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Personalpuzzle, Dissonanzen und eine Hiobsbotschaft von der Werbefront

Die drei Fragezeichen ???

  • Frank Schneller
Deutschlands Handballer präsentierten sich der vor Olympia-Qualifikation einmal mehr als Konjunktiv-Team. Die Mission, das höchst umstrittene WM-Turnier in Ägypten als Eigenwerbung zu nutzen, ist gescheitert. Es knirscht vielmehr an allen Ecken und Enden: Die etwas andere Analyse einer mehr als nur etwas anderen Weltmeisterschaft von unserem Mitarbeiter und Handball-Insider Frank Schneller
Am Ende saß auch der vermeintliche Unterschiedstrainer relativ konsterniert auf der Bank und musste sich erst einmal sammeln. Nicht zum ersten Mal: Alfred Gislason, der neue Coach der deutschen Handballnationalmannschaft, mag gewusst haben, dass die Truppe, mit der er bei dieser angesichts der Corona-Pandemie im Grunde verzichtbaren Weltmeisterschaft antrat, es nicht einfach haben würde. Und es auch ihm nicht ganz einfach machen würde. Gleich mehrere wichtige Spieler hatten gefehlt: Abgesagt wegen Corona-Bedenken oder verletzt. Aber dass es am Ende so ernüchternd ausgehen würde, das wird auch den ehrgeizigen Isländer überrascht haben. Platz zwölf, kein Viertelfinale – eine Bilanz, die einem Erfolgstrainer, noch dazu einem, in dem Medien und viele Fans nicht viel weniger sehen als den Heilsbringer des deutschen Männerhandballs, wenig zur Zierde taugt. Zumal die Analyse der Verantwortlichen wie eigentlich immer während der letzten fünf Jahre voller Konjunktive steckt. Hätte. Wäre. Könnte. Eigentlich. Wenn, dann ... Ermüdend. Da wären:

Die vielen Ausfälle – nicht auch eine Gefahr für Alibis?

Spielt man das Spiel mit dem Konjunktiv zunächst mit, fällt das sportliche Urteil so aus: Hätte Gislason den Kieler Innenblock Hendrik Pekeler und Patrick Wienczek dabei gehabt, zumal Pekeler auch im Angriff eine echte Verstärkung gewesen wäre, die deutsche Mannschaft hätte das Viertelfinale vermutlich erreicht. Wären entweder Steffen Weinhold aus Kiel und der Berliner Fabian Wiede in Ägypten auf der rechten Rückraumposition mit von der Partie gewesen, zumindest einer von beiden – dann erst recht. Dieses Quartett hätte gewiss einen Unterschied gemacht. Das ist keine allzu steile These. Denn gerade auf ihren Positionen hatte Gislason improvisieren müssen – oder zumindest nicht seine besten Optionen an Bord: Im rechten Rückraum, am Kreis, im Abwehrzentrum. Über die Einflussmöglichkeiten der anderen abstinenten Spieler zu spekulieren ist müßig. Denn keiner von ihnen hätte von vornherein einen der in Ägypten anwesenden Spieler bzw. einen der vier gerade genannten Akteure verdrängt: Franz Semper, Finn Lemke, Jannick Kohlbacher, Tobias Reichmann (verletzte sich in der Vorrunde), Matthias Musche, Tim Suton, Sebastian Heymann ...

Dass seitens der DHB-Delegation und mancher Medien unermüdlich suggeriert wurde, in Ägypten würden nicht nur zahlreiche Optionen, sondern bis zu neun Stammspieler fehlen, verklärt den Blick. Und ist ein wenig probates Alibi. Zumal nicht einmal etliche interessante, junge Optionen vor Ort gezogen wurden: Einige der jüngeren Spieler blieben WM-Touristen, selbst dann, als – obendrein im bedeutungslosen Spiel gegen die Polen – angeschlagene Kollegen kaum Aussichten darauf hatten, das Spiel halbwegs durchzustehen. Wie im Falle Kay Häfners, über den der Trainer schon vor dem Anpfiff sagte, er könne vermutlich kaum belastet werden. Dennoch blieb der dritte Rückraum-Linkshänder im Team, Antonio Metzner, einmal mehr im Trainingsanzug auf der Tribüne. Völlig unverständlich.

