Sport mit Nierenproblemen – Geht das? picture alliance

Sport mit Nierenproblemen – Geht das?

  • Marco Heibel
2007 war der Fall Ivan Klasnic ein großes Thema. Der Fußballer litt unter Niereninsuffizienz und stand kurz vor dem Karriere-Aus. Erst kürzlich wechselte mit dem Polen Slawomir Peszko ein Spieler in die Bundesliga, der vier Nieren besitzt. Gegensätzlicher geht es kaum. Wir nutzen den Anlass, mal ein paar Fragen zur „Filteranlage“ unseres Körpers zu klären.

Als Slawomir Peszko vor kurzem bei seinem neuen Arbeitgeber 1.FC Köln vorgestellt wurde, hatte er wegen seiner körperlichen Besonderheit gleich den Spitznamen „Vier-Nieren-Pole“ weg. Bereits in seiner Heimat Polen war Peszko ein Kuriosum. In seiner Jugend wollten ihm die polnischen Ärzte den Sport gleich ganz ausreden. Heute ist die Sachlage eine komplett andere. Und ein Kuriosum ist der Fall Peszko bei Licht betrachtet auch nicht.

Warum haben Menschen mehr als zwei Nieren?


Slawomir Peszko ist kein Einzelfall. Schätzungen zufolge hat rund ein Prozent der Bevölkerung eine so genannte Doppelniere, oft ohne es zu wissen. „Es handelt sich um eine Doppelanlage der Nieren, entweder auf einer Seite oder beidseitig, so wie in Peszkos Fall“, sagt Prof. Dr. Bernd Hoppe von der Abteilung für Kindernephrologie der Kölner Uniklinik. „Doppelnieren sind generell nichts Besorgnis erregendes. Bei Menschen mit dieser Veranlagung ist jedoch das Risiko für Harnwegsinfekte aufgrund der ungewöhnlichen Anatomie erhöht. Die meisten Menschen erfahren von ihrer Veranlagung erst, wenn sie sich deswegen behandeln lassen.“

Eine Doppelniere hat im Übrigen nicht zur Folge, dass man häufiger auf die Toilette muss. Das wurde Peszko in seiner Heimat Polen gerne unterstellt, weswegen er dort den Spitznamen „Harnröhre“ verpasst bekam. „Die Nieren eines gesunden Menschen arbeiten nur so viel wie sie müssen“, erklärt der Kindernephrologe. Durch die Doppelniere hat Peszko also weder Vor- noch Nachteile gegenüber seinen Mitmenschen.

Sind Menschen mit Doppelnieren die „perfekten“ Spender?


Wenn man mehr als zwei Nieren besitzt, ohne von ihnen zu profitieren, müsste man doch eigentlich problemlos eine oder gar zwei entbehren können, oder? „Grundsätzlich spricht nichts dagegen, eine doppelt angelegte Niere zu transplantieren. Die Anatomie dieser Nieren macht ein solches Unterfangen aber manchmal problematisch“, erklärt Prof. Hoppe.

Ein Leben mit Niereninsuffizienz


Ist die Episode Peszko eher noch eine der erheiternden Sorte, gibt es auch das andere Extrem. Rund 500 Millionen Menschen weltweit leiden unter Niereninsuffizienz. Fußballprofi Ivan Klasnic, Rugby-Star Jonah Lomu und Basketballer Alonzo Mourning sind prominente Sportler, die mit dieser Krankheit zu kämpfen haben.

„Bei der Niereninsuffizienz stellen die Nieren schrittweise ihre Arbeit ein. Der Körper wird nicht mehr entgiftet. Je früher man das merkt, desto besser“, erläutert Prof. Hoppe. Die Symptome sind so banal, dass man sie beinahe jeder Krankheit zuordnen könnte: Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Leistungseinbußen. Und genau das macht sie so tückisch. Meist zeigt sich das Problem erst nach einer ausgiebigen Blutuntersuchung.



Das Spektrum der Behandlungsmethoden ist nicht gerade aufmunternd: Transplantation, bis dahin Dialyse. „Solange Patienten auf ihre Spenderniere warten, müssen sie dreimal wöchentlich zwecks Blutreinigung für ein paar Stunden an die Dialyse. Auf das Jahr hochgerechnet, können da bei einem Patienten schon mal 600 bis 1.000 Stunden zusammenkommen“, sagt der Kölner Kindernephrologe. Viele Kinder, vor allem die ganz kleinen, werden sogar jede Nacht zu Hause per Bauchfelldialyse entgiftet. Da die Wartezeit auf eine Spenderniere bei Erwachsenen oft mehr als fünf Jahre und auch bei Kindern im Durchschnitt rund zwei Jahre betragen kann, kommt da einiges an Lebenszeit an der Dialyse zusammen.

So kann es laufen: Der Fall Ivan Klasnic


Fußballprofi Ivan Klasnic, bei dem die Niereninsuffizienz 2007 diagnostiziert wurde, hatte das Glück, dass seine Eltern sofort bereit waren, eine ihrer gesunden Nieren zu spenden. Hinzu kam der glückliche Zufall, dass gleich beide Elternteile für ihn als Spender in Frage kamen.

Der Körper des damaligen Werder-Stürmers stieß zunächst die Niere der Mutter ab, nahm letztlich aber die des Vaters an. Klasnics Fall ist der Idealfall. Die Wartezeit war extrem kurz, Klasnic konnte schnell wieder mit dem Fußball anfangen und für Kroatien sogar an der Europameisterschaft 2008 teilnehmen. Allerdings muss er nach wie vor Medikamente nehmen, damit der Körper das Organ nicht abstößt. Und Ivan Klasnic wird voraussichtlich in 15-20 Jahren eine neue Niere benötigen.

Sport mit Nierenproblemen?


Das Ende einer Sportlerkarriere muss die Diagnose Niereninsuffizienz also nicht bedeuten – zumindest sobald man seine Spenderniere hat. Wer zur Dialyse muss, kann dagegen allein schon wegen der körperlichen Anforderungen nicht mehr in vollem Umfang Leistungssport betreiben, vom schon beschriebenen Zeitaufwand einmal ganz abgesehen.

Aber auch Dialysepatienten sind mittlerweile unbedingt dazu aufgerufen, Sport zu treiben, z.B. auch während der Dialyse. Die Kölner Uniklinik treibt hier gerade in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln ein Pilotprojekt voran, bei dem dialysepflichtige Kinder und Jugendliche während der Blutwäsche ihrem Leistungsniveau angepasst auf einem Spinning Bike trainieren. Erste Pilotdaten haben gezeigt, dass dies die körperliche Leistungsfähigkeit wieder verbessern kann. Vor allem der extreme Leistungsknick unmittelbar nach der Dialyse kann so abgemildert werden. Unmittelbare Verbesserungen werden aber vor allem in Sachen Lebensqualität für alle Patienten erreicht.

Sport mit Spenderniere


Hat man dann sein Spenderorgan und der Körper nimmt es an, kann man wieder ganz normal seinem Sport nachgehen. Nur in einer Hinsicht ist ein wenig Vorsicht geboten: Implantierte Nieren sitzen nicht so gut geschützt im Körper wie die „Originale“, welche von Bindegewebe und Fettpolstern umgeben sind, sondern im Bauchraum oberhalb des Beckens. Kampfsportarten oder Disziplinen, bei denen es zu unkontrollierten (Körper-)Kontakten kommen kann, sind daher mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Aber dass auch diese nicht tabu sein müssen, zeigen die Beispiele von Neuseelands berühmtem Rugbyspieler Jonah Lomu und den Basketballern Alonzo Mourning und Sean Elliot.

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