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Kleine Coaching Tipps – Ansprache vor dem Wettkampf

  • Christian Riedel
Die Mannschaft vor einem wichtigen Spiel zu motivieren ist die Kunst, die jeder Trainer beherrschen sollte. Sportpsychologe Jürgen Walter gibt Tipps, wie man die Spieler vor dem Ernstfall richtig heiß macht.

Netzathleten: Wie sieht eine gute Ansprache vom Trainer an die Spieler aus?
Jürgen Walter
: Eine gute Einstimmung vor dem Spiel ist immer so eine Art Brandrede. Der Trainer zeigt Emotionen, er geht auf seine Spieler ein und erklärt ihnen, dass es im Grunde genommen nichts Wichtigeres gibt als das nächste Spiel. Und auch wenn das Spiel von der Tabelle her nicht so wichtig ist, überzeugt ein guter Trainer sein Team, dass gerade solche Spiele noch wichtiger sind, weil man dann als Mannschaft zeigen muss, dass man gut spielen kann, auch wenn es im Grunde genommen um nichts geht. Der Trainer muss die Spieler heiß machen auf das Spiel, sie beispielsweise an die Zuschauer und die Ziele erinnern. Direkt vor dem Spiel geht es dann nicht mehr um die taktische Einstellung. Diese sollte man im Training schon erarbeitet haben. Direkt vor dem Spiel geht es dann nur noch um Emotionen, dass jeder bereit ist, das Letzte zu geben und Gras zu fressen, wie man es so gerne ausdrückt. Schließlich kommt man mit 80 Prozent abgerufener Leistung auch gegen vermeintlich schwächere Teams nicht weit.

Netzathleten: Da gibt es dann ja das Problem, dass nicht jeder Trainer ein Entertainer ist. Was kann ein eher wenig extrovertierter Mensch tun?
Jürgen Walter:
Das wichtigste ist immer, dass der Trainer authentisch ist. Und wenn er emotional nicht so aus sich heraus gehen kann, muss er eben auf seine Art, so wie die Spieler ihn kennen, der Mannschaft deutlich machen, wie wichtig das nächste Spiel ist. Auf keinen Fall darf sich ein Trainer verstellen. Das würden die Spieler sofort merken. Und dann wäre er unglaubwürdig. Daher ist Authentizität das wichtigste für einen Coach. Natürlich kann man als Trainer auch an seiner Ausstrahlung und seiner Performance arbeiten. Ein Trainer, der emotional nicht mitreißen kann, sollte daran arbeiten. Und wer eben nicht mitreißen kann, sollte sich hinterfragen, wie man selber besser auf die Spieler wirken kann.

Netzathleten: Ist ein guter Trainer dann auch ein bisschen ein Schauspieler?
Jürgen Walter:
Wie gesagt ist es wichtig, dass ein Trainer in erster Linie authentisch ist. Und wenn ich als Mensch eher ruhig bin und eine monotone Ansprache habe, kann ich daran arbeiten und hier noch ein bisschen etwas rauskitzeln. In höheren Ligen machen viele Trainer beispielsweise Rollenspiele, um zu üben, wie sie besser auf ihre Spieler einwirken können. Es ist nicht verboten, dass Trainer in niedrigeren Ligen das auch tun. Es ist eben wichtig, die Spieler emotional zu erreichen.

Netzathleten: Worauf sollte man als Trainer denn bei der Körpersprache achten?
Jürgen Walter:
Ich würde Körpersprache nicht überbewerten. Aber auch hier gilt wieder der Rat, authentisch zu sein. Natürlich sollte man jetzt nicht starr mit gesenktem Kopf auf seinem Stuhl sitzen und zu den Spielern sprechen. Es ist immer besser zu stehen, weil man hier auch auf die Spieler zugehen kann. Die Spieler können sitzen, aber der Trainer steht. Wichtig ist, eine positive Körpersprache zu haben, nicht die Arme zu verschränken, sondern offen und aufrecht zu stehen, den Kopf hoch zu nehmen und auch Blickkontakt zu den Spielern suchen. Hier hat man die Chance, noch einmal den Kontakt zu jedem Spieler zu suchen.

Netzathleten: Wie kann man denn als Trainer so eine Art Abnutzungseffekt verhindern? Wenn man immer sagt, das nächste Spiel ist das wichtigste, verliert man ja irgendwann an Glaubwürdigkeit.
Jürgen Walter:
Man darf nicht immer sagen, dass das nächste Spiel das wichtigste ist. Man muss grundsätzlich auf die Bedeutung des Spiels hinweisen. Auch wenn man am Ende der Saison auf einem Mittelfeldplatz steht und gegen einen Tabellennachbarn spielt, hat man schließlich für das Spiel trainiert, es kommen Zuschauer oder Freunde und die wollen ja auch sehen, dass die Mannschaft kämpft und ihre beste Leistung zeigt. Es ist also nicht immer das wichtigste Spiel, aber man muss der Mannschaft vermitteln, dass sie auch dann gut sein wollen, wenn es auf dem Papier nichts zu gewinnen gibt.

Netzathleten: Gibt es denn auch Dinge, was man vor dem Spiel als Trainer nicht unbedingt machen sollte?
Jürgen Walter:
Wichtig ist, dass der Trainer allen Spielern eine Wertschätzung entgegen bringt, auch wenn nicht jeder von Anfang an spielen kann. Ein guter Trainer stärkt vor dem Spiel das Gemeinschaftsgefühl und vergisst niemanden. Daher machen viele Mannschaften vor dem Spiel auch einen gemeinsamen Kreis, um sich einzustimmen. Alle Spieler sind wichtig, weil die Ersatzspieler beispielsweise durch positive Aktionen am Spielfeldrand die Teamkollegen unterstützen können. Auf der anderen Seite können die Auswechselspieler die Stimmung auch nach unten ziehen, wenn etwas nicht klappt. Zudem sollte man keine Themen ansprechen, die so vor dem Spiel nicht zu lösen sind, und keine Nebenkriegsschauplätze besprechen. Also über den Vorstand, über Finanzen oder das nächste Vereinsfest sprechen. Um die Spieler nicht abzulenken, sollte man auf keinen Fall über emotional belastende Themen sprechen sondern eben nur auf das nächste Spiel eingehen. Alle andere Themen haben hier nichts verloren.

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