Auch die verschwindend geringen Einsatzzeiten der spielintelligenten Juri Knorr und Marian Michalczik sind nicht damit zu erklären, dass sich der harte Kern des Teams in Ägypten schon für die bevorstehende Olympia-Qualifikation im März einspielen sollte. Denn: Kehren tatsächlich – wie erhofft und erwartet – mehrere der abstinenten Spieler ins Team zurück, wie u.a. DHB-Vizepräsident Bob Hanning vorrechnet, ist eben jener harte Kern von Ägypten vermutlich sowieso wieder Makulatur. Hier konterkarieren sich die Argumente.

Es bleiben Fragen. Beantworten kann und muss diese im März in Berlin die Mannschaft. Sonst werden aus Konjunktiven Gewissheiten. Denn: Hinter einem in der Öffentlichkeit demontierten Trainer wie im Falle von Gislasons Vorgängern Christian Prokop und vor-vormals Martin Heuberger können sich die Spieler nicht verstecken. Der neue Chefcoach bewegt sich aktuell im kritikfreien Raum. Dass er auf Vereinsebene bislang stets absolute Topmannschaften voller fertiger und funktionierender Topstars trainierte und keine fragilen Gebilde wie die DHB-Auswahl, ändert nichts daran: Er erscheint unantastbar. Die Spieler sind es nicht. Und schon gar nicht jene, die seit EM-Gold und Olympia-Bronze 2016 alle weiteren Erfolgschancen ausließen.

Die Außendarstellung und das Innenleben – alles nur Missverständnisse?

Als ob sich Gislason nicht schon genug Herausforderungen gegenüber sah im Vorfeld der WM, sorgte sein Torwart Andreas Wolff auch noch für Missstimmung: Öffentlich kritisierte der egozentrische Keeper jene Kollegen, die sich aufgrund der Pandemie dazu entschieden, der WM fernzubleiben.

Zuvor hatte bereits DHB-Präsident Michelmann diese Spieler öffentlich in die Nähe von Weicheiern und Verweigerern gerückt Fraglich genug schon, wenn der Verbandschef sich derart locken lässt. Die mediale Kollegenschelte Wolffs aber musste als Missachtung des Teamspirits eingeordnet werden. Zumal er – einmal mehr – den spitzen Kommentaren keine Spitzenleistungen folgen ließ und damit endgültig die Frage heraufbeschworen haben müsste, ob er wirklich die Nummer 1A und der geeignete Kandidat für ein funktionierendes Torhütergespann ist. Jogi Bitter und Silvio Heinevetter jedenfalls mussten sich sportlich hinter Wolff zuletzt nicht verstecken, dazu erwecken beide den Eindruck, sich deutlich weniger anstrengen zu müssen, den Kollegen von der Bank aus anzufeuern und zu unterstützen. Körpersprache, Gestik und Mimik – auch wenn’s bei einem selbst nicht richtig klappen mag – sind wichtige Faktoren im Teamsport. Ebenso wie der Verzicht auf öffentliche Kritik an Mitspielern.

Diesbezüglich hatte auch Mannschaftskapitän Uwe Gensheimer eine Episode beizusteuern. Er führte gegen die wiederkehrende Kritik an seiner Person Neid und ihm wenig dienliche Spielkonzepte ins Feld und verwies obendrein im Rahmen seiner Analyse des Spanien-Spiels noch auf ein paar überhastete Aktionen des jungen Juri Knorr. Dass man dem diese altersbedingt zugestehen müsse, wie er ergänzte, ging unter. Am Ende gab es in der überflüssigen Diskussion um diese vor der TV-Kamera geäußerten Statements keinen Sieger: Nicht ihn. Nicht die Mannschaft. Nicht die Moderatoren. Nicht die Medien, die seine Aussagen bisweilen zuspitzten und Relativsätze wegließen. Und auch nicht all diejenigen, die ihm aus Verein und Verband zur Seite sprangen – und damit alles nur noch nachhaltiger machten. Eine Pressemitteilung des DHB, die das empfindliche Thema und die Befindlichkeiten (ab-) moderieren sollte, verlängerte die Angelegenheit nur noch: Bis hin zu einem bestellten TV-Interview nach dem Polen-Spiel, in dem sich Gensheimer noch einmal rechtfertigen sollte – was erneut nur bedingt funktionierte.

