Wie wird man Profi-Fußballer beim FC Bayern? – Ein Interview mit FCB-Scout Timon Pauls ©netzathleten.de/Stefan Schnürle

Wie wird man Profi-Fußballer beim FC Bayern? – Ein Interview mit FCB-Scout Timon Pauls

  • geschrieben von  Stefan Schnürle
Welcher Junge träumt nicht davon, einmal Profi-Fußballer zu werden? Doch nur für die Wenigsten erfüllt sich dieser Traum. Wir haben im Rahmen des Allianz Junior Football Camps mit Timon Pauls gesprochen, der bei Bayern München U9-Co-Trainer und Scout ist. Pauls weiß, was ein junger Fußballer braucht, um seinen Traum zu verwirklichen.

netzathleten.de: Timon Pauls, welche Eigenschaften sollte man mitbringen, um Profifußballer zu werden?

Timon Pauls: Sehr viele Eigenschaften, aber es ist auch immer ein bisschen Glück dabei. Denn hier bei Bayern München sind alles talentierte Jungs, die fußballerisch, technisch und koordinativ sehr gut sind. Es gibt mehre Punkte, nach denen wir Spieler auswählen. Dazu zählen Technik, Koordination und Durchsetzungsvermögen. Aber auch Wille, Biss, Ehrgeiz und das Verhalten auf dem Platz ist uns wichtig. Wir achten zum Beispiel darauf, ob jemand ein Mannschaftsspieler ist und dem Team weiterhilft. Dennoch ist es besonders in jungen Jahren schwer vorherzusagen, wohin der Weg einmal führen wird.

netzathleten.de: Achtet Ihr auf gewisse Fähigkeiten besonders? Wie kann ein junger Spieler aus der Masse herausstechen?

Timon Pauls: Es gibt natürlich ein paar Dinge, die ein Spieler mitbringen muss. Eine gewisse Grundschnelligkeit sollte vorhanden sein, da sie speziell auf diesem hohen Niveau auch im Jugendbereich wichtig ist. Technisch kann man immer gut mit den Spielern arbeiten, auch wenn unsere bereits gut ausgebildet zu uns kommen. Es fällt aber auf, dass alle herausragenden Spieler über eine besondere Qualität verfügen. Diese sind dann zum Beispiel besonders schnell oder technisch überragend. Grundsätzlich ist es wichtig, dass ein Spieler alle Kategorien abdeckt. Hat er zusätzlich noch eine Fähigkeit, die bei ihm besonders ausgeprägt ist, spricht man von einem Topspieler.

netzathleten.de: Wie sehr achtet Ihr bei den Kindern bereits auf Dinge wie Größe und Zweikampfhärte? Müssen die Spieler in diesen Aspekten bereits gut entwickelt sein oder spielt das für Euch erst einmal eine untergeordnete Rolle?


Timon Pauls: Im unteren Bereich schauen wir überhaupt nicht auf die Größe. Da interessiert uns nur, wie er als Fußballer ist, wie er sich bewegt und wie seine Technik ist. Auch der Charakter ist uns bereits im jungen Alter sehr wichtig. Man sieht es doch im Profifußball, dass viele kleinere, schmächtige Spieler sehr gut sind. Wir motivieren die Spieler auf keinen Fall dazu besonders hart zu spielen. Dominanz ausstrahlen, den Ball in unsere Reihen halten und Richtung Tor spielen, lautet unsere Vorstellung.

netzathleten.de: Eine Wachstumsbehandlung wie bei Lionel Messi kommt für den FC Bayern also nicht infrage?


Timon Pauls: Nein, auf keinen Fall. Die Größe interessiert uns nicht. Bei einem Torwart ist die Situation ein bisschen anders. Hier ist es sicher vom Vorteil zu wissen, wie groß er wird. Denn es ist einfach wichtig zu erfahren, ob der Torwart eher zwei Meter oder doch nur 1,60 Meter groß wird. Das sind natürlich Sachen, die man auch untersucht.

netzathleten.de: Wie kriegt man den Spagat zwischen Schule und Fußballkarriere hin? Muss man für seinen Traum Profi-Fußballer zu werden sogar die Schule etwas vernachlässigen?

