Kein Herz für den Triathlon? - Interview mit Marcus Ziemann Marcus Ziemann

Kein Herz für den Triathlon? - Interview mit Marcus Ziemann

  • Christian Riedel
Wenn es nach seinem Arzt gegangen wäre, hätte Marcus Ziemann niemals einen Triathlon machen dürfen. Aufgrund eines Herzfehlers musste ihm im Alter von 33 Jahren ein Herzschrittmacher eingesetzt werden. Doch anstatt auf die Mediziner zu hören, fing Marcus mit dem Training an. Mit beeindruckenden Ergebnissen. Wie schwierig es ist, mit einem Herzfehler einen Ironman zu machen, verrät er im Interview.

Netzathleten: Marcus, Du bist Langdistanz-Triathlet aus Leidenschaft. Allerdings war es nicht einfach für Dich, so weit zu kommen, weil Deine Gesundheit nicht mitgespielt hat. Wo genau war das Problem?
Marcus Ziemann:
2005, als ich 33 Jahre alt war, wurde bei mir ein Herzschrittmacher eingesetzt, aufgrund eines AV-Blocks zweiten und dritten Grades. Damals war an Sport überhaupt nicht zu denken.

netzathleten: Hast Du denn schon vorher Sport gemacht oder erst danach angefangen?
Marcus:
Ich war Läufer und bin auch zwei- oder dreimal einen Marathon gelaufen. Mit dem Triathlon habe ich aber erst zwei oder drei Jahre nach der OP angefangen.

netzathleten: Was genau ist denn der AV-Block und wie entsteht das?
Marcus:
Ganz genau konnte keiner sagen, wie die Herzgeschichte entstanden ist. Man hat vermutet, dass eine verschleppte Herzmuskelentzündung daran Schuld gewesen sein könnte. Ich hatte damals aber auch viel Stress. Dann kam es zu Schwindelattacken und Schwäche und ich war zweimal im Krankenhaus mit Verdacht auf Herzinfarkt, der sich nicht bestätigt hat. Dann haben sie in verschiedenen Untersuchungen eben den AV-Block festgestellt. Dabei kam es bei einem Langzeit-EKG zu Herzaussetzern mit sechs, sieben Sekunden. Und ehe ich mich versehen konnte hatte ich einen Herzschrittmacher. Der springt an, sobald mein Puls unter eine gewisse Grenze fällt.

netzathleten: Wie ging es dann weiter?
Marcus:
Erstmal ging es gar nicht weiter. Stattdessen war eine lange Leidenszeit angesagt. So ein dreiviertel Jahr ging wirklich nichts. Meine Zeit war von Ängsten geprägt und an Sport habe ich keinen Gedanken verschwendet. Irgendwann haben mich die richtigen Leute auf den richtigen Weg gebracht und ich hab das Laufen wieder angefangen, wobei 20 Minuten sehr langsames Joggen sich echt übel angefühlt haben.

netzathleten: Was haben die Ärzte gesagt, dass du mit dem Sport anfängst?
Marcus:
Im Krankenhaus hat man mir ganz klar vom Sport abgeraten. Dann war ich bei verschiedenen Kardiologen und der eine hat in Zusammenarbeit mit einer Psychologin mir dazu geraten, wieder mit dem Sport anzufangen.

netzathleten: Aber die haben Dir bestimmt auch nicht dazu geraten, Leistungssport zu machen.
Marcus:
Ganz sicher nicht. Sie haben empfohlen, etwas gesundes Jogging zu machen aber mich nicht zu sehr anzustrengen.

netzathleten: Wie kamst Du dann darauf, Triathlon zu machen und dann auch noch auf der Langdistanz? Zur Therapie nach der Herz-OP kann das ja nicht gehört haben.
Marcus:
Ich hab ja erstmal wieder ganz langsam mit dem Laufen angefangen. Alles was danach kam, war absolut eigener Wille, das zu machen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt die Option, entweder zu zerfallen und im Selbstmitleid zu ertrinken oder mich wieder hoch zu arbeiten. Zum Triathlon kam ich dann, weil ich öfter Urlaub in Klagenfurt gemacht habe und dort findet ja der Ironman über die Langdistanz statt. Dann kam bei mir der Gedanke, auch irgendwann einmal daran teilzunehmen, auch wenn der Gedanke zunächst ganz weit weg war. Dann kamen die ersten Läufe wieder auch auf Wettkampfbasis und als ich dann teilweise meine Altersklasse gewonnen habe, wurde es ambitionierter. Dann hab ich mir gedacht, nächstes Jahr musst Du etwas anderes machen und so kam ich dann zum Triathlon. 2007 bin ich dann in den Verein eingetreten, habe schwimmen gelernt, mit ein Rennrad gekauft und dann hat der Spaß angefangen.

