Der Adonis Komplex - Wenn Muskeln zur Sucht werden thinkstockphotos.de

Der Adonis Komplex - Wenn Muskeln zur Sucht werden

  • Christian Riedel
Viele Männer gehen ins Fitnessstudio, um sich dicke Muskeln anzutrainieren. Dagegen ist im Grunde genommen nichts einzuwenden. Doch in einigen Fällen werden die Eisenbieger süchtig nach Muskeln. Man spricht auch vom Adonis-Komplex.

Starke Muskeln gehören beim Mann zum momentanen Schönheitsideal. Das ist ein Grund, warum viele (junge) Männer mehrfach pro Woche ins Fitnessstudio gehen. Grundsätzlich ist dagegen auch nichts einzuwenden. Schließlich ist Krafttraining eigentlich gesund. Denn Muskeln sehen nicht nur gut aus, sie schützen vor vielen Krankheiten, beugen Übergewicht und Rückenschmerzen vor. Problematisch kann es dagegen werden, wenn man nur Gewichte stemmt, um besser auszusehen.

Beim Blick in den Spiegel sind viele, vor allem junge Männer, mit ihrem Aussehen nicht zufrieden. Sie träumen von starken Oberarmen, von einem Sixpack und einem knackigen Hintern, wie man ihn in vielen Fitnesszeitschriften bewundern kann und haben teilweise auch Minderwertigkeitskomplexe, weil die Realität in ihren Augen nicht der Wunschvorstellung entspricht. So ein Traumkörper ist auch die Idealvorstellung, die einige im Kopf haben, wenn sie trainieren gehen. Wenn im Studio noch einige Muskelpakete herum laufen, fühlen sie sich dann noch kleiner und legen noch mehr Gewicht auf, um möglichst schnell ins Ziel zu kommen, mit dicken Muskeln die Welt zu beeindrucken.

Schön wie ein griechischer Gott


Wenn man hier nicht aufpasst, kann Krafttraining zur Sucht werden. Allerdings wird man nicht abhängig vom Training. Vielmehr ist man sozusagen betriebsblind für die eigenen Muskelpakete und sieht sich selber weiterhin als Hänfling auch wenn man mit den Oberarmen schon sämtliche T-Shirts sprengt und trainiert weiter wie ein Besessener. Dieser Zwang oder Muskelsucht wurde nach Adonis, dem griechischen Gott der Schönheit genannt und heißt entsprechend Adonis-Komplex.

Der Komplex ist aber nicht nur auf den Sport begrenzt. Wer betroffen ist, richtet sein ganzes Leben darauf aus. Eine zentrale Rolle spielt hier noch die Ernährung. Schließlich wird unser Aussehen stark davon beeinflusst, was und wie viel wir essen. Wer unter dem Adonis-Komplex leidet, verzichtet im Normalfall auf alle ungesunden Lebensmittel, verzehrt nur sehr wenige, oft zu wenige Kohlenhydrate und wenig Fett. Stattdessen stehen proteinreiche Lebensmittel weit oben auf dem Speiseplan. Dazu zählen auch Proteindrinks in rauen Mengen.

Auch das Privatleben wird dem Sport untergeordnet. Freundschaften zerbrechen, weil Betroffene lieber trainieren gehen, teilweise wird der Job gekündigt und auch so einfache Dinge wie ein Urlaub werden darauf ausgerichtet, ob man im Hotel ausreichend Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung hat. Und auch der Griff zur Spritze ist nicht mehr so weit, da man mit Steroiden bekanntlich das Muskelwachstum beschleunigen kann.

Ähnlich wie die Magersucht


Experte Harrison Pope vergleicht den Adonis-Komplex mit der Magersucht und sieht viele Parallelen. In beiden Fällen liegt eine gestörte Selbstwahrnehmung bzw. Körperwahrnehmung vor. Während man sich bei der Magersucht als zu dick ansieht, halten sich die Adonis-Männer für zu schmächtig. Und beide Krankheitsbilder wurden vom aktuellen Schönheitsideal heraufbeschworen. Während Frauen möglichst schlank sein sollen, sollen Männer durchtrainiert und muskulös sein, entsprechend der Vorbilder in Zeitschriften und Kinofilmen. Ohne den Körperkult der letzten Jahre, gäbe es weder Magersucht noch Adonis-Komplex.

Ein großes Problem ist, dass immer mehr Teenager betroffen sind. Da bei Ihnen der Körper noch in der Entwicklung ist, können solche Störungen im Körper unwiderrufliche Veränderungen zur Folge haben.

Was hilft gegen Adonis


Wie bei jeder Störung ist der erste Schritt der schwierigste. Schließlich muss der Betroffene erkennen, dass sich der Sport zu einer Sucht entwickelt hat. Viele betrachten sich nicht als krank. Einige schämen sich auch, weil sie sich für unattraktiv und schwächlich halten und wagen sich nicht mehr an die Öffentlichkeit und haben Probleme, sich vor ihrem Partner auszuziehen. Insofern kann man davon ausgehen, dass man auch im Fitnessstudio kaum jemand mit dem Komplex treffen wird, da diese lieber zuhause trainieren. Schließlich schämen sie sich für ihren Körper und scheuen einen möglichen Vergleich mit anderen Körpern in der Öffentlichkeit.

Da sich deswegen nur wenige Betroffene in Behandlung geben und der Trend noch neu ist, gibt es keine Zahlen, wie viele Menschen tatsächlich unter dem Adonis-Komplex leiden. Entsprechend gibt es auch noch keine allgemeingültige Therapie. Doch US-Mediziner befürchten eine wahre Epidemie, weil der Druck auf die Männer, einen muskulösen Körper zu präsentieren, immer größer wird.

Betroffene sollten sich in jedem Fall in Behandlung geben. Sonst drohen gravierende gesundheitliche und soziale Probleme. Jobverlust, Einsamkeit, Depressionen sind nur einige mögliche Auswirkungen, wenn man sich nicht helfen lässt. Rechtzeitig erkannt, ist der Komplex wohl noch behandelbar. Später müssen die Betroffenen mit Medikamenten behandelt werden. Ziel der Therapie ist es, die Selbstwahrnehmung und das Körpergefühl zu stärken. Schließlich ist der Mensch mehr als nur auf Muskeln beschränkt zu werden.

Adonis verhindern

Noch besser ist es natürlich, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Leider ist der Übergang zwischen Spaß am Sport, Körperkult und Sucht fließend und nur schwierig zu bemerken. Wichtig ist zunächst, dass Sport immer Spaß machen sollte und nie zur richtigen Qual werden darf (natürlich darf man sich beim Training ein bisschen quälen, aber es sollte nie ein Zwang dahinter stehen). Weiter sollte man darauf achten, dass Sport nie zum Haupt-Lebensinhalt werden darf. Ohne soziale Kontakte kann ein Mensch nicht glücklich werden. Zum dritten haben US-Studien gezeigt, dass Frauen vor richtigen Muskelbergen Angst haben. Gut durchtrainiert ja, aber gerade bei Muskeln gibt es ein zuviel das Guten. Daher muss man sich auch keine riesigen Muskelberge antrainieren, um die Damenwelt zu beeindrucken. Wer sich daran hält, muss in der Regel keine Angst haben, irgendwann süchtig nach Muskeln zu werden.

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