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Stark am Berg, locker in der Ebene: Worauf es im Radtraining ankommt

Wer regelmäßig auf dem Rad sitzt, kennt den Unterschied: Am Anstieg brennen die Oberschenkel, in der Ebene fehlt plötzlich der Punch für die letzten Kilometer. Berg und Flachstrecke fordern den Körper auf völlig verschiedene Weise und genau darin liegt der Hebel für alle, die ihre Form gezielt verbessern wollen.

Was die meisten Radfahrer ausbremst

Viele Radfahrer trainieren nach Gefühl: Mal eine schnelle Runde durch den Park, mal eine Tour mit ordentlich Höhenmetern am Wochenende. Das ist natürlich besser als nichts, verschenkt aber Potenzial. Wer seine Leistung von Saison für Saison steigern will, braucht einen Plan und ein Verständnis dafür, was Berg und Ebene jeweils vom Körper verlangen.

Was am Berg wirklich zählt

Bergauffahren ist in erster Linie Kraftausdauer. Die Muskulatur arbeitet gegen die Schwerkraft, jede Pedalumdrehung kostet deutlich mehr Energie als in der Ebene. Wer regelmäßig am Anstieg trainiert, kräftigt vor allem die langsam kontrahierenden Muskelfasern.

Das sind jene Fasern, die bei lang anhaltender Belastung den Unterschied machen. Gleichzeitig verbessert sich die Fähigkeit des Körpers, Laktat effizienter abzubauen.

Bergintervalle richtig setzen

Ein bewährtes Mittel sind Bergintervalle. Drei Wiederholungen über acht bis zwölf Minuten bei rund 90 Prozent der individuellen Schwellenleistung gelten als solide Einheit. Die Kadenz darf dabei bewusst niedrig bleiben – zwischen 50 und 70 Umdrehungen pro Minute. Das fordert die Beinmuskulatur intensiver, als ein schneller Tritt es könnte.

Sitzen und Wiegetritt im Wechsel

Wichtig ist auch der Wechsel zwischen Sitzen und Wiegetritt. Im Sattel arbeitest Du gleichmäßig mit dem Oberschenkelstrecker, im Stehen verteilt sich die Last auf Gesäß, Waden und Rumpf. Wer beides regelmäßig übt, verschafft sich am Berg eine zweite Option, wenn die Beine müde werden.

Wer sportliches Radfahren ernst nimmt, wird am Berg seine größten Fortschritte erzielen. Mehr als zwei Bergeinheiten pro Woche bringen allerdings keinen Zusatzeffekt. Zu viel davon geht auf Kosten der Gesamtfitness und verlängert die Regenerationszeiten unnötig.

Tempoarbeit in der Ebene

Flachstrecken sind das Gegenstück zum Berg. Hier zählt weniger rohe Kraft, dafür umso mehr Effizienz und Ausdauer. Eine höhere Kadenz zwischen 80 und 100 Umdrehungen entlastet die Muskulatur und verlagert die Arbeit stärker aufs Herz-Kreislauf-System. Das spart Glykogenreserven und hält die Beine über die gesamte Distanz frisch.

Dazu kommt der Faktor Aerodynamik. In der Ebene macht der Luftwiderstand den größten Teil der Bremsenergie aus – bei 30 km/h sind es bereits über 80 Prozent. Schon kleine Anpassungen an der Sitzposition können mehrere Watt einsparen. Das ist Energie, die am Ende einer langen Ausfahrt spürbar fehlt oder eben zur Verfügung steht.

Training im Sweet Spot

Der sogenannte Sweet Spot beschreibt den Leistungsbereich knapp unterhalb der individuellen Schwelle. Du trainierst mit hoher Intensität, ohne Dich komplett zu verausgaben. Einheiten zwischen 20 und 60 Minuten in diesem Bereich verbessern die aerobe Kapazität spürbar. Die Erholung danach fällt moderat aus, weshalb sich solche Einheiten gut in eine reguläre Trainingswoche einbauen lassen.

Die Kadenz als Stellschraube

Kadenz ist mehr als eine Zahl auf dem Display. Sie entscheidet, ob Du die Belastung eher muskulär oder kardiovaskulär abfederst. Wenn du am Berg bewusst mit niedrigem Tritt arbeitest, und in der Ebene das Tempo über die Frequenz steuerst, wird dein Training durch diese Abwechslung erst wirklich rund. Wer die Kadenz gezielt variiert, setzt bei jeder Ausfahrt unterschiedliche Reize und entwickelt ein besseres Gespür für den eigenen Körper.

Grundlagenausdauer: das Fundament für alles

Ohne eine breite Basis bringt dir weder Bergtraining noch Tempoarbeit den gewünschten Effekt. Die Grundlagenausdauer ist das Fundament, auf dem sich intensivere Einheiten erst wirksam aufsetzen lassen. Wer diese Phase überspringt und direkt ins harte Training einsteigt, riskiert Stagnation statt Fortschritt.

In der Praxis heißt das: lieber zwei bis vier Stunden bei moderater Intensität fahren, und zwar locker genug, um sich nebenbei unterhalten zu können. In dieser Zone trainiert der Körper seinen Fettstoffwechsel und lernt, mit den begrenzten Kohlenhydratvorräten sparsamer umzugehen. Wer beim nächsten Granfondo oder der Alpentour noch genügend Reserven haben will, legt im Grundlagenausdauertraining den Grundstein dafür.

Die verbreitete 80/20-Regel fasst die Idee dahinter gut zusammen. 80 Prozent des Trainingsumfangs bleiben im lockeren Grundlagenbereich, die restlichen 20 Prozent sind intensiven Einheiten vorbehalten, beispielsweise Bergintervallen, Schwellenarbeit oder kurzen Sprints. Wer diese Verteilung einhält, baut Leistung auf, ohne den Körper dauerhaft zu überfordern.

Dazu lohnt sich eine Periodisierung über die Saison. In den Wintermonaten liegt der Fokus auf Grundlagen- und Kraftausdauer, im Frühjahr kommen Intervalle und VO2max-Einheiten dazu. Zum Sommer hin wird der Umfang reduziert und die Intensität erhöht. So reift die Form pünktlich, wenn es auf den Lieblingsstrecken wieder ernst wird.

Den eigenen Rhythmus finden

Letztlich zählt Regelmäßigkeit mehr als einzelne Schlüsseleinheiten. Ein Trainingsplan mit drei bis vier Einheiten pro Woche, der Berg, Ebene und lockere Grundlage abwechselt, reicht für deutliche Fortschritte. Wichtig bleibt, den eigenen Körper dabei aufmerksam zu beobachten: Schwere Beine, unruhiger Schlaf, sinkende Motivation oder ein erhöhter Ruhepuls deuten auf Überlastung hin. Dann lieber einen Tag pausieren, statt das nächste Intervall durchzudrücken.

Erholung gehört zum Training genauso dazu wie der nächste Anstieg oder die lange Flachetappe am Wochenende. Ausreichend Schlaf und eine bewusste Ernährung unterstützen den Prozess zusätzlich. Wer Berg und Ebene dosiert in seinen Alltag einbaut und dem Körper dazwischen Ruhe gönnt, wird sich wundern, wie schnell sich die Form verbessert.

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