Was ist Flossing? Interview mit Physiotherapeut Ralf Blume Ralf Blume

Was ist Flossing? Interview mit Physiotherapeut Ralf Blume

In Physiotherapie und Rehabilitation halten immer wieder neue Behandlungsmethoden Einzug. Derzeit im Kommen: Flossing. Auch der Physiotherapeut Ralf Blume, der unter anderem die Bundesligamannschaft von Hannover 96 betreut, setzt Flossing ein. Im Interview verrät er uns, was es mit dieser Behandlungsmethode auf sich hat.
netzathleten.de: Herr Blume, Flossing kommt in Rehabilitation und Physiotherapie immer häufiger zum Einsatz. Die Studienlage dazu ist allerdings recht dünn. Was genau muss man sich darunter vorstellen?
Ralf Blume: Beim Flossing wird mittels eines speziellen Gummibandes Gewebe abgeschnürt. Dadurch werden alle fließenden Ströme in diesem Bereich unterbrochen. Zudem wirkt ein enormer Druck von außen auf alle Strukturen der betroffenen Stelle. In diesem Zustand wird die Struktur dann möglichst aktiv bewegt. In der Folge lösen sich Adhäsionen und unphysiologische Cross-Links bis in die tiefsten Schichten.

netzathleten.de: Heißt, man macht sich auch hier den Schwammeffekt zunutze, ähnlich wie bei Faszienrollen?
Ralf Blume: Ganz genau. Man hat die gleichen Effekte, aber eben nicht nur lokal begrenzt, sondern ringsherum. Vereinfacht ausgedrückt ist ein Flossingband eine Faszienrolle rings um das betroffene Gewebe. Löst man das Band wieder, wird der komplette Bereich kräftig durchgespült, Lymphe beispielsweise besser abtransportiert, es kommt – wortwörtlich–wieder Leben hinein.

netzathleten.de: Sie haben gesagt, dass man die betroffene Struktur im Idealfall aktiv bewegt. Warum ist das wichtig?
Ralf Blume: Das bietet sich an, um wieder mehr Bewegungsspielraum zu gewinnen und die Adhäsionen zu lösen. Wenn es irgendwie geht, empfiehlt sich die Aktivität. Aber man kann Flossing auch passiv oder assistiv nutzen. Ein typisches Vorgehen bei einer Knieverletzung kann beispielsweise sein: Ich lege das Band an und bewege das Knie des Patienten. Anschließend soll der Patient die Bewegung leicht unterstützen und schließlich im dritten Schritt selbstständig Kniebeugen machen.

netzathleten.de: Wenn beim Flossing praktisch sämtliche Flüssigkeitsströme unterbrochen werden, wie lange darf denn das Band dann dran bleiben, ohne Schäden zu verursachen?
Ralf Blume: In der Regel bleibt das Band eine bis drei Minuten angelegt. Spätestens aber, wenn sich die Haut massiv weiß verfärbt, starker Schmerz auftritt oder die Extremität taub wird, sollte man aufhören.

netzathleten.de: Ist eine Anwendung mit mehreren Wiederholungen denkbar und wie könnte diese aussehen?
Ralf Blume: Das kann man prinzipiell machen. Wie sich die Flossing-Behandlung gestaltet, ist aber von Fall zu Fall unterschiedlich. Ich persönlich mache es oft so, dass ich zu Beginn der Therapieeinheit zwei, drei Minuten flosse, dann die eigentliche Behandlung durchführe und am Ende nochmal das Band anlege. Das hat einen ganz guten Effekt. Aber auch bei akuten Verletzungen kann man flossen. Nehmen wir an, ein Spieler kommt vom Platz und ist mit dem Sprunggelenk umgeknickt. Dann flosse ich für etwa zwei Minuten und mobilisiere das Gelenk vorsichtig. Dann löse ich das Band und lasse wieder für etwa eine Minute Blut durch das Gewebe. Anschließend flosse ich das Sprunggelenk erneut. Dieses Vorgehen wiederhole ich dann sechs bis acht Mal. Dann bin ich zwar eine halbe Stunde beschäftigt, aber es lohnt sich: Die Schwellung wird in Grenzen gehalten und der Schmerz sofort gesenkt – ohne Medikamente! Das jedenfalls ist meine Beobachtung. Die deckt sich im Übrigen auch mit denen von Oliver Schmidtlein aus München, der ebenfalls Flossing anwendet und mit dem ich mich regelmäßig austausche. Der große Druck von außen scheint dazu zuführen, dass das Zuviel an Flüssigkeit besser abfließen kann.

