Interview Oliver Schmidtlein – Verletzungen im Fußball gettyimages.de; Arjen Robben gilt gemeinhin als verletzungsanfälliger Spieler

Interview Oliver Schmidtlein – Verletzungen im Fußball

Verletzungen gehören (leider) zum Fußball wie Ball und Tor. Einer, der die Materie aus dem Effeff kennt, ist Oliver Schmidtlein. Als Physiotherapeut betreute er über viele Jahre die Mannschaften vom TSV München von 1860, des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft. Aktuell ist er bei der amerikanischen Nationalmannschaft im Einsatz und hat in München eine eigene Praxis. Wir haben mit ihm über Verletzungen im Fußball gesprochen.
netzathleten.de: Man hört ja oft, der eine Spieler sei verletzungsanfälliger als der andere. Aber gibt es wirklich verletzungsanfälligere Spieler?
Oliver Schmidtlein: Ja, das gibt es. Allerdings gibt es oft auch erklärbare Gründe dafür.

netzathleten.de: Welche Gründe sind das genau?
Oliver Schmidtlein: Es kann mit dem Bewegungsapparat zu tun haben, mit der Beschaffenheit von Beweglichkeit und Stabilität. Gerade Sportler können solche Defizite aufgrund ihrer Athletik häufig sehr gut kompensieren. Aber: Selbst gut oder scheinbar gut trainierte Athleten weisen oftmals Schwächen in diesen Bereichen auf, wenn man konkret danach sucht.

Die zweite Ebene, die eine Rolle spielt, bilden Stoffwechsel und Ernährung. Um hier Defizite feststellen zu können, kommen Blut-, Urin- und Speicheluntersuchungen zum Einsatz. Ernährung und Stoffwechsel wirken auch auf die Beschaffenheit und die Leistungsfähigkeit der Muskulatur oder Heilprozesse ein.

Die dritte Ebene sind andere begleitende Faktoren, wie beispielsweise frühere Verletzungen, die nicht richtig oder nicht ausreichend rehabilitiert wurden. Manchmal ist im Leistungssport nicht genug Zeit gegeben, um Verletzungen komplett auszukurieren oder jemanden wirklich wieder zu 100 Prozent herzustellen. Dann ist er natürlich sehr anfällig für Verletzungen. Laut einer UEFA-Studie ist die Hauptursache sich als Fußballspieler zu verletzen, vorher verletzt gewesen zu sein.

schmidtlein, physiotherapie©OSPHYSIO, Oliver Schmidtleinnetzathleten.de: Warum ist das so?
Oliver Schmidtlein: Das hat zwei Gründe. Entweder ist die Rehabilitation nicht vollständig verlaufen oder aber die Belastbarkeit des Spielers hält der Belastung noch nicht stand. Dabei darf man nicht nur an den Muskel oder das Band denken, das geheilt sein muss. Ein Beispiel: Ein Spieler bricht sich den Arm und bekommt eine kleine Platte eingesetzt. Anschließend muss er acht Tage mit dem Training pausieren. Zehn Tage nach dem Bruch soll er aber im Champions-League-Spiel spielen, weil er für die Mannschaft sehr wichtig ist. Dann ist die Gefahr groß, dass er sich beispielsweise eine Zerrung oder einen Muskelfaserriss in der Wade holt. Durch die Trainingspause ist seine Muskulatur einfach nicht adäquat auf die Belastung eines Spiels vorbereitet. Und zwar nicht die am Arm, sondern die Beinmuskulatur. Eben weil er kein Lauftraining, kein Sprungtraining und so weiter gemacht hat.

