„Ohne Ausreden: Deutschland ist Favorit“ gettyimages.de -- Uwe Bein
WM 2018: Uwe Bein zu Kader, Favoriten und tödlichen Pässen

„Ohne Ausreden: Deutschland ist Favorit“

Uwe Bein, Fußballweltmeister von 1990, verfolgt das Fußballgeschehen noch immer sehr aufmerksam. Derk Hoberg hat mit dem Mann, der den Frankfurter „Fußball  2000“ Anfang der 90er Jahre mit seinen „tödlichen Pässen“ prägte, über den deutschen WM-Kader, Mittelfeld-Protagonisten und deren Passspiel sowie über die Favoriten bei der WM in Russland gesprochen.
etzathleten: Uwe Bein, Weltmeister, Mittelfeldstratege, Tödlicher Pass“ – das sind die Stichworte, mit denen man Sie als Spieler in Verbindung gebracht hat. Was machen Sie heute, Sie sind schließlich nicht so präsent in der Öffentlichkeit, wie manch einer Ihrer ehemaligen Kollegen…

Uwe Bein: Ich habe mich nach meiner Karriere bewusst zunächst etwas zurückgezogen. Dennoch habe ich den Fußball weiterverfolgt, viele Spiele gesehen und war natürlich auch oft bei der Eintracht oder der Nationalelf im Stadion. Zwischenzeitlich habe ich eine Fußballschule betrieben und leite heute noch mehrere Fußballcamps über das Jahr verteilt. Seit vergangenem Jahr bin ich Markenbotschafter von Eintracht Frankfurt, nehme dabei hauptsächlich repräsentative Termine wahr. In diesem Rahmen besuche ich übrigens auch das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland.

netzathleten: Der deutsche Kader für die WM dort steht inzwischen – wie beurteilen Sie ihn?

Uwe Bein: Ich denke die Qualität der deutschen Mannschaft ist unbestritten hoch, ganz ähnlich wie 2014. Wir sind auf allen Positionen doppelt gut besetzt, da kann man fast keinen Unterschied zwischen erster und zweiter Reihe machen. Entscheidend wird aber sein, wie stark die anderen Mannschaften sich dieses Mal präsentieren und da schätze ich Spanien, Frankreich und auch Brasilien stärker ein als vor vier Jahren. Aber wir müssen nicht drum herumreden, wenn Deutschland zu einem Turnier fährt, dann gehört es automatisch zum engsten Favoritenkreis.

netzathleten: Kam die Nichtnominierung von Leroy Sané überraschend für Sie?

Uwe Bein: Ehrlich gesagt habe ich mich bei Nils Petersen mehr gewundert. Durch seine überraschende Nominierung hat sich der Junge nach seiner guten Bundesliga-Saison berechtigte Hoffnungen auf die WM-Teilnahme machen dürfen. So ist seine internationale Karriere nach einem Länderspiel wohl direkt wieder vorüber. Bei Sané hatte ich bereits im Vorfeld das Gefühl, dass er zu den Streichkandidaten gehören wird.

netzathleten: War Joachim Löw hier womöglich das Mannschaftsgefüge wichtiger?

Uwe Bein: Das ist von außen schwer zu beurteilen, aber ich nehme an, dass Jogi Löw mehr von ihm erwartet als das, was er bis jetzt im DFB-Trikot gezeigt hat. Seine Leistungen in der Nationalmannschaft stimmen bisher einfach noch nicht mit denen bei Manchester City in der Premiere League überein. Da liegen Welten dazwischen und daher denke ich, dass es sich um eine rein sportliche Entscheidung Löws handelt.

netzathleten: Auch ohne Sané ist das deutsche Mittelfeld das Prunkstück des Kaders. Legen Sie aufgrund Ihrer früheren Spielmacherrolle heute eigentlich besonderes Augenmerk auf das Zentrum wenn Sie einen Kader bewerten oder ein Spiel betrachten?

Uwe Bein: Nein, ich schaue auf die gesamte Mannschaft. Unser Spiel von damals kann man nur noch bedingt dem heutigen Fußball vergleichen. Alle Mannschaftsteile verschieben heute als Einheit, machen die Räume viel enger als früher.

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Uwe Bein im Viertelfinale der WM 1990 im Duell gegen den tschechischen Torhüter Jan Stejskal. Zwei Spiele später wurde Deutschland Weltmeister (©gettyimages.de)

netzathleten: Ihre damalige Spielweise ähnelte wohl am ehesten der eines Toni Kroos heute: Viele strategische – in Ihrem Fall oft „tödliche“ – Pässe in die Spitze. Kann man das vergleichen?

Uwe Bein: Toni Kroos ist einer, der die Bälle fordert und verteilt, das ganz große Risiko dabei aber oftmals vermeidet. Zu meiner Zeit habe ich mehr Risiko-Pässe in die Spitze gespielt, das war sicherlich auch der Spielweise damals zu verdanken. Wenn man aber einen Spieler wie Toni in der Mannschaft hat, der das Spiel an sich reißt, die Bälle kreativ verteilt und dabei fast keine Fehler macht, kann man sich glücklich schätzen. Je länger der Ball in den eigenen Reihen ist, umso länger muss der Gegner schließlich hinterherlaufen. Das hilft der gesamten Mannschaft.

netzathleten: Wie intuitiv ist eine solche Spielweise? Kann man den Blick für den gut positionierten Mitspieler trainieren?