netzathleten: Was haben dann deine Ärzte dazu gesagt?
Marcus:
Um ehrlich zu sein habe ich mich da gar nicht mehr so sehr darum gekümmert. Ich bin dann eher meinen eigenen Weg gegangen. Mein jetziger Kardiologe steht aber absolut hinter mir, weil er auch nichts Negatives dazu sagen kann. Er kann zwar auch nichts Positives dazu sagen aber solange keine Probleme auftreten, lässt er mich machen.

netzathleten: Beeinflusst Dich der Herzschrittmacher beim Sport in irgendeiner Form? Denkst Du da überhaupt noch dran?
Marcus:
Kopfmäßig mit Sicherheit noch sehr oft, weil ich deswegen auch sehr selten an meine Leistungsgrenze gehe. Da spielt der Kopf eine richtig große Rolle. Beim Massenstart im Schwimmen muss ich aufpassen, dass mir niemand aus Versehen mit dem Fuß dagegen haut. Sonst könnte ich ein Problem bekommen. Ansonsten spüre ich ihn bei manchen Bewegungen, dass man halt beim Übergreifen etwas eingeschränkt fühlt. Deswegen wundert es mich oft auch, dass es beim Schwimmen so gut läuft.

netzathleten: Hast Du denn keine Angst, dass Du Dich überforderst oder dass Dein Herz nicht mehr mitmacht oder hast Du eher das Gefühl, dass Dein Herz durch den Sport wieder stärker wird?
Marcus:
Ich denke schon, dass es durch den Sport eher besser und stärker geworden ist. Angst hab ich davor eigentlich gar nicht.

netzathleten: Und was sagt Deine Familie dazu?
Marcus:
Die steht absolut hinter mir. Es ist ja auch besser, als zuhause rumzusitzen und zu jammern. Dass es natürlich in so einem Format endet (Marcus macht 2-3 Langdistanzen pro Jahr, 2014 stehen u.a. die Ironmans in Mexiko, Kopenhagen und Arizona auf dem Programm, Anm. d. Red.) hätte natürlich auch keiner gedacht.

netzathleten: Wirst Du denn im Wettkampf anders behandelt als die „gesunden“ Athleten und musst Du die Herzgeschichte beim Veranstalter anmelden?
Marcus:
Bei den Ironman-Veranstaltungen muss man vorher einen Haftungsausschuss ausfüllen. Da trägt man das ein. Einige Veranstalter treten dann an mich heran, dann kann es sein, dass ich besonders behandelt werde und z.B. bei den Profis starten darf, weil da das Gedrängel im Massenstart nicht so groß ist. Sonst bekomme ich aber eigentlich keine Sonderbehandlung. In Barcelona beispielsweise wollte mich der Renndirektor nicht starten lassen und hat mir einen Arzt ins Hotel geschickt. Der war völlig baff, als ich dann nach etwas mehr als zehn Stunden ins Ziel kam. Ansonsten kann es natürlich sein, dass ich nach dem Ziel, wenn ich das Trikot ausgezogen habe, darauf angesprochen werde. In Mallorca hat ein Arzt das gesehen und mir ein paar Fragen gestellt und meinte anschließend, dass ich ein mutiger Mann sei. Aber eigentlich hänge ich das nicht an die große Glocke. Ich will meinen Sport machen und mein Ding durchziehen und sonst nicht besonders behandelt werden.

netzathleten: Gibt es noch etwas, was Du anderen Betroffenen auf den Weg geben möchtest?
Marcus:
Zum einen immer auf den eigenen Körper horchen und vor allem immer mehrere Meinungen einholen, bevor auch vorschnell ein Schrittmacher implantiert wird. Aber wenn Du Dich gut fühlst, mach Deinen Sport.

Mehr zu Marcus gibt’s unter www.marcus-ziemann.com

oder bei seinem neuen Team unter roter-loewe.blogspot.de/

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