Entscheidend ist immer das Verhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit. Üblicherweise liegen diese beiden Grenzen sehr nah beieinander, schließlich wird sich der Organismus immer an die Belastung anpassen. Idealerweise ist die Belastbarkeit aber immer etwas höher als die Belastung. Das heißt man muss im Training höhere Reize setzen als im Wettkampf. Problematisch wird es dann, wenn die Belastung über der Belastbarkeit liegt.

netzathleten.de: Viele Trainer wollen ihre Spieler am liebsten in kürzester Zeit wieder auf Platz haben, Ärzte werden andererseits kritisiert, wenn sich Spieler kurz nach ihrer Rückkehr wieder verletzen. Jeder schiebt dem anderen die Schuld zu. Aber ist so eine Schuldzuweisung überhaupt möglich?
Oliver Schmidtlein: Ich würde weder dem Trainer noch dem Arzt die Schuld geben. Kein Arzt kann eine Rehabilitation ungeheuer beschleunigen. Und die Arbeit übernehmen in der Regel ja ohnehin die Therapeuten und Trainer. Das Ergebnis ist immer die Summe aus der Arbeit aller, die mit dem Patienten arbeiten. Ein Operateur beispielsweise kann seine Arbeit noch so gut erledigen, wenn die Personen, die die Nachsorge übernehmen, aber Mist bauen, wird es nichts. Andersrum gilt das natürlich auch. Es hilft der beste Reha-Trainer nichts, wenn die Operation nicht optimal gelaufen ist. Schuldzuweisungen sind also an dieser Stelle nicht wirklich sinnvoll.  Wenn es passiert, dann passiert es. Generell gilt es durch eine objektive Vorgehensweise wie zum Beispiel einen Return to Activity Test dies zu vermeiden.

netzathleten.de: Wie kommt es nun aber, dass es Vereine gibt, die vermeintlich mehr unter Verletzungen zu leiden haben, als andere? Im letzten Jahr hat es beispielsweise den FC Bayern und Borussia Dortmund stärker erwischt, als Bayer Leverkusen oder Borussia Mönchengladbach. Vor der Annahme, dass jeder Betreuerstab das Beste für seine Spieler will und keine Kosten und Mühen scheut, die Leute fit zu halten, verwundert das ein wenig.
Oliver Schmidtlein: Aus einer Saison wirkliche Rückschlüsse zu ziehen, ob in einem Verein gut oder schlecht gearbeitet wird, wäre nicht fair. Ich kann mich auch an die Zeiten erinnern, als ich noch bei einem Verein gearbeitet habe. Es gibt Jahre, in denen man einfach Pech hat. Zudem landet man in der Statistik schnell auf den hinteren Plätzen, wenn man nur zwei oder drei Langzeitverletzte hat. Häufig werden solche Statistiken ja auf Basis der durchschnittlich verpassten Spiele pro Spieler berechnet. Da reicht ein Spieler, der über weite Strecken der Saison ausgefallen ist, um einen reinzureißen.

Zwar sollte auch nach einer solchen „Pech-Saison“ ein Verein analysieren und seine Konsequenzen daraus ziehen, etwa, dass man noch genauer hinschaut und arbeitet. Massive Rückschlüsse auf die Qualität der Arbeit sind aber nach einem Jahr nicht angebracht. Lässt sich allerdings ein Trend über mehrere Jahre erkennen, kann man schon eine Aussage darüber treffen, in welchen Vereinen wie gearbeitet wird. Hierbei geht es aber nicht um eine konkrete Person, die eventuell schlecht arbeitet. Es geht vielmehr um das System, das in einem Verein existiert. Mit einer Hand voll Vereinen tauschen wir uns regelmäßig aus und liefern fachlichen Input. Es gibt Vereine wie Hoffenheim, die ein System installiert haben, in dem beispielsweise ein Trainer konkret für Prävention zuständig ist. Christian Neitzert arbeitet dort mit Spielern, die im Spielbetrieb sind, aber trotzdem Defizite am Bewegungsapparat haben, individuell an deren Schwächen. So kann man an der richtigen Stelle einhaken und spezielles Präventionstraining in den Trainingsalltag integrieren. In Leverkusen gibt es ähnliche Strukturen. Und zentral ist: Diese Personen genießen das volle Vertrauen von Verein und Trainer. Dieses Vertrauen ist extrem wichtig, denn die erforderlichen Maßnahmen müssen oft zusätzlich stattfinden oder unter bestimmten Voraussetzungen. Das Fußballtraining wird ja nicht gekürzt, weil ein Präventionstrainer noch ein paar Übungen durchführen will. Oder ein Spieler muss einmal nüchtern zur Blutentnahme kommen oder die Präventionseinheit muss nach dem Training stattfinden und so weiter.

