„Talententwicklung im Fußball braucht richtige Werte“ gettyimages.de -- Goerkem Saglam (re.) und Johannes Eggestein im Trikot der U 17-Nationalmannschaft
Interview mit Sportwissenschaftler Martin Weddemann

„Talententwicklung im Fußball braucht richtige Werte“

  • geschrieben von  Frank Schneller (Medienmannschaft)
Martin Weddemann hat gemeinsam mit Lars Lienhard 2010 “FOCUS ON PERFORMANCE“ gegründet und Neuroathletiktraining im deutschen und europäischen Spitzensport bekannt gemacht. Von ihrem Trainingsansatz profitierten bereits Fußball- und Leichtathletik-Stars, Spitzenhandballer, Top-Athleten des Bob-, Skeleton- und Rodel-Sports und auch Broadway-Künstler. Erfolgreiche Olympioniken (2012, 2014, 2016) und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft (vor und während der WM 2014) vertrauten dem Duo. In den letzten sieben Jahren suchten auch immer wieder junge Talente die Zusammenarbeit, um auf ihrem Weg zur Spitze optimal betreut und begleitet zu werden. Martin Weddemann hat beim Fußballblog TALENTKRITIKER ein tiefgründiges Interview zum Thema Talententwicklung im Fußball gegeben. Wir haben nachgehakt und das Thema in einem weiteren Dialog mit dem Sportwissenschaftler zugespitzt.
Die Sportart Nummer eins ist Fußball – inzwischen ein Millionenbusiness. Wie entwickelt man in solch einem Umfeld überhaupt Talente? Was ist das Erfolgsrezept der Topstars? Gibt es eine Erfolgsformel für junge Talente?

Nein, pauschale Erfolgsformeln gibt es leider nicht, da jede Karriere und deren Verlauf höchst individuell verläuft. Viele erfolgreiche Karrieren zeigen allerdings, dass man die Komponente Glück nicht unterschätzen sollte. Glück kann man nicht planen, aber man kann eine Menge dafür tun, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Seriöse Vorbereitung ist entscheidend, denn letztlich ist Glück oft nichts anderes als Bereitschaft, die auf Gelegenheit trifft. Man muss bereit und vorbereitet sein wenn die Gelegenheit kommt. Ein gutes Umfeld kann definitiv helfen, diese Gelegenheiten zu antizipieren und rechtzeitig zu erkennen. Die Bereitschaft, diese Gelegenheit auch zu nutzen hängt dann stark von der internalen Motivationslage des Talents ab, die wiederum auch stark vom direkten sozialen Umfeld geprägt und in der frühen Kindheit und Jugend maßgeblich entwickelt wird.

Die Philosophie von “FOCUS ON PERFORMANCE“ lautet: ,,Du bist nur so stark wie deine schwächste Stelle.“ Trifft das auch auf Komponenten außerhalb des Trainings zu – wie zum Beispiel auf die Komponente des direkten sozialen Umfelds?

Unsere Philosophie stammt aus unserer Anfangszeit. Sie bezieht sich in erster Linie auf die Bewegungssteuerung und zielt auf ein effektives, effizientes und individuelles sportartspezifisches und neuronal gesteuertes Athletiktraining ab. Diese Philosophie lässt sich aber natürlich auch auf das direkte soziale Umfeld eines jungen Menschen übertragen. Auch dieses kann die schwächste Stelle im System sein und zum limitierenden Faktor werden. Das reine Training der athletischen, technischen und taktischen Komponenten ist natürlich essentiell aber eben nicht alleine ausschlaggebend, ob es ein Talent nach ganz oben schafft. Es kommen immer noch weitere Faktoren wie das direkte sozio-kulturelle Umfeld, internale Motivation, gute Trainer und das richtige Mindset des Athleten dazu, um im Hochleistungssektor Spitzenleistungen abrufen zu können.

Martin Weddemann
Martin Weddemann (©FOCUS ON PERFORMANCE)

Kannst Du hier etwas präziser werden und diese weiteren Faktoren am Beispiel eines jungen Fußballers erklären?