netzathleten.de: Besteht die Gefahr, dass nach dem Lösen des Bandes wieder mehr Flüssigkeit ins Gewebe eindringt?
Ralf Blume: Diese Beobachtung kann ich bisher nicht bestätigen. Ich habe auch nach etwa 400 bis 500 Flossing-Anwendungen noch nicht festgestellt, dass sich im Anschluss eine Verletzung verschlechtert hätte. Jedenfalls, wenn die betroffene Region, zum Beispiel Knie oder Sprunggelenk, strukturell in Ordnung ist. Befinden sich aber beispielsweise lose Knorpelfragmente im Knie, kann es schon sein, dass auch wieder Flüssigkeit nachfließt. Bei einer intakten Struktur wird der Heilungsprozess durch Flossing aber positiv beeinflusst.

netzathleten.de: Gibt es aus Ihrer Erfahrung Kontraindikationen, wann man Flossing nicht anwenden sollte?
Ralf Blume: Kontraindikationen sind in erster Linie Hautkrankheiten, arterielle Verschlusskrankheiten bei Herzinsuffizienzen und ansonsten die typischen Kontraindikationen, wie beispielsweise Tumore, oder bakterielle Entzündungen.

netzathleten.de: Und inwiefern kann Flossing bei kaputten Strukturen Sinn machen oder sind diese auch eine Kontraindikation?
Ralf Blume: Bei Muskeltonusstörungen, Faserrissen, Bandläsionen oder Meniskusschäden spricht nichts dagegen zu flossen. Natürlich darf ich nicht erwarten, dass dadurch die Struktur wieder hergestellt wird. Aber das gesamte Milieu kann verbessert werden, das heißt, den Betroffenen geht es – bezogen auf ihr persönliches Empfinden – nach dem Flossing meist deutlich besser.

netzathleten.de: Und ganz konkret: Wann kommt Flossing zum Einsatz?
Ralf Blume: Konkret immer dann, wenn Bewegung eingeschränkt ist, und etwas wehtut. Flossing lindert die Schmerzen und hilft enorm, die Beweglichkeit zu verbessern. Übrigens auch bei alten Verletzungen und chronischen Gelenkleiden der Extremitäten.



netzathleten.de: Klingt fast nach einem Allheilmittel…

Ralf Blume: Das geht etwas zu weit. Ich sehe das Flossing als ein weiteres Therapiewerkzeug in meinem Werkzeugkasten. Es ist keine eigenständige Therapiemethode, aber ein eminent effektives Tool, dass in nahezu jeder Therapieform, wie manuelle Therapie, PNF und so weiter, integriert werden kann – und wird. Es geht sehr schnell und das Ergebnis ist sofort messbar. Das freut den Patienten – und natürlich auch den Behandler.
Man darf aber nicht vergessen, dass die Behandlung sehr unangenehm und schmerzhaft ist. Und das muss sie auch sein, sonst wirkt sie nicht. Beim Flossing muss es zu kleinen „Zerreißungen“ mit einer anschließenden kompletten Durchspülung aller Strukturen kommen. Wenn man das Band löst, merkt man, dass wieder richtig Leben in die Partie kommt.  Wenn dieser Effekt nicht da ist, werden die Beschwerden auch nicht besser.

netzathleten.de: Kann man das Band auch zu fest wickeln?
Ralf Blume: Das geht schon, allerdings gibt einem der Patient in der Regel rechtzeitig Rückmeldung. Wenn die Schmerzen schon vom bloßen Druck so stark sind, dass er es nicht aushalten kann, dann ist es zu fest. Es sollte schon noch eine Bewegung möglich sein, die zwar sehr, sehr unangenehm, aber nicht brutal schmerzhaft ist.

netzathleten.de: Wie sehen ihre Erfahrungen in Bezug auf die Verletzungsdauer aus. Ist beispielsweise ein Spieler mit Muskelfaserriss mit einer Flossingbehandlung schneller wieder fit?
Ralf Blume: Eine solche Annahme ist eine große Gefahr. Wir bei Hannover 96 sind diesbezüglich sehr vorsichtig. Wir können die Physiologie mit Flossing nicht austricksen. Es geht zwar dem Betroffenen deutlich schneller wieder deutlich besser. Aber der physiologische Schmerz beziehungsweise Schutzmechanismus wird dadurch nicht aufgehoben. Die Rekonvaleszenz und Behandlungsdauer bleibt unterm Strich gleich. Allerdings fühlt sich der Spieler in dieser Zeit deutlich besser und bewegt sich schneller wieder ohne Schonhaltungen oder Ausweichbewegungen. Gefährlich kann es sein, wenn man Flossing mit Schmerzmitteln kombiniert, weil man dann eventuell zu früh die defekte Struktur wieder belastet.

Weitere Informationen zu Ralf Blume, sowie zu den von ihm angebotenen Flossing-Kursen gibt es unter: www.ralfblume.de

Alle Fotos im Text und Video: ©Ralf Blume