Solche Maßnahmen müssen natürlich vom Verein abgedeckt werden. Die Chefs müssen alle dahinter stehen. Das ist eben manchmal nicht der Fall. Gerade Vereine mit vielen Stars haben häufig große Probleme ein solches System umzusetzen. Je höherwertiger die Spieler sind, je mehr Nationalspieler im Kader sind, desto schwieriger ist es für das Personal, unliebsame Dinge durchzuführen. Und wenn das Betreuerpersonal dann keine Rückendeckung von der Vereinsführung und dem Trainer bekommt, dann funktioniert es nicht.

schmidtlein, fußball, verletzung©OSPHYSIO; Stimmt die Bewegung? Oliver Schmidtlein bei der Arbeit am Patienten

netzathleten.de: Spielt auch die schnelle Rückkehr auf den Platz gerade bei Star-Spielern eine zu große Rolle? Man denke etwa an Arjen Robben, der ja selbst am liebsten sofort wieder auf den Platz möchte.
Oliver Schmidtlein: Eine solche Einstellung, dass ein Spieler zurück will, ist absolut wünschenswert. Das gibt ihm Energie, die ein Reha-Trainer nur in die richtigen Bahnen lenken muss. Wenn er das tut, hat er aber gleichzeitig die Aufgabe, den Spieler zurückzuhalten. Hier spielt wieder das System eine Rolle. Am sinnvollsten ist es, ein relativ objektives System zu haben, das für alle gilt. Man muss Daten schaffen, an denen klar abzulesen ist, wann welcher Schritt vorgenommen wird. Spieler und alle Betreuer müssen wissen: Erst wenn diese oder jene Hürde genommen ist, kommt das nächste Level. Eine solche Hürde könnte zum Beispiel ein bestimmter Ausdauerwert sein, oder eine bestimmte Übung, die entsprechend oft durchgeführt wurde, eine bestimmte Anzahl von Läufen, Schüssen oder ähnlichem. Man muss sich quasi für die nächste Rückführungsphase bis hin zur Teilnahme am Mannschaftstraining immer wieder qualifizieren. Es wird international viel geforscht, welche Tests die aussagekräftigsten für dieses Vorgehen sein könnten. Alle haben ihre Stärken und Schwächen. Die einen sind sehr genau, dafür auch sehr aufwändig, andere sind eher einfach gehalten, dafür nicht so genau. Bei uns in der Reha gehen wir genauso vor. Wir haben einen Return-to-Activity Algorithmus entwickelt, der dem Sportler und dem Therapeuten hilft, möglichst sicher zurück zum Sport zu kommen. Die Objektivität, die dadurch geschaffen wird, sorgt dafür, dass Spieler eben nicht zu früh auf den Trainingsplatz oder in den Spielbetrieb zurückkehren können.

netzathleten.de: Im Idealfall verletzt sich ein Spieler gar nicht erst. Klar, ein überhartes Einsteigen eines Gegenspielers lässt sich nicht verhindern, trotzdem kann man Voraussetzungen schaffen, dass den Spielern möglichst wenig passiert. Wie sieht Ihrer Meinung nach die ideale Verletzungsprophylaxe aus?
Oliver Schmidtlein: Da muss man wieder an die Ebenen vom Beginn unseres Gesprächs denken. Im Idealfall gibt es jemanden, der sich explizit um den Stoffwechsel und die optimalen Blutwerte der Spieler kümmert und die notwendigen Maßnahmen umsetzt. Diese Maßnahmen sind: Lebensgewohnheiten und Ernährungsgewohnheiten zu beeinflussen, nach Unverträglichkeiten zu schauen, nach Angewohnheiten zu gucken, die man möglicher Weise abstellen muss, etwa wenn jemand aus der Jugend gewöhnt ist, sehr viel Cola zu trinken. Das alles muss aber auf einer sehr feinen Ebene passieren und auch durch Zahlen untermauert werden, wie sie eben Bluttests, Urintest und so weiter liefern. Die Ernährung ist für mich also die erste Konsequenz. Nahrungsergänzung gehört für mich im Leistungssport übrigens ganz klar dazu, damit man für Training und Wettkampf einen optimal vorbereiteten Organismus hat.