Ich betrachte ein Talent und sein direktes Umfeld immer aus einer sozialpsychologischen, einer pädagogischen und einer athletischen Perspektive, wobei die Entwicklung der letzteren viel von der Qualität der Trainer im jeweiligen Nachwuchs-Leistungszentrum abhängt und weniger als die ersten beiden Perspektiven durch direkte Intervention beeinflusst werden kann. Daher werde ich hier ausführlich nur auf die ersten beiden Komponenten eingehen.

Dieser sozialpsychologisch-pädagogische Blickwinkel aber wird in der Öffentlichkeit und in den Medien so gut wie gar nicht thematisiert.

Die sozialpsychologische Perspektive, welche das soziokulturelle Umfeld des Talents miteinbezieht, als auch die pädagogische Perspektive, dessen Basis sich aus Kerntugenden wie Fleiß, Freundschaft, Loyalität, Lernwilligkeit und Spaß – also Liebe zum Spiel – speist, sind die Grundvoraussetzungen um das richtige Mindset und die richtige Einstellung zum Spitzensport und somit für Training und Wettkampf zu entwickeln. Hier habe ich mich viel mit dem Lebenswerk des legendären Basketball-Coaches John Wooden beschäftigt, der größten Wert auf Tugenden, Werte, Normen und Charakter gelegt hat. Um das maximale genetische Potential eines Talents durch Training entfalten zu können, muss auch das direkte soziokulturelle Umfeld stimmen und das Talent sollte einen gewissen Wertekanon erlernen bzw. im besten Fall bereits mitbringen. Dieser sollte letztlich zu Selbstreflexion, Selbstkontrolle und zu Selbstbewusstsein sowie zur Ausbildung gewisser Kerntugenden führen, die auf dem Weg vom Talent zum Champion unerlässlich sind.

Diesen Standpunkt veranschaulicht auch diese Graphik von Dir: Ein Werkzeugkasten für die Entwicklung vom Fußballtalent zum Champion. Kannst Du uns kurz den Aufbau der Graphik erklären? Uns interessieren besonders der sozialpsychologische und pädagogische Bereich. 

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Diese Grafik ist das Ergebnis meiner Beobachtungen in den letzten Jahren, wo wir insbesondere mit sehr vielen jungen Fußballtalenten und deren Umfeld zusammengearbeitet haben. Sie illustriert meine generelle Sicht auf die Talententwicklung im Fußball und beansprucht keine Allgemeingültigkeit. Die Grafik soll beschreiben, was für ein Talent auf dem Weg zum Champion, also in die absolute Weltspitze, essentiell ist. Die für mich wichtigste Perspektive ist die sozialpsychologische. Denn das soziokulturelle Umfeld und die Aktivitäten abseits des Vereinslebens in Elternaus, Schule und direktem Umfeld nehmen sehr starken Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und Motivation eines jungen Menschen. Hier ist vor allem ein stabiles Elternhaus, das Kerntugenden und ein Wertegerüst vorlebt und vermittelt, von größter Wichtigkeit. Ist dies nicht gegeben ist oftmals auch das beste Training nutzlos.

Kannst Du bitte noch mehr auf diese Kerntugenden und das von Dir angesprochene Wertegerüst eingehen?

Weddemann: Gern. Jetzt sind wir auch direkt bei der pädagogischen Perspektive. Hier wird die charakterliche Basis für einen Champion definiert. Ein herausragender Fußballer ist noch lange kein herausragender Charakter, geschweige denn ein Champion und Vorbild. Es sollte aus meiner Sicht in Elternhaus, Schule und Verein früh viel Wert auf folgende charakterliche Eigenschaften und Tugenden gelegt werden: Ehrlichkeit, Loyalität, Fleiß, Respekt, Lernwilligkeit, Freundschaft, Zuverlässigkeit und vor allem sollte der Spaß im Vordergrund stehen. Der Enthusiasmus für die Sportart Fußball sollte ohne Druck ausgelebt werden können. Der Spaß am Spiel ist ein ganz entscheidender Faktor. Diese Grundwerte und Tugenden sind neben einer natürlichen Aufmerksamkeit und Offenheit die Basis, um eigeninitiativ, selbstbewusst, selbstkontrolliert und entschlossen Entscheidungen auf und außerhalb des Fußballplatzes treffen zu können. Diese Basis führt dazu, dass sich Talente realistische Ziele setzen und diese beharrlich und mit Geduld verfolgen und mit Eifer und Entschlossenheit hart an ihren Zielen arbeiten. Ich sage jungen Talenten immer, dass sie sich die Liebe zum Spiel fest in ihrem Herzen einschließen sollen, denn daraus ziehen sie ihre gesamte internale Motivation: Die Motivation jeden Tag, in jedem Training auf eine ganz bestimmte Weise oder in einem bestimmten Detail besser werden zu wollen.

