Interview mit Christian Schwarzer – Mit blutigen Knien ins Tor fliegen picture alliance

Interview mit Christian Schwarzer – Mit blutigen Knien ins Tor fliegen

  • Derk Hoberg
Handball-Weltmeister und netzathleten-Experte Christian „Blacky“ Schwarzer war immer ein Leistungsträger im DHB-Team. Jetzt spricht er im Interview über den ernüchternden EM-Start, die fehlende Einstellung der Mannschaft im ersten Spiel und wie es jetzt weitergehen muss.

netzathleten: Christian Schwarzer, die EM in Serbien hat für den DHB mit einer Niederlage gegen Tschechien begonnen. Kann es noch schlimmer werden für den deutschen Handball?

Christian Schwarzer: Die Luft wird natürlich immer dünner. Mit dem Spiel gegen Mazedonien haben wir nun tatsächlich ein echtes Endspiel vor der Brust und dabei geht es alleinig um den Verbleib im Turnier. An eine Olympiaqualifikation ist vorerst jedenfalls nicht zu denken.

netzathleten: Was stimmt nicht in dieser Mannschaft?

Christian Schwarzer: Erschreckend finde ich, dass Martin Heuberger vor dem zweiten Spiel nun ein Trickwurfverbot aussprechen muss. So etwas überhaupt ansprechen zu müssen, bei einem Turnier, bei dem es um so viel für den deutschen Handball geht, das sagt schon sehr viel über die Einstellung der Mannschaft aus. Das ist ein Witz, in der Lage, in der die Mannschaft momentan ist. Eigentlich kann die Devise für jeden Einzelnen ja nur lauten: Mit blutigen Knien und dem Ball bis ins Tor fliegen. Alles was schön aussieht kann ich dann probieren, wenn es um nichts geht. Das ist genau das, was wir Ehemaligen in der Vergangenheit schon häufiger bemängelt haben: Einige wissen anscheinend nicht, worum es geht.

netzathleten: Was macht einem denn jetzt noch Hoffnung, dass es in den nächsten Vorrundenpartien besser laufen könnte?
Christian Schwarzer: Ich kann dazu nur mehr sagen, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Natürlich muss aber auch Pascal Hens zeigen, dass er ein Leitwolf sein kann. Kein einziges Tor im ersten Spiel von ihm, dazu einige verpatzte Zuspiele. Das muss besser werden. In den Vorbereitungsspielen hat „Pommes“ doch gezeigt, was in ihm steckt. Natürlich ist er nicht der Einzige, der sich steigern muss. Aber er muss vorweg gehen, die Kollegen mitreißen und ihnen zeigen, worauf es ankommt.

netzathleten: Kann er das? Ein echter Leitwolf fehlt seit längerem im DHB-Team.

Christian Schwarzer: Man muss für das Kapitänsamt natürlich eine gefestigte Persönlichkeit sein und so schätze ich ihn ein, ja. Ich rechne also damit, dass er sich steigert, nur müssen die anderen dann auch mitziehen. Handball ist nach wie vor ein Mannschaftssport. Das ist der kleine Funke Hoffnung, der noch bleibt: Die Mannschaft muss endlich zeigen, dass sie ein echtes Team ist. Vielleicht rüttelt sie ja auch das Trickwurfverbot auf und packt sie bei Ihrem Stolz.

netzathleten: Alles deutet derzeit darauf hin, dass Deutschland sich erstmals nicht für die Olympischen Spiele qualifiziert. Wäre vor diesem Hintergrund nicht ein größerer Umbruch im Trainerstab ratsam gewesen, als Heiner Brands Co-Trainer Martin Heuberger zum Bundestrainer zu machen?

Christian Schwarzer: Nein, ich denke, dass Martin Heuberger die beste Wahl ist. Es ist ja so: egal wer da als Trainer gekommen wäre, die Optionen, die man als Verantwortlicher in Deutschland momentan hat, sind äußerst gering. Die besten deutschen Spieler sind ja dabei in Serbien.

netzathleten: Das prangerst Du in Deiner Funktion als Nachwuchskoordinator und jetziger Junioren-Nationaltrainer nun schon seit mehreren Jahren an, dass sich nicht genügend um junge deutsche Spieler gekümmert wird – und nichts geschieht. Steht der deutsche Handball also mehr denn je vorm Abgrund?

Christian Schwarzer: Hoffentlich entfernen wir uns morgen zunächst wieder einen Schritt von diesem Abgrund. Das ist momentan das wichtigste Ziel. Langfristig gesehen haben wir Talente, die Frage ist nur, wie wir diese zukünftig in der Anschlussförderung in den Vereinen betreuen. Ich weiß nicht genau, wie ich die Lage in den Vereinen einschätzen soll, ob die Trainer dort nicht mehr bereit sind, individuell mit jungen Spielern zu arbeiten. Wird dort nur noch mit fertigen Spielern gearbeitet? Selbst meine Jungs in der Junioren-Nationalmannschaft bekommen vormittags kein individuelles Training, obwohl sie Zeit hätten. Das wäre sicherlich eine Möglichkeit, junge deutsche Spieler heranzuführen.

netzathleten: Sollte man bei dieser EM erneut schlecht abschneiden, wie viel Rückendeckung hat Martin Heuberger dann noch innerhalb des DHB?

Christian Schwarzer: Ich gehe davon aus, dass er dann die Möglichkeit bekommt, eine neue Nationalmannschaft aufzubauen. Vielleicht auch mit ganz jungen Spielern, eben auch mit Spielern aus der zweiten Liga. Eigentlich undenkbar, das wäre dann wirklich ein radikaler Umbruch. Aber vielleicht muss man eben in diesen sauren Apfel beißen und jetzt schon Junioren-Weltmeister aus dem letzten Jahr einbinden. Irgendwas muss dann aber wohl passieren.

netzathleten: Dass er mit jungen Spielern gut kann zeigen seine Erfolge als Jugendnationaltrainer…

Christian Schwarzer: Ja. Genau deshalb gehe ich auch davon aus, dass er diese Chance dann erhalten wird.

netzathleten: Vielen Dank für das Gespräch, Blacky.

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