Man müsste Klavier spielen können - Die Schultereckgelenksprengung istockphoto.com/pascalgenest

Man müsste Klavier spielen können - Die Schultereckgelenksprengung

  • Dr. med. Markus Klingenberg
Die Schulter gehört zu den verletzungsanfälligsten Körperteilen beim Sport. Bei jedem Sturz besteht die Gefahr, auf die Schulter zu fallen und sich dabei schwer zu verletzen. Eine der häufigsten Verletzungen in der Schulter ist die Schultereckgelenksprengung (Tossy 3); mit eindeutigen Kennzeichen.

Ein Sturz – ein Schrei. Die Schulter schmerzt wie verrückt und wenige Minuten später kann man den Arm kaum noch bis zur Schulter heben. Das sind typische Kennzeichen für eine Schultereckgelenksprengung. Eindeutig kann man diese Verletzung am Schlüsselbein erkennen. Denn bei der Schultereckgelenksprengung steht dieses unnatürlich hoch, lässt sich nach unten drücken und federt wie eine Klaviertaste wieder zurück. Darum trägt die Verletzung auch den Beinamen „Klaviertastensyndrom“.

Egal ob beim Judo, Handball oder American Football, wenn man mit hoher Geschwindigkeit genau auf das Schultergelenk fällt, können die Bänder reißen, die das Schultergelenk zusammenhalten. Dabei unterscheidet man drei Schweregrade:

Tossy 1: Die Bänder sind nicht gerissen, sondern nur stark gedehnt. Möglicherweise sind Mikrorisse in den Bändern entstanden, die jedoch nicht operiert werden müssen. Das Schlüsselbein ist nicht auffällig.

Tossy 2: Die Bänder in der Schulter sind teilweise gerissen. Teilweise wird eine OP durchgeführt. Das Schlüsselbein steht hoch.

Tossy 3: Sämtliche Struktur gebende Bänder sind gerissen. Das Schlüsselbein steht unnatürlich hoch. Je nach Schwere ist eine OP unumgänglich.

Neuer und genauer ist die Einteilung nach Rockwood. Er unterscheidet 6 Stufen der Schultereckgelenksprengung, zwischen Zerrung (Tossy 1), Teilabriss (Tossy 2), Komplettriss des Band- und Kapselapparats (Tossy 3), zusätzliche Verrenkung des Schlüsselbeins in der Horizontalebene nach hinten bei Kopfbewegungen (Rockwood 4), extremer Schlüsselbeinhochstand (Rockwood 5) und Rockwood 6, wenn das Schlüsselbein unter den Rabenschnabelfortsatz des Schulterblattes getreten ist.

Röntgen schafft Klarheit

 

Sind alle Bänder in der Schulter gerissen, wird eine Röntgenaufnahme erst ohne, dann mit einem Gewicht im betroffenen Arm gemacht. Bei Kindern wiegt es 5kg, bei Erwachsenen werden es schon einmal 10 Kilogramm. Wird der Arm mehr als 1,5cm aus dem Gelenk „herausgezogen“, wird in der Regel operiert.

Wichtig ist bei der Röntgenaufnahme zudem, dass eine so genannte Panorama-Aufnahme von beiden Schultern gemacht wird. So kann der Mediziner zwischen verletzter und gesunder Schulter unterscheiden und feststellen, ob das Schlüsselbein wirklich unnatürlich weit hoch steht, oder ob der Patient von Natur aus ein hoch stehendes Schlüsselbein (Clavicula) hat.


Ob operiert wird, hängt davon ab, was für sportliche Ansprüche der Betroffene hat und wie seine persönliche Einstellung zu einer OP ist. Wird nicht operiert, tritt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Arthrose im Schultereckgelenk auf. Dem Chirurg stehen bei einer Operation rund 30 verschiedene OP-Arten zur Verfügung. Im Vergleich zu anderen Verletzungen, gibt es bei der Tossy 3 nämlich noch keinen Stein der Weisen, was den Eingriff angeht. Entweder wird eine Platte eingesetzt, verschraubt oder gestrafft. Die optimale OP für die Schultereckgelenksprengung hat man aber bisher noch nicht gefunden.

Ob operiert wird, hängt auch davon ab, ob der Betroffene Leistungs- oder Hobbysportler ist. Bei einem Judoka, einem Football-Spieler oder einem Handballer ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er wieder auf die Schulter fallen und die Verletzung wieder aufbrechen wird. Dann wird oft nicht operiert, da das Gelenk im Verlauf des Heilungsprozesses verknöchert. Man bekommt zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit Arthrose in der Schulter, dafür ist das Gelenk danach stabiler und weniger verletzungsanfällig.

Sofortmaßnahmen bei Tossy 3

 

Wie jede Sportverletzung, kann auch die Schultereckgelenksprengung nicht verhindert werden. Die einzige Prophylaxe ist eine gut ausgebildete Arm- und Schultermuskulatur. Harte Stöße können so besser abgefangen werden.

Bei einer akuten Schulterverletzung hilft Kühlung, den Schmerz zu lindern und eine Schwellung einzudämmen. Mehr als den Betroffenen ins Krankenhaus zu fahren, kann man ansonsten leider nicht machen.

Bei der Therapie bekommt der Verletzte einen Gilchristverband, der die Schulter in der richtigen Position halten soll. Wirklich viel bringen wird der Gilchrist allerdings nicht, da er zu schwach ist, um die Schulter in der richtigen Position zu halten. Aber zumindest erinnert er den Patienten daran, die Schulter nicht zu belasten.

Egal ob nach einer OP oder konservativ, rund eine Woche nach der Verletzung wird mit entsprechenden Reha-Maßnahmen begonnen. Allerdings kann es sein, dass es zu einer Verknöcherung in den Bändern des Schultergelenks kommt. Das kann zu Versteifungen und Entzündungen führen.

In der Folge sollte man darauf achten, nicht zu oft auf die verletzte Schulter zu fallen, was man je nach Sportart natürlich nur schwer verhindern kann.

Christian Riedel

Details

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  • Star Vita: Dr. med. Markus Klingenberg arbeitet und als Arzt mit den Schwerpunkten Sport- und Ernährungsmedizin und Personal Trainer in Bonn und in der Sportorthopädie der Klinik-am-Ring in Köln. Mehrmals pro Jahr arbeitet er zudem als Tauchmediziner im indischen Ozean. Seine Schwerpunkte umfassen ein Personal Training, Ernährungs-Coaching, und die Leistungsdiagnostik. Als ehemaliger Leistungssportler kombiniert Dr. med. Markus Klingenberg sein Wissen als Sportmediziner und Personal Trainer, um für seine Kunden nachhaltig erfolgreiche individuelle Konzepte zu entwickeln und umzusetzen.
  • Star Erfolge: Arzt, Sportmediziner, Notarzt

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