Der Return to Activity Algorithmus (RTAA) – was ist das? OS Institut; Matthias Keller bei der Arbeit mit einem Patienten

Der Return to Activity Algorithmus (RTAA) – was ist das?

Der Return to Activity Algorithmus wird in der Rehabilitation eingesetzt und schafft objektive Daten zur Bestimmung der funktionellen Leistungsfähigkeit des Patienten. Er soll eine möglichst sichere und risikofreie Rückkehr in Alltag und Sport ermöglichen.

Die Idee dahinter

In der Rehabilitation bestimmte lange ein in erster Linie auf Wundheilungszeiten ausgerichteter Behandlungsanasatz das Vorgehen. Inzwischen rückt allerdings eine funktionelle Rehabilitation immer weiter in den Fokus. Ein Schritt auf diesem Weg ist der Return to Activity Algorithmus, den Physiotherapeut Matthias Keller vom OS Institut gemeinsam mit Oliver Schmidtlein, bekannt aus seiner Zeit als Physiotherapeut der deutschen Nationalmannschaft und des FC Bayern München, sowie und Sportwissenschaftler Eduard Kurz vom Universitätsklinikum Jena entwickelt hat. „Wir wollten für unsere Reha- und Praxisarbeit ein System finden, mit dessen Hilfe wir schon während der Rehabilitation objektiv beurteilen können, ob eine Belastungssteigerung möglich ist oder nicht“, erklärt Keller die Idee hinter dem RTAA. Aus diesem Anspruch heraus hat sich der Return to Activity Algorithmus entwickelt. „Dabei steht vor allem am Ende einer jeden Reha nicht die Verletzung im Vordergrund, sondern die Frage: Was will oder muss der Patient hinterher wieder können?“

Der Return to Activity Algorithmus (RTAA) selbst

Beim Return to Activity Algorithmus  handelt es sich um eine strukturierte Rückführung eines Patienten in den Alltag und/oder zum Sport. Das Besondere dabei: Er durchläuft während der Rehabilitation verschiedene Testbatterien, insgesamt bis zu vier Level. Dabei gilt es, sowohl qualitative als auch im zweiten Schritt quantitative Ziele zu erfüllen. Erst wenn beide erreicht sind, steigt man zum nächsten Level auf.

(Sport-)Aktivitätslevel

 
Level I Sportarten ohne Sprünge, Alltagsbewegungen
Level II dynamische Sportarten ohne Dreh- und Stoppbewegungen (Joggen, Rennen), leichte körperliche Arbeit
Level III seitliche Bewegungen und geringere Dreh- und Stoppbewegungen als Level IV (Tennis, Squash, Skisport), harte körperliche Arbeit, Klettern, unebener Boden
Level IV Sprünge, schnelle Dreh- und Stoppbewegungen (Fußball, Basketball), Aktivitäten wie Level III, Sport

Je nach Anforderung, die der Alltag oder Sport an einen Patienten stellt, kann die Anzahl der zu absolvierenden Level variieren. Bezogen auf die untere Extremität, etwa bei der Reha nach einem Kreuzbandriss, muss ein Fußballer alle vier Level durchlaufen, ein Golfspieler hingegen muss zur Ausübung seines Sports nur Level I bestehen, da keine Sprünge von ihm gefordert werden.

„Zur qualitativen Bewertung haben wir einen Fragenkatalog ausgearbeitet, der den Therapeuten während der Analyse der Bewegung hilft“, erklärt Keller. Ein Beispiel: „Für Level I muss man eine einbeinige Kniebeuge beherrschen. Die entsprechenden Aussagen lauten etwa: ‚Knie kann in der Beinachse gehalten werden‘, ‚Bei der Kniebeuge weicht der Rumpf nicht von der Körpermittelachse ab‘, ‚Bei der Kniebeuge können Hüfte und Knie flektiert werden‘“, stellt Keller das System vor. Wird auch nur eine Aussage verneint, kann eine Durchführung des quantitativen Tests nicht empfohlen werden.

Zur Bewertung des quantitativen Tests wird der Vergleich mit der nicht-verletzten Extremität herangezogen, sprich ein Links-Rechts-Vergleich durchgeführt. Um zu bestehen, darf der so genannte Limb Symetry Index (LSI), der den Seitenunterschied der betroffenen zur nicht betroffenen Struktur beschreibt, nicht unter 90 Prozent liegen.

Bei jeder Testung muss immer bei den Tests für Level I begonnen werden. Wer also von Level II auf Level III kommen möchte, muss unmittelbar vorher die Tests von Level I und II absolvieren, auch, wenn er Level I bereits in einer früheren Sitzung bestanden hatte. Dies dient als Sicherheitsmaßnahme. Unerwartete Veränderungen bei der motorischen Kontrolle können so sofort erkannt werden. Die Tests sind dabei keine Erfindung von Keller und Team. „Wir haben in der Literatur recherchiert, welche Tests es bereits gibt, um die unterschiedlichen Belastungsstufen abzubilden und wie man sie ideal kombinieren kann. Der Y-Balance-Test beispielsweise  ist für uns der Basis-Test in Level I. Mit ihm kann man die einbeinige Stabilität und die einbeinige Exzentrik in der kontrollierten Situation erfassen“, erklärt der Physiotherapeut. „Mit jedem Level werden die Übungen dann koordinativ und motorisch anspruchsvoller und auch funktioneller im Sinne der Zielsetzung des Patienten.“

Übersicht der Tests für RTA der unteren Extremität

 
Level I Balance Squat, Y-Balance-Test
Level II Balance Front Hop, Front Hop Test
Level III Balance Side Hop, Side Hop Test
Level IV 90° Balance Hop, Square Hop Tes

Wie geht es weiter?

Momentan ist der RTA Algorithmus für die untere Extremität publiziert. Der entsprechende Fachbeitrag erschien kürzlich in der Fachpublikation Sportverletzung – Sportschaden. „Wir haben aber auch schon für die obere Extremität einen Algorithmus entwickelt, wollen ihn aber noch weiter evaluieren, ehe wir ihn veröffentlichen. In unserer Praxis setzten wir ihn bereits ein und stellen ihn in unseren Seminaren beim OS Institut bereits den Teilnehmern vor. Außerdem arbeiten wir gerade an einem RTAA für die Wirbelsäule. Ein sehr spannendes Projekt“, gibt Keller einen Ausblick über kommende Entwicklungen in Puncto RTAA. Der RTAA Algorithmus kann ein Schritt in die richtige Richtung auf dem Weg einer interdisziplinären Kommunikation zwischen Trainer, Arzt und Physiotherapeut sein.

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