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Was bedeutet Vertrauen für Sie, Fredi Bobic?

  • Nils Borgstedt
In unserer Interviewreihe "Wertsache" befragen wir Botschafter der Laureus Sport for Good Stiftung zu Werten, die den Kindern in den sozialen Sportprojekten vermittelt werden. Den Auftakt macht der frühere Bundesligaprofi und Europameister von 1996, Fredi Bobic.

netzathleten.de: Herr Bobic, was bedeutet Vertrauen für Sie?
Fredi Bobic: Vertrauen bedeutet für mich, Probleme besprechen zu können und sich diesbezüglich auf die Verschwiegenheit meines Gesprächspartners verlassen zu können. Aber natürlich spielt Vertrauen auch in Aktionen eine Rolle. Ich möchte meinen Kindern Vertrauen geben, indem ich sie Dinge ausprobieren lasse, ihnen vertraue, wenn sie abends ausgehen, dass sie nur anständige Dinge machen, keine unanständigen. Ich gebe ihnen also einen Vertrauensvorschuss und spioniere ihnen nicht hinterher. Das gleiche gilt natürlich im Geschäftsleben. Auch hier gibt man Vertrauen in Handlungen, indem man die Mitarbeiter eigenständig Entscheidungen treffen lässt.

netzathleten.de: Welche Rolle hat Vertrauen in Ihrer Karriere gespielt?
Fredi Bobic: Vertrauen hat natürlich immer eine Rolle gespielt. Ich habe meinen Mitspielern vertraut, dass sie immer das Richtige tun und wir so gemeinsam Erfolg haben. Bei Giovanne Elber konnte ich mich zum Beispiel immer darauf verlassen, dass er abspielt, wenn ich besser postiert bin. Und umgekehrt. Dann spielt natürlich auch Vertrauen vom Trainer und zum Trainer eine Rolle. Er musste mir das Gefühl geben, dass ich meinen Job richtig mache und die passende Person dafür bin. Und natürlich musste auch das Team dem Trainer vertrauen. Man musste sicher sein können, dass er die richtigen Maßnahmen wählt, um erfolgreich zu sein – und das in verschiedenen Situationen auf und neben dem Platz. Das musste so weit gehen, dass wir Spieler bereit waren, seine Anweisungen bedingungslos umzusetzen, ohne sie zu hinterfragen.

netzathleten.de: Dennoch ist in einer Fußballmannschaft die Konkurrenz groß, jeder will schließlich in die erste Elf. Kann man da überhaupt seinen Mitspielern vertrauen, ohne Angst haben zu müssen, dass es andere ausnutzen?
Fredi Bobic: Das jemand Vertrauen missbraucht, kann immer passieren. Da sammelt man im Endeffekt Erfahrungswerte, die man für sein weiteres Leben mitnimmt. Das sind Lernprozesse, die man dann durchläuft. Als Fußballer wie später im Geschäftsleben. Man muss solche Situationen managen und für sich bewerten. Gleichzeitig darf man aber nicht den Fehler machen, zukünftig niemandem mehr zu vertrauen, denn dann läuft man extrem negativ eingestellt durch die Welt. Deswegen muss man auch Konkurrenten immer wieder vertrauen, ihnen vielleicht auch mal den Vorzug lassen. Man kann dadurch auch selbst besser werden.

netzathleten.de: Vertrauen bedeutet in Ihren Augen also auch manchmal Verzicht?
Fredi Bobic: Genau. Man muss sich zwischenzeitlich auch zurücknehmen. Es ist eine menschliche Grundeigenschaft, dass der Mensch denkt, man muss alles selbst schaffen. Aber die Lebenserfahrung zeigt einem dann: Nein, du musst anderen Vertrauen entgegenbringen, um selbst weiterzukommen.

netzathleten.de: Nun sind Sie als Laureus-Botschafter Schirmherr des sozialen Fußball-Projekts Kickformore. Inwieweit können Sie den Kindern den Wert „Vertrauen“ näherbringen?
Fredi Bobic: Allein die Unterstützung hat mit Vertrauen zu tun, ist ein Vertrauensvorschuss. Man unterstützt die Kinder, ist für sie da, spricht mit ihnen und vertraut ihnen, dass sie das Richtige tun und die Werte von kickformore wie Fairplay, Teamfähigkeit und Respekt verinnerlichen und bewusst einsetzen. Gerade auch bei alltäglichen Problemen, die sie außerhalb des Projekts haben. Indem man den Kindern vertraut, wird man auch gleichzeitig zu ihrem Rückhalt. Das wiederum kann sich dann auch auf ihr Selbstbewusstsein positiv auswirken. In Gesprächen merke ich immer wieder, mit welcher Freude die Kinder bei der Sache sind. Und wenn sie Freude an einer Sache haben, werden sie auch die Werte genauso weiterleben.

netzathleten.de: Besteht darin ein Unterschied zum klassischen Vereinssport, dass bei kickformore die Werte noch mehr erlernt und gefördert werden?
Fredi Bobic: Mit Sicherheit. Es geht schließlich bei kickformore nicht um das Leistungs- und Konkurrenzdenken, dass der eine besser ist als der andere. Sondern es geht darum, den Kids erstmal eine Orientierung zu geben – eine Orientierung im Leben und im Zusammensein. Ihnen wird gezeigt, dass sie als Team stark sein können. Es kann aber auch jeder selbst für sich etwas dem Projekt ziehen. Sei es mehr Motivation für die Schule, oder eine Idee davon, was man später machen möchte. Viele, die früher das Projekt besucht haben, arbeiten jetzt aktiv bei kickformore mit. Das gewachsene Selbstbewusstsein erkennt man auch immer daran, dass die Kinder immer selbständiger werden.

netzathleten.de: Und inwieweit hilft das erlernte Vertrauen den Kindern im späteren Leben?
Fredi Bobic: Sehr. Wenn Sie immer Einzelgänger sind und sich alleine durchkämpfen müssen, in der Schule nicht zu einer Clique gehören, sondern immer an den Rand der Klasse gedrängt werden und dann in ein Programm kommen, in dem Teamfähigkeit, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein gegenüber anderen und Fairness gefordert werden, dann ändert sich Ihr Leben. Sie sind plötzlich Teil von etwas, fühlen sich aufgehoben. Und das kann einen dann auch im „normalen“ Leben extrem weiterbringen. Es entstehen Freundschaften, das Selbstwertgefühl steigt, man weiß: Hey, ich kann etwas erreichen. Bei mir selbst hat der Fußball einen ähnlichen Effekt gehabt.


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