Dann sollte es in jedem Fall einen geben, der sich für Prävention verantwortlich zeigt und hier ebenfalls die entsprechenden Schritte einleitet. Von jedem Spieler muss ein individuelles Profil erstellt und entsprechende Maßnahmen in Bezug auf den Bewegungsapparat abgeleitet werden. Es geht dabei um etwa 15 bis 20 Minuten, die jeder Spieler individuell vorm Training investiert, fünf Mal pro Woche. Im Idealfall geht die Prävention auch etwas in die Eigenverantwortlichkeit der Spieler über. Ein korrigierendes Übungsprogramm wäre also die zweite Maßnahme. Die Dritte ist Kommunikation und Austausch. Die Therapeuten, die Ärzte aller Fachrichtungen, der Athletiktrainer und der Fußballtrainer müssen sich immer wieder über die beiden erstgenannten Dinge kurzschließen.

©getty images; Mit Jürgen Klinsmann arbeitet Oliver Schmidtlein derzeit bei der US-Nationalmannschaft zusammen
netzathleten.de: Gibt es noch weitere Aspekte, die erfüllt werden müssen, um Spieler optimal vor Verletzungen zu schützen? Wie sieht es beispielsweise mit Athletiktraining aus?

Oliver Schmidtlein: Sind die genannten Voraussetzungen erfüllt und haben die Spieler praktisch keine Dysbalancen oder andere Defizite mehr, spielt natürlich auch sehr gutes Athletiktraining eine große Rolle in der Prävention. Auch das muss in enger Abstimmung zwischen Athletiktrainer und Fußballtrainer erfolgen, um beiden Disziplinen den notwendigen Raum geben zu können.

Ich glaube die Prävention absolut in den Vordergrund zu stellen, wäre aber nicht richtig. Das wäre, als würde man bei der Ernährung die Vitaminversorgung in den Vordergrund stellen. Wir wissen, dass alles nur Kleinigkeiten sind, die zum Erfolg beitragen. Aber beim Leistungssportler ist es eben die Summe der Kleinigkeiten, die entscheidet.

Zentral ist aber immer, dass der Cheftrainer samt Stab dahintersteht und alle die gleichen Interessen haben. Dann funktionieren alle Maßnahmen, ob sie auf Teambuilding oder Verletzungsprävention ausgerichtet sind. Ich merke das auch jetzt gerade wieder bei der Mannschaft von Jürgen Klinsmann im US-Team.  Der Cheftrainer steht hinter jedem seiner Mitarbeiter und den Maßnahmen. Denkt oder fühlt ein Trainer aber abschätzig über beispielsweise präventive Maßnahmen, dann wird derjenige sich ganz schwer tun, der sie im Team umsetzten muss. Und auch das Ergebnis wird schlecht sein.

Die letzte Voraussetzung, um Verletzungen zu vermeiden ist ein Reha-System. Es sollte nicht im Ermessen des Reha-Trainers und auch nicht des Arztes alleine liegen, ob ein Spieler wieder zum Training oder zum Spielbetrieb zugelassen ist. Es muss eine Testbatterie erfolgen. Idealerweise steckt man schon während der Reha Zwischenziele und hat für jeden Schritt zurück zum Spiel objektive Kriterien, die erfüllt sein müssen. Wichtig bei einer Rückkehr ist, dass die Entscheidung gemeinsam von allen Beteiligten getroffen wird – Arzt, Therapeuten, Spieler und Trainer. Umso mehr, wenn es mit der Rückkehr knapp werden könnte, wie beispielsweise bei Sami Khedira nach seinem Kreuzbandriss vor der WM letztes Jahr. Stimmt man sich ab, tragen alle gemeinsam die Verantwortung, wenn es etwas schief gehen sollte und keiner zeigt mit dem Finger auf den anderen.

Weitere Informationen zu Oliver Schmidtlein, seinem Team von OSPHYSIO und dem OS Insitut gibt es unter www.osphysio.de und www.osinstitut.de/.

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