Hens kommt zurück - Interview mit Christian Schwarzer picture alliance (li), Christian Schwarzer privat

Hens kommt zurück - Interview mit Christian Schwarzer

  • Derk Hoberg
netzathleten-Experte Christian Schwarzer rechnet fest damit, dass Pascal Hens im Spiel gegen Polen zu alter Stärke zurückfinden wird. Was er zum bisherigen Abschneiden bei der Europameisterschaft und der Entwicklung des DHB-Teams sagt, lest Ihr in unserem Exklusiv-Interview mit dem Handball-Weltmeister von 2007.

 

netzathleten: Blacky, seit unserem letzten Gespräch (nach dem Spiel gegen Tschechien, d. Red.) hat sich einiges getan. Wer hätte gedacht, dass die EM noch einen so positiven Verlauf für die Nationalmannschaft nehmen würde?

Christian Schwarzer: Dass im Sport wirklich alles möglich ist, habe ich ja des Öfteren auch am eigenen Leib erfahren dürfen. Nehmen wir die EM 2004 als bestes Beispiel, unser Start war ähnlich durchwachsen, wir nahmen nur einen einzigen Punkt mit in die Hauptrunde und am Ende holten wir den Titel. Sicherlich waren wir damals als Mannschaft gefestigter. Aber man sieht auch jetzt wieder, was möglich ist, wenn man dazu bereit ist, viel zu investieren. Das ist die Mannschaft nun endlich und hat sich so verdientermaßen alle Chancen auf das Halbfinale und die Olympiaqualifikation offen gehalten.

netzathleten: Wie ist das zu erklären? Ist die Mannschaft in so kurzer Zeit zusammengewachsen?

Christian Schwarzer: Das Team hat einfach ein Aha-Erlebnis gebraucht, wie das Spiel gegen Mazedonien eines war. Da wurde der Schalter umgelegt und die Mannschaft hat gemerkt, dass gewisse Qualitäten in ihr stecken. Diese kann sie aber nur dann abrufen, wenn sie bereit ist alles zu geben. Das müssen sie weiterhin beherzigen.

netzathleten: Was macht das Team jetzt besser als beim Auftaktmatch gegen Tschechien?

Christian Schwarzer: Jetzt ist auf jeden Fall Leben in der Mannschaft. Das hat am Anfang gefehlt. Und wenn man merkt, dass man überall mithalten kann, dann wächst eben auch das Selbstvertrauen. Und plötzlich können die Jungs auch wieder Handball spielen.

netzathleten: Inwieweit muss man Martin Heuberger da hervorheben? Seine Entscheidung, Kapitän Pascal Hens auf die Bank zu setzen war riskant, ging aber vollends auf…

Christian Schwarzer: Diese Entscheidung ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse. Dabei sind das doch ganz normale Mechanismen im Mannschaftssport. Ich finde das nicht außergewöhnlich. Bei einem Turnier, bei dem im Zweitages-Rhythmus gespielt wird, braucht man ohnehin jeden Mann. Und wenn ein anderer momentan besser in Form ist, dann spielt eben derjenige.

netzathleten: Auf der Bank kann Pascal Hens aber nicht zu seiner Topform zurückfinden, eher ist das Gegenteil der Fall. Wie schwer ist die Situation für ihn?

Christian Schwarzer: Klar ist das schwierig und Spieler gehen mit solch einer Situation sehr unterschiedlich um. Und es ist auch ganz normal, dass das „Pommes“ nicht kalt lässt. Aber man muss einfach lernen, damit umzugehen und sich da selbst wieder herauskämpfen.

netzathleten: Du bist jetzt seit einigen Tagen in Serbien, hast die Mannschaft vor Ort erlebt. Wie ist Dein Eindruck, ist das Team gefestigt genug, um mit der Niederlage gegen Dänemark fertig zu werden?

Christian Schwarzer: Ich denke schon. Sie wissen nun anscheinend, worauf es ankommt und sie haben zudem gezeigt, dass sie in entscheidenden Begegnungen ihre Leistung bringen können. Deshalb gehe ich auch fest von einem Sieg gegen Polen aus.

netzathleten: Braucht diese Mannschaft unter Umständen sogar den enormen Druck, gewinnen zu müssen?

Christian Schwarzer: Ich war schon vor der Partie gegen Dänemark nicht erfreut, dass Polen schon vorher gegen Mazedonien verloren hatte. So hat die Mannschaft natürlich das Ergebnis der Polen gehört und wusste daher, dass es bei einer Niederlage gegen Dänemark noch eine zweite Chance auf den Halbfinaleinzug geben würde. Dabei geht es sicherlich nur um ganz wenige Prozentpunkte, was die Einstellung und die Leistung angeht, aber auf diesem Niveau genügt das schon, um knapp zu verlieren. Die Jungs sind eben auch nur Menschen, so etwas hat man dann irgendwo im Hinterkopf sitzen und kann es nicht abschalten. Gegen Polen geht es nun hingegen um alles und dementsprechend wird die Mannschaft zu Werke gehen.

netzathleten: Wie stark schätzt Du die Polen ein?

Christian Schwarzer: Die Polen sind eine Wundertüte, da ist alles möglich. Sie sind eigentlich eine Spitzenmannschaft, streuen dann aber auch mal einen Auftritt wie gegen Mazedonien ein, bei dem sie völlig von der Rolle waren. Ein riesiges Problem haben sie auf der Torhüterposition, durch den verletzungsbedingten Ausfall von S?awomir Szmal. Das verunsichert sie meines Erachtens sehr.

netzathleten: Wie schlagen wir die polnische Mannschaft?

Christian Schwarzer: Mit einer kompakten Abwehr und einem guten Torhüter. Zudem müssen wir im Tempospiel einige leichte Tore machen, diesmal eiskalt unsere Chancen nutzen. Das wird der Schlüssel zum Erfolg sein.

netzathleten: Wird Bundestrainer Heuberger noch einmal in die taktische Trickkiste greifen?

Christian Schwarzer: Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es im taktischen Bereich viel Spielraum gibt. Zumal sich die Mannschaften quasi aus dem Effeff kennen. Da gibt es nichts, was der Gegner nicht weiß. Dafür habe ich aber momentan das Gefühl, dass wir einen wiedererstarkten Pascal Hens erleben werden. Ich weiß nicht, ob er von der Bank kommt oder direkt startet, aber ich rechne damit, dass wir morgen den Hens sehen, den die Mannschaft braucht, um ins Halbfinale einzuziehen.

netzathleten: Vielen Dank für das Gespräch, Blacky.

Mehr über Christian Schwarzer erfahrt Ihr auf christian-schwarzer.de

 

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