Adrenalinstoß beim Sport – Kann man ihn steuern? picture alliance

Adrenalinstoß beim Sport – Kann man ihn steuern?

  • Derk Hoberg
Bei den Olympischen Winterspielen sah man es immer wieder: Spitzensportler schlagen sich unmittelbar vor ihrem Wettkampf hart auf die eigene Brust. Wollen sie Adrenalin freisetzen? Pure Motivation? Professor Halle, Leiter der sportmedizinischen Abteilung der TU München gibt Antworten.

Maria Riesch tat es vor dem Gewinn ihrer zwei Goldmedaillen in Vancouver, etliche Boxer tun es vor ihrem Kampf. Bei unserem Skicrosser Martin Fiala konnten wir es sogar im Training beobachten. Direkt vor dem Wettkampf schlagen sie sich mit der Faust oder der flachen Hand kräftig auf die Brust. Zwei oder drei Schläge zumeist – dann geht es ab in den alpinen Stangenwald oder in den Kampf Mann gegen Mann.

Was ist Adrenalin?

Die Mutmaßungen, warum Sportler das tun, gehen in die Richtung, dass durch den Schlag Adrenalin freigesetzt werden soll. Dieses Hormon, auch Epinephrin genannt, wird im Nebennierenmark produziert. In Stresssituationen wird es ins Blut ausgeschüttet und bewirkt unter anderem eine Steigerung der Herzfrequenz, einen Anstieg des Blutdrucks, eine Beruhigung des Magen- und Darmtraktes und eine schnelle Bereitstellung von Energiereserven durch Fettabbau. Dies ist der wichtigste Effekt des Hormons. In gefährlichen Situationen soll dadurch das Überleben gesichert werden. Flucht oder Kampf sollen durch die Mobilisierung der Körperenergie und der vorrübergehenden Inaktivierung nicht benötigter Prozesse optimiert werden.

Die Frage bleibt, ob man mit den Schlägen in Herznähe die Adrenalinproduktion anregen kann? Wir haben mit Professor Dr. med. Martin Halle von der Technischen Universität München darüber gesprochen. Er ist der Leiter der Abteilung für Prävention und Sportmedizin der TU.

Professor Halle klärt auf:

„Bei dieser Handlung geht es nicht um Adrenalin. Letztlich geht es darum, den Körper nochmals zu aktivieren, Spannung aufzubauen. Man will dadurch wach werden, die Muskulatur aktivieren, dem Körper signalisieren: Jetzt geht es los.

Häufig geht es im Leistungssport nicht um Zehntelsekunden, sondern um Hundertstel. Und das in einem kurzen Moment des Tages. Wenn man bedenkt, dass die Sportler morgens in aller Frühe aufstehen und noch eine lange Zeit bis zu ihrem Rennen überbrücken müssen, ist es wichtig, im richtigen Moment bereit zu sein. Da setzt man Zäsuren. Einige „wecken“ sich auf eben diese Art vor dem Rennen nochmal auf, aber da hat auch jeder Sportler sein eigenes Rezept. Nicht jeder schlägt sich auf die Brust.

Nach dem Wettkampf muss aber eine weitere Zäsur erfolgen, die Entspannungsphase. Wir sahen jetzt in Vancouver bei Maria Riesch, dass sie nach ihren Rennen jeweils gar nicht in die Entspannungsphase mit Massagen und Ruhezeiten entlassen, bzw. diese immer wieder durch Termine unterbrochen wurden. Sie musste ein Interview nach dem anderen absolvieren, von Fernsehstudio zu Fernsehstudio eilen. So konnte sie nicht ihre gewohnten Entspannungsphasen einlegen. Gerade weil diese Phasen und die jeweiligen Zäsuren aber so wichtig sind, werden sie von Leistungssportlern häufig bewusst ritualisiert, zum Beispiel durch Massagen zur Entspannung oder Schläge auf die Brust zur Aktivierung. Eine wissenschaftliche Erklärung, dass etwa das Stresshormon Adrenalin bei Schlägen auf die Brust ausgeschüttet wird, existiert aber nicht.“


Damit ist die Frage nach dem Sinn und Zweck des Brustklopfens geklärt. Ganz so einfach ist es folglich nicht, einen Adrenalinstoß zu provozieren. Ohne Zweifel hatte Anja Pärson bei den Winterspielen in Vancouver wohl den größten Adrenalinausstoß unter den alpinen Rennfahrern. Ihr schlimmer Sturz in der schweren Damenabfahrt, bei dem sie 60 Meter durch die Luft flog, dürfte wohl für eine gehörige Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin gesorgt haben.

Zur Person

Professor Dr. Martin Halle ist Leiter des Zentrums für Prävention und Sportmedizin
an der Technischen Universität München. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin. Die Sportmedizin der TU München engagiert sich neben der speziellen Betreuung von Sportlern aus dem Deutschen Skiverband (DSV) insbesondere auch in den Bereichen Leichtathletik, Rudern, Golf, Schwimmen, Basketball und Fußball. So war die Münchner Sportmedizin während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 medizinischer Koordinator für den Standort München und ist offizielles FIFA Medical Center.

Derk Hoberg

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