Und welche Rolle spielt jetzt das direkte soziale Umfeld für diesen Wertetransfer und für die Ausprägung der richtigen Motivationslage eines Talents konkret?

Es sollte darauf geachtet werden, dass im direkten sozialen Umfeld keine ‚schädlichen Einflüsse‘, wie ‚falsche Freunde‘ und unqualifizierte ‚Berater‘ zu früh zu viel und oftmals leider auch den falschen Einfluss auf das Talent ausüben. Denn dies kann zu einer gefährlichen Verschiebung der Wertebasis und der Motivationslage führen – von selbstbestimmt zu fremdbestimmt und von internal, also der Liebe zum Spiel, zu external – das bedeutet Geld, Sachwerte, Schmeicheleien etc.. Unaufrichtiges und zu häufiges Lob und zu früh zu viel Geld können bei Talenten mit schwierigem soziokulturellen Hintergrund und instabilen Elternhäusern die oftmals fehlende Selbstreflexion massiv verstärken und das Selbstbild gefährlich verzerren.

...und zum Karriere-Knick führen, ehe diese richtig losgeht...

...richtig. Nicht selten führt das zum Drop-Out auf und außerhalb des Platzes. Der zuvor beschriebene Prozess zum Erlangen einer Wertebasis, die zu einem positiven Selbstbild führt, ist dann im weiteren Prozess die Grundvoraussetzung um ein Rollenverständnis im Team und Verein zu entwickeln, Teamspirit zu fühlen und auch vorzuleben. Dieses Wertegerüst ist auch eine Grundvoraussetzung für eine sehr gute moralische, mentale und körperliche Verfassung, die dazu führt, dass technische und taktische Fertigkeiten im Training und im Spielmodus schnell und stressfrei erlernt werden können. Das wiederum führt zu Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, um im Wettkampf unter Druck Topleistung abrufen zu können.

Lars Lienhardt
Lars Lienhard mit einem jungen Toptalent vom FC Bayern beim Training auf dem adidas World of Sport Campus in Herzogenaurach (©FOCUS ON PERFORMANCE)


Welche Bedeutung hat dieses Erlenen von Werten und Grundtugenden für den Erfolg von Training?

Die Basis für die charakterliche Entwicklung und für Spitzenleistung wird in der Kindheit und der Jugend gelegt. Daher spreche ich auch gerne davon, dass es ein langer Weg vom (Bewegungs-)Talent zum Champion ist. Hier geht es viel um Zwischenmenschlichkeit und um Führung durch Achtung und Respekt. Es hilft unabhängig vom Umfeld natürlich enorm, wenn man ein herausragendes genetisches Potential mitbringt. Aber dies ist, um ganz oben anzukommen, bei Weitem nicht alles. Man wird als Bewegungstalent anfangs immer erste Erfolge feiern und oft auch besser und schneller als Mitspieler lernen, aber konstant über Jahre Spitzenleistung im absoluten Topsegment zu erbringen, ist ein Lernprozess und basiert auf einer stabilen und starken Persönlichkeit, auf einem Wertegerüst und starker internaler Motivation – und nicht nur auf genetischem Bewegungspotential.

Wie bewertest Du den Faktor der Gene?