Uwe Bein: Zu einem gewissen Teil vielleicht, aber Spieler wie Toni Kroos haben das einfach. In meinem Fall war es so, dass ich bereits zwei Handlungs-Optionen im Kopf hatte, bevor ich den Ball überhaupt bekommen habe – für eine habe ich mich dann entschieden. Bei manchen Spielern habe ich noch immer das Gefühl, dass sie erst überlegen was mit dem Ball anzufangen ist, wenn sie ihn haben. Dann ist es eh schon zu spät.

netzathleten: Die DFB-Elf ist gerade noch im Trainingslager in Südtirol, trainiert sicherlich auch für Toni Kroos´ Passspiel bestimmte Laufwege. Wie war das früher, wussten Sie immer, wo Anthony Yeboah oder Andreas Möller bei der Eintracht hinlaufen würden?

Uwe Bein: Das hat sich so ergeben über die Zeit. Ich wusste: Wenn Mitspieler Ralf Falkenmeier den Ball hat, bekomme ich ihn anschließend zu 99 Prozent. Da habe ich schon überlegt, was ich gleich mache. Genauso haben das dann Tony und Andi eine Station weiter vorne gemacht und Räume gesucht, in die sie gehen konnten und in die ich hineinspielen konnte. Spezielle Laufwege oder Spielzüge haben wir aber nicht trainiert, das hat auch so geklappt damals (lacht).

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Erfolgreiches Duo im Trikot von Eintracht Frankfurt: Anthony Yeboah (li.) und Uwe Bein hier bei einem Spiel gegen den HSV in der Saison 1992/93 (©gettyimages.de)

netzathleten: Wer wird denn der aus Ihrer Sicht härteste Brocken der Vorrunde für das DFB-Team sein?

Uwe Bein: Das Auftaktspiel gegen Mexiko (So., 17.06., Anm. d. Red.) dürfte das wohl schwerste werden. Das erste Turnierspiel kann ja seine Eigenheiten haben, da muss die Mannschaft erst einmal im Turnier ankommen. Deshalb rechnen sich die Mexikaner sicherlich auch Außenseiterchancen aus. Wenn das Spiel aber gewonnen wird, dann sollte die Vorrunde insgesamt kein Problem darstellen.

netzathleten: Kommen wir zum Abschluss zu den Favoriten. Einige haben Sie hier schon genannt, aber wie steht es um Europameister Portugal und Argentinien, die man auch als typische Turniermannschaft bezeichnen kann?

Uwe Bein: Portugal sehe ich in keinerlei Rolle, die sie am Ende des Turnieres spielen könnten. Wenn man die letzten Spiele Ronaldos gesehen hat – und auf ihn ist das Spiel ja komplett zugeschnitten – dann war das doch eher dünn. Auch Argentinien ist zu abhängig von Messi, zählt in meinen Augen daher nicht zu den ganz großen Favoriten. Brasilien hat mit Neymar natürlich auch einen absoluten Superstar in den Reihen, aber da sind schon noch mehr in der Mannschaft, die kicken und ein Spiel entscheiden können. Zudem sitzt der Stachel nach dem 1:7 aus dem Halbfinale 2014 noch immer tief. Dort brennt man darauf, das bei einem großen Turnier wenigstens ansatzweise wieder gut zu machen. Daneben bleiben die Franzosen, die Spanier und eben wir. Außenseiterchancen rechne ich dagegen höchstens noch Kroatien zu.

netzathleten: Die ja mit Ante Rebic den Matchwinner für Eintracht Frankfurt aus dem diesjährigen Pokalfinale haben. Kann er auch bei der WM so glänzen wie im Trikot der Eintracht?

Uwe Bein: Dass Rebic eine Reihe der letzten Bundesligapartien verpasst hat, hat mit dazu beigetragen, dass die Eintracht schließlich nicht über Platz acht in der Liga hinauskam. Da wurde er schmerzlich vermisst. Ob er den Stellenwert aber auch schon in der kroatischen Elf hat, muss man abwarten. Was er kann, hat man jetzt auch dort gesehen, seine Leistung im Pokalfinale war zweifelsohne überragend. Wenn er so spielt, kann er auch bei Kroatien das Zünglein an der Waage sein und dafür wünsche ich ihm, genau wie allen anderen sechs Eintracht-Spielern, die in Russland dabei sind, alles Gute!


Zur Person: Uwe Bein

uwe beinDer 1960 im hessischen Lengers geborene Bein absolvierte 300 Bundesliga-Spiele, erzielte dabei 91 Tore. In der ersten Bundesliga war er für Kickers Offenbach (1984/84), den 1 FC Köln (1984-87), den HSV (1987-89) sowie für Eintracht Frankfurt aktiv, für die er von 1989 bis 1994 auflief und mit Mitspielern wie Uli Stein, Anthony Yeboah, Andreas Möller und Jay Jay Okocha den Begriff des „Fußball 2000“ prägte und die Meisterschaft mehrfach nur knapp verpasste. Den größten Erfolg seiner Karriere feierte er bei der WM in Italien. 1990 wurde er dort mit dem DFB Weltmeister, absolvierte alle drei Gruppenspiele (1 Tor gg. die Vereinigten Arabischen Emirate) sowie das Viertelfinale, ehe er verletzungsbedingt pausieren musste. Nach einem Engagement bei den Urawa Red Diamonds in der japanischen Liga (1994-96) ließ Bein seine aktive Laufbahn beim VFB Gießen (1997/98) in der Oberliga und bei SVA Bad Hersfeld (2002-06) in der fünften Liga ausklingen.

Uwe Bein mit dem WM-Pokal (©gettyimages.de)



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