Timon Pauls: Nein, das denke ich nicht. Eltern würden uns heutzutage ihre Kinder nicht mehr anvertrauen, wenn sie glauben, dass wir uns nicht um die Schule kümmern. Wir achten sehr auf die schulischen Leistungen der Spieler. Dazu haben wir auch Schulbeauftragte und sogar ältere Spieler, die den jüngeren Spielern Nachhilfe geben. Außerdem werden Noten kontrolliert und Zeugnisse eingesammelt. Sollte es bei einem Spieler trotz unserer Unterstützung nicht klappen, dann muss er als logische Konsequenz beim Fußball aussetzen.



netzathleten.de: Wie wird man Jugendspieler beim FC Bayern? Werden die Spieler gescoutet, kann man sich, wie beim ZDF-Sportstudio, per Video bewerben oder veranstaltet Ihr einen eigenen Jugend-Fußballtag dafür?

Timon Pauls: Wir haben natürlich jeden Tag etliche Bewerbungen auf dem Tisch liegen. Aber so funktioniert es in den seltensten Fällen. Die guten Spieler kennt man normalerweise, gerade im oberen Bereich. Bei den unteren Altersklassen bis 13 Jahre ist es einfach harte Arbeit. Da müssen wir mit Scouts rausfahren, die dann vor Ort in den kleinsten Provinzen um München und in Bayern Spieler suchen. Da kann es vorkommen, dass wir an einem Wochenende mit acht, neun Leuten unterwegs sind, die sich nur Jugendspiele anschauen, um die Nadel im Heuhaufen zu finden.

netzathleten.de: Was kann ein Spieler tun, der bei einem kleinen Verein auf dem Land spielt, um auf sich aufmerksam zu machen? Ihr werdet vermutlich nicht jeden Verein in ganz Bayern anschauen können.

Timon Pauls: Den Münchner Raum versuchen wir schon komplett abzudecken, weil das alles potentielle Spieler sind und es fahrtechnisch kein Problem ist. Wir haben aber auch in Bayern sogenannte Regionalscouts, die in verschiedenen Stützpunkten um München sitzen, wie zum Beispiel in Deggendorf. Aber ein Spieler, der wirklich das Talent hat Profifußballer zu werden, wird sich durchsetzen und von uns früher oder später auf jeden Fall gefunden.

netzathleten.de: Habt Ihr bei den Jugendmannschaften eine feste Spielphilosophie und wie sieht die aus?

Timon Pauls: Momentan ist es eine schwierige Phase, weil wir auf die neuen Vorgaben warten, was im Jugendbereich verlangt wird. Aber natürlich haben wir unsere einheitlichen Spielsysteme. Unser Ziel ist es attraktiven und offensiven Fußball zu spielen. Dazu wollen wir Dominanz ausstrahlen, das Spiel machen und früh attackieren. Es ist uns dabei auch wichtig, dass wir das Bayern München-Sieger-Gen, das typische „Mia san Mia“-Gefühl, ausstrahlen.

netzathleten.de: Orientiert und ändert Ihr Euren Spielstil auch passend zu dem der Profis, zum Beispiel jetzt an Pep Guardiolas neuen Vorstellungen?

Timon Pauls: Ja, aber wie genau mögliche Änderungen aussehen, wird man erst in paar Monaten sehen, wenn man sich mit den Oberen zusammengesetzt hat. Aktuell hat der Saisonstart der ersten Mannschaft oberste Priorität. Danach werden sicherlich auch Dinge an die Jugend weitergegeben. Denn besonders im U17, U19 und Amateurbereich versuchen wir natürlich nah am Profi-Team zu arbeiten. Schließlich gibt es dort Spieler, die in unmittelbarer Zukunft für die erste Mannschaft infrage kommen.