interessiert und korrekt verhalten haben. Wir werden in den nächsten Tagen nach Hause fliegen. Von dieser Expedition nehmen wir hauptsächlich das Drama um die chinesischen Bergsteiger als Mahnung für die Zukunft mit.

Eine defensive Entscheidungskultur verhindert zwar manchmal den Gipfelsieg, aber kein Berg der Welt ist es wert, seine Gesundheit über Gebühr zu riskieren.

Bemerkung am Rande: In den letzten Tagen wurden im Zuge einer Säuberungsaktion am Everest ein russischer Bergsteiger und unser gemeinsamer Freund, Gianni Goltz (verunglückt 2008 am Everest Südsattel, mehr dazu im Interview mit Stephan Keck) vom Everest geborgen. Gianni wird voraussichtlich morgen im Zuge einer buddhistischen Zeremonie in Kathmandu feuerbestattet.

Danke an unsere Familien und an all unsere Freunde, die uns die Daumen gehalten haben. Vielen Dank auch an unsere (Stephans) Sponsoren (circu health(Mars), Völkl, Vaude, Marker, Black Diamond, La Sportiva, Leki, Julbo, Edelweiss, Arva) sowie an die netzathleten für die tolle Berichterstattung.

Kathmandu 19.5.2010,
Stephan und Paul

Hier seht Ihr nochmals alle Impressionen von Stephans Dhaulagiri-Expedition

 

Details

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  • Star Vita: Stephan Keck (25.09.1973), geboren in Schwaz in Tirol, ist Bergführer, Tourenguide, Ski- und Snowboardlehrer, sowie Mental- und Motivationstrainer. Der Extrembergsteiger ist auf den höchsten Bergen der Welt unterwegs, unter anderem auf dem Mount Everest und dem Nanga Parbat war er schon. Für die die nächsten Jahre hat er zahlreiche weitere Projekte geplant. Er gründete das Hilfsprojekt step 0.1 mit dem er sich sozial engagiert.
  • Star Erfolge: Shisha Pangma (2004), Nanga Parbat (2006), Mount Everest (2008), uvm.
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