Mark Verstegen im Interview (Teil 2) – Statisches oder dynamisches Dehnen? ©Gerhard Blank; Mark Verstegen (dritter von links) beim Start des Benefiz-Radrennens "Road to Awareness"

Mark Verstegen im Interview (Teil 2) – Statisches oder dynamisches Dehnen?

  • Stefan Schnürle
Im zweiten Teil des Interviews spricht der weltbekannte Fitnessexperte Mark Verstegen über die verschiedenen Dehntechniken. Außerdem klärt der US-Amerikaner über Sportarten abhängige Unterschiede auf und gibt Tipps für alle, die gerne einmal Joggen oder Radfahren gehen.

netzathleten.de: Wie würdest Du einem Laien den Unterschied zwischen statischem und dynamischem Dehnen erklären und was würdest Du ihm empfehlen?
Mark Verstegen: Zunächst einmal gibt es viele verschiedene Techniken für das statische Dehnen. In der Regel werden die Dehnpositionen aber lange gehalten. Bei diesem längeren, statischen Dehnen werden die Muskeln abgeschaltet. Daher sollte man diese Übungen nach dem Training und an Erholungstagen durchführen. Die zweite Dehnart ist das große Gebiet der dynamischen Flexibilität. Dynamische Flexibilität ist das, was die meisten Menschen zum Aufwärmen nutzen sollten. Wir sagen dazu „lengthen and strengthen“. Der Muskel soll beim Aufwärmen gestärkt und verlängert werden. Das dynamische Dehnen erfüllt beide Aufgaben. Beine oder Arme schwingen sind zum Beispiel sehr dynamische Übungen. Es gibt aber auch gute Übungen innerhalb der dynamischen Flexibilität, die 1-2 Sekunden ruhiges Halten beinhalten.

netzathleten.de: Gibt es Dehnübungen, die jeder Sportler machen sollte, oder muss das Dehnen der jeweiligen Sportart angepasst werden?
Mark Verstegen: Ja, es gibt ein paar fundamentale Kern-Bewegungen, die man in allen Sportarten braucht und die jeder Sportler gut beherrschen muss. Kurz nach unserer Geburt haben wir sehr saubere Bewegungen. Wir erwarten, dass jeder diese Bewegungen pflegt. Tut dies jemand nicht, wird es seine Leistung negativ beeinflussen. Es gibt aber auch spezifische Übungen für jede Sportart. Denn in verschiedenen Sportarten werden unterschiedliche Muskeln eher fest beziehungsweise kurz und steif. Sie verlieren schneller ihre Biegsam- und Geschmeidigkeit, weshalb man in diesem Bereich besonders arbeiten muss.

netzathleten.de: Spielen Dehnübungen bei manchen Sportarten eine größere Rolle als bei anderen?
Mark Verstegen: Je größer die Bedeutung der Sprungkraft für eine Sportart ist, wie zum Beispiel beim Volleyball, Handball, Basketball oder Fußball, desto wichtiger ist das Dehnen. Die Spieler sollen Elastizität, aber auch Schnellkraft besitzen. Da sie sehr viel für ihre Sprungkraft machen, müssen die Sportler regelmäßig ihr Gewebe nachbessern. Andernfalls gerät alles aus dem Gleichgewicht, was unweigerlich zu einer Verletzung führen wird. Dasselbe gilt für die Rotatorenmanschette der Schulter. Speziell Volleyball-Spieler neigen durch die häufige Schmetterbewegung zu Problemen in diesem Bereich. Um Verletzungen zu vermeiden, müssen sie daher regelmäßig die Vorderseite strecken und die Rückseite stärken.



netzathleten.de: Ist Dehnen nur für die Muskeln interessant oder muss man noch auf andere Dinge achten?
Mark Verstegen: Ja. Das Problem ist, dass viele Leute nur an ihre Muskeln denken. Die sind zwar zweifelsohne ein wichtiger Teil. Aber man darf das Bindegewebe, das die Muskeln organisiert und unseren ganzen Körper vom Kopf bis zum Fuß verbindet, nicht vergessen. Das Bindegewebe besitzt 20 Mal so viele Rezeptoren, die uns mit Informationen versorgen, als alle anderen Körperorgane. Es ist sehr wichtig und hilft Sportlern bei der Umsetzung von Bewegungsabläufen, zum Beispiel und gerade wenn diese sehr schnell ausgeführt werden müssen.

netzathleten.de: Wie entscheidend ist die Laufvorbereitung für die spätere Leistungsfähigkeit?
Mark Verstegen: Die richtige Laufvorbereitung wird dich schneller, stärker und ausdauernder machen und sogar dein Verletzungsrisiko minieren. Daher empfehlen wir jedem, egal, ob sportlich oder nicht, täglich Bewegungsvorbereitungen zu machen (Weitere Informationen dazu gibt es unter: http://www.coreperformance.com/movement-preparation/). Diese helfen den Körper bei Bewegungen in der Balance zu halten. 70 Prozent aller Verletzungen entstehen, weil die Person aus der Balance geraten ist.

netzathleten.de: Und wann ist der richtige Zeitpunkt, um mich beim Joggen oder Radfahren zu dehnen?
Mark Verstegen: Vor dem Training würde ich aktive, flexible Dehnübungen empfehlen, zum Beispiel „The World‘s Greatest Stretch“. Diese ist aktiv, streckt, stärkt und wärmt deine Muskeln. Zudem fördert sie die Durchblutung und fährt dein Programm hoch, um die Muskeln effizienter zu machen. Das ist wie bei einem Computer. Wenn du ihn hochfährst und alle Programme laufen, kannst du sehr effektiv arbeiten. Wenn du dagegen nur in die Tasten haust, ohne ihn hochzufahren, verbringst du dieselbe Zeit davor, aber weniger effektiv. Nach dem Joggen oder Radfahren rate ich zu entspanntem Auslaufen und langsamen, statischen Dehnübungen. Diese entspannen Körper, Geist und Muskeln.

netzathleten.de: Sollten sich Gesundheits- und Leistungssportler unterschiedlich dehnen?
Mark Verstegen: Dehnen ist für jeden Menschen wichtig. Aber wir behandeln dennoch jede Person als eigenständigen Menschen. Wenn du in unser Sheraton-Fitnesscenter gehst, erstellen wir daher eine individuelle Routine. Es gibt einige Übungen zum Arbeiten und einige zum Erholen. Wir sagen immer: Arbeit + Ruhe = Erfolg. Das sind die entscheidenden beiden Komponenten. Aber um diese zu erfüllen, muss jeder Mensch beim Dehnen individuell betrachtet werden.

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