Die Trilogie der unvorteilhaften Außendarstellungen komplett machten die diversen Auffassungen, wie denn nun die nächsten Ziele der DHB-Auswahl aussehen. Hier legte Bob Hanning einmal mehr die Messlatte höchstmöglich: Um Olympiagold wolle man spielen. Mehrfach wiederholte er diese Forderung. Ungeachtet des Umstandes, dass sich Alfred Gislasons Team für die Olympischen Spiele im März erst einmal qualifizieren muss und in Ägypten nur in einigen Phasen gefallen konnte. So viel Druck, ließ Hannings DHB-Präsidiumskollege und Ligachef Uwe Schwenker durchblicken, tue nicht Not. Und auch Alfred Gislason wirkte wenig angetan von einer solchen Zielsetzung. Die Szene raunt. Etwas mehr Demut wünschte sich beispielsweise auch Flensburgs Meistercoach Maik Machulla. Zumal nach den jüngsten Darbietungen.

Die schlechten Nachrichten von der Werbefront – was passiert wirklich?

Und dann auch noch das: Im Bundesgesundheitsministerium (BMG) reift ein weitgehendes Verbot von Banden- und Trikotwerbung für die mehr als hundert gesetzlichen Krankenkassen im Sport. „Ein solches Gesetz käme angesichts der für die Vereinsbasis folgenreichen Corona-Pandemie zu einer absoluten Unzeit", sagte Mark Schober dem Sport-Informations-Dienst (SID). Dem Vorstandsvorsitzenden des DHB fehlt für ein solches Gesetz jegliches Verständnis, sieht er doch in der seit 2014 laufenden Zusammenarbeit mit der AOK gewachsene Strukturen gefährdet. „Diese Kooperation nutzt Emotionen, um Botschaften zu Prävention und Gesundheit zu senden. Unsere Spieler/innen sind Vorbilder. All das wäre in Gefahr", so Schober, der in ohnehin schwierigen Zeiten weitere finanzielle Einbußen befürchtet.

Das BMG argumentiert in seinem Verordnungsentwurf, dass das Sponsoring nicht zur Vermittlung sachbezogener Informationen diene, sondern „allenfalls der Steigerung des Bekanntheitsgrades und der Aufwertung des öffentlichen Images der Krankenkasse durch die Assoziation mit einem beliebten Verein oder Turnier". In Schobers Augen aber ist die Partnerschaft „kein reines Werbetool, es ist ein emotionales Thema". Für die AOK ist der Vorstoß des Ministeriums ebenfalls nicht nachvollziehbar: „Nur durch die kontinuierliche Arbeit vor Ort, flankiert durch die Botschaften der Profi- und Spitzensportler, können nachhaltige Einstellungs- und vor allem Verhaltensänderungen folgen."

Am brisanten Thema Geld dürfte das Unbehagen des BMG nicht liegen. Die Werbeausgaben für die vorläufig bis Ende 2021 laufende Partnerschaft der AOK mit dem DHB liegen beispielsweise jährlich bei rund sechs Cent pro Mitglied, also cirka 1,2 Millionen Euro – ein verschwindend geringer Betrag. Die Wirkung der Maßnahmen aber ist wohl erheblich. Dennis Trautwein, Managing Director der Consulting- und Full Service-Agentur Octagon, meint: „Die positiven Effekte der Partnerschaft werden da nicht gesehen, es gibt keinen präventiveren Charakter." Paradox sei zudem, dass gleichzeitig Bund und Länder alleine in der ersten Hälfte 2021 rund 330 Millionen Euro Coronahilfen für den Spitzensport bereitstellen. Trautwein macht dem DHB – und anderen Betroffenen – aber auch etwas Hoffnung: „Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das eine oder andere Gericht mit dem Thema auseinandersetzen wird. Die bisher vorliegenden Texte wirken weich und voller Schlupflöcher.“

Aufmunternde Worte und den ein oder anderen Hoffnungsschimmer kann der DHB aktuell gut gebrauchen. Auf den hausgemachten ‚Baustellen’ und an der gerade jetzt hochsensiblen Sponsorenfront.

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