Bezogen auf genetisch limitierte Sportarten wie z.B. den 100m Sprint spielt die Genetik natürlich eine entscheidende Rolle. Nicht jeder kann ein Usain Bolt werden. Dennoch ist auch in Bezug auf den Genpool wichtig, dass zur richtigen Zeit die richtigen Förderschritte im Training und im direkten Umfeld erfolgen. Es sollte zudem frühzeitig erkannt werden, dass ein genetisches Grundpotential vorhanden ist und limitierende Faktoren ausgeschlossen werden. Generell kann man allerdings sagen, dass Talent kein mysteriöses und nur von den Genen vorbestimmtes Geheimnis ist.

Sondern?

Die Medaille hat definitiv zwei Seiten: Der dänische Performance-Anthropologe Rasmus Ankersen beschreibt das Verhältnis Talent und Gene wie folgt: „Genetics can’t tell us who will be a star performer. At best it can tell us who will certainly never be. Good genes might be the entry ticket to the game of world-class performance, but they are not the decisive factor for who will win. Talent is not something static; it must be understood dynamically.” Ich sehe das ähnlich insbesondere in Bezug auf die komplexe Sportart Fußball. Ein Toptalent mit herausragendem genetischen Potential und parallel dazu einem herausragendem Charakter, das frühzeitig im richtigen Umfeld gefördert wird, wird von seinen Ausgangsvoraussetzungen immer dem Talent mit dem ‚nur‘ herausragenden Charakter überlegen sein. Aber ein Talent mit herausragendem Charakter wird immer dem genetisch hochveranlagten Talent mit einer instabilen Persönlichkeit und dem defizitären Charakter überlegen sein. Das ist auch die Besonderheit im Fußball: Hier können in Bezug auf das genetische athletische Potential auch weniger beschenkte Menschen eine herausragende Rolle spielen. In Sportarten wie dem 100m-Sprint ist das genetische Potential jedoch ein sehr stark limitierender Faktor. Ein Pep Guardiola kann niemals ein Usain Bolt werden, das gegenteilige Szenario wäre rein hypothetisch schon eher möglich.

Ein junges Fußballtalent ist etlichen Einflussfaktoren ausgesetzt, die auch unerkannt wirken: Anfangs wären da beispielsweise übermäßige Aufmerksamkeit und Wertschätzung, wenn ein Wechsel zu einem namhaften Verein stattfindet, auf der anderen Seite aber auch Missgunst und Neid. Hinzu kommen steigende Erwartungshaltungen, falsche Freunde überambitionierte Eltern. Später Geld und Medienwirksamkeit.. Wie wichtig ist eine seriöse Beratung?

Äußerst wichtig. Die bisher geschilderten Komponenten können das Talent und sein direktes Umfeld selbst beeinflussen und zu großen Teilen steuern. Hier kommt dann auch ein seriöser und guter Berater mit ins Spiel, der das Fußballgeschäft bestens kennt und dem Talent und der Familie dabei hilft, ein stabiles Umfeld aufrecht zu erhalten, das neben dem Verein und der Schule dafür sorgt, die charakterliche Entwicklung in die richtige Richtung zu bewegen. Und nicht auch noch Druck ausübt. Es ist schon schwierig genug, in den jungen Jahren die Anforderungen von Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bekommen. Zudem herrscht schon sehr früh starker Leistungs- und Selektionsdruck im Verein. Verstärkt wird dies durch die übermäßige Aufmerksamkeit, die einem jungen Fußballtalent von vielen Seiten zu Teil wird. Neue ‚Freunde‘ und dubiose ‚Berater‘ biedern sich früh an, dann gibt es noch diverse junge Mädchen, die in Zukunft gerne ‚Spielerfrau‘ und/oder Social Media Influencerin werden möchten, und viele weitere unnötige Ablenkungen. Zudem muss noch die Pubertät mit all ihren Höhen und Tiefen bewältigt werden. Die jungen Talente zahlen auf jeden Fall einen sehr hohen Preis für die Realisierung ihres Traums vom Fußballprofi. Im Grunde geben Sie ihre Kindheit und Jugend auf. Daher ist ein stabiles Umfeld das Tugenden, Werte und Normen vermittelt und dem jungen Menschen als Ratgeber in schwierigen Situationen zur Seite steht, essentiell.

Weitere Informationen zum Thema:

Zu Martin Weddemann; focus-on-performance.de

Hier findet Ihr das Interview auf talentkritiker.de

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