Motorsport gilt als Inbegriff von Geschwindigkeit, Technik und Präzision. Aufgrund des Leistungsdrucks, Risikos und maximaler Konzentration spielt aber auch mentale Stärke eine entscheidende Rolle. Wir sprechen mit Mentaltrainerin Lara Wettengel, die Rennfahrer genau dabei unterstützt – und erklärt, warum Rennen tatsächlich im Kopf gewonnen werden.
netzatleten: Lara, Sie sind Mentalcoach für Rennfahrer. Motorsport gilt als körperlich anspruchsvoll – aber wie entscheidend ist die Psyche?
Lara Wettengel: Die Psyche ist viel entscheidender, als die meisten denken. Man kann das gut mit dem Alltag vergleichen: Wenn ich schon mit der Einstellung ins Training gehe, dass ich keine Lust habe, wird es auch nicht gut laufen. Im Motorsport ist das ähnlich – nur mit deutlich höheren Konsequenzen. Wer mental nicht bereit ist, kann seine körperliche und fahrerische Leistung gar nicht vollständig abrufen.
Also reicht Talent allein nicht aus?
Nein. Ich würde sagen, es ist etwa 50:50. Natürlich braucht es fahrerisches Können und Talent – aber wenn ich das nicht auf die Strecke bringen kann, weil ich nervös bin oder unter Druck stehe, fehlen vielleicht entscheidende Hundertstel.
Was sind typische mentale Herausforderungen für Rennfahrer?
Ganz häufig ist es der Umgang mit Druck. Der kommt von vielen Seiten: Sponsoren, Team, Familie – und oft man macht sich Druck auch selbst. Dazu kommt die finanzielle Komponente im Motorsport. Fehler können teuer werden. Diese Gedanken führen schnell zu Nervosität, und die wiederum zu Unkonzentriertheit.

Und was passiert dann auf der Strecke?
Dann entsteht oft ein Teufelskreis: Ein kleiner Fehler bringt einen aus dem Konzept, die Konzentration sinkt, es folgen weitere Fehler. Gerade im Motorsport, wo ständig unvorhergesehene Situationen auftreten, ist es entscheidend, schnell einen mentalen „Reset“ zu schaffen und sich wieder zu fokussieren.
Spielt Angst bei hohen Geschwindigkeiten eine Rolle?
Interessanterweise weniger, als man denkt. Hier sprechen wir eher von positivem Stress, sogenanntem Eustress. Der steigert die Konzentration und Leistungsfähigkeit. Problematisch wird es beim negativen Stress – etwa durch Druck oder Selbstzweifel. Der wirkt sich direkt negativ auf Fokus und Entscheidungsfähigkeit aus.
Welche Methoden nutzen Sie im Mentaltraining?
Ich arbeite unter anderem mit dem sogenannten DISG-Modell, einem Farbtypen-System. Dabei analysiere ich, wie Fahrerinnen und Fahrer ticken – ob sie eher dominant, harmoniebedürftig, kommunikativ oder analytisch handeln. Auf dieser Basis entwickle ich individuelle Strategien, jeweils auf die Charakteristik des Einzelnen zugeschnitten.
Gibt es denn typische Persönlichkeitsprofile im Motorsport?
Dominanz ist bei vielen vorhanden, aber besonders auffällig ist der hohe Anteil an analytischem Denken. Viele Fahrer sind sehr zahlen- und datenorientiert – was natürlich auch mit Telemetrie und Auswertung zusammenhängt.
Wie sieht konkretes Mentaltraining aus?
Das können Atemtechniken oder Fokussierungsübungen sein. Ein Beispiel: Ein Fahrer war vor Rennen stark abgelenkt vom Umfeld und dem unruhigen Treiben in der Box. Wir haben ein Ritual entwickelt – sobald er im Auto sitzt und das Lenkrad berührt, ist das sein „Startknopf“. Ab diesem Moment existieren nur noch er und das Auto. Das hilft, alles andere auszublenden.

Klingt simpel, aber wie effektiv ist das.
Sehr. Solche Rituale müssen aber trainiert werden, dann funktionieren sie erstaunlich gut.
Gibt es auch einfache Techniken, die Motorsportler schnell umsetzen können?
Ja, zum Beispiel die sogenannte Boxenatmung: Man stellt sich vor, man läuft ein Quadrat ab – vier Sekunden einatmen auf der ersten Linie, vier Sekunden ausatmen auf der zweiten, und immer so weiter im gleichen Rhythmus. Das beruhigt den Puls und hilft dadurch, sich zu fokussieren.
Wie groß ist der messbare Effekt von Mentaltraining im Motorsport?
Studien zeigen, dass gezieltes mentales Training Stressreaktionen um bis zu 40 Prozent reduzieren kann. Gleichzeitig verbessern sich Reaktionszeiten und die Fehlerquote sinkt.
Was macht am Ende den Unterschied auf Top-Niveau?
Wenn Technik und körperliche Fitness am Limit sind, entscheiden die mentalen Faktoren über die letzten Zehntel. Wer in entscheidenden Momenten klar bleibt und die richtigen Entscheidungen trifft, gewinnt.
Rennen werden nicht nur mit Gas und Lenkrad gewonnen – sondern auch im Kopf. Vielen Dank für das Gespräch, Lara!
Alle weiteren Informationen unter: www.team-mmw.de
Hintergrund: Über Team MWW
Lara Wettengel verbindet eine tiefe Leidenschaft für den Motorsport mit fundiertem psychologischem Fachwissen. Als Psychologin mit Spezialisierung auf den Motorsport kennt sie die emotionale Welt des Rennsports aus eigener Erfahrung – von der Faszination der Geschwindigkeit bis hin zu den mentalen Herausforderungen, denen Fahrer im Wettkampf begegnen.
Ein zentrales Thema ihrer Arbeit ist die oft unterschätzte Wirkung von Stress, Druck und Nervosität auf die Fahrperformance. Team MMW unterstützt Rennfahrer dabei, ihre mentale Stabilität gezielt zu stärken – mit dem Ziel, in entscheidenden Momenten konstant und leistungsfähig zu agieren.
Die Grundlage der Zusammenarbeit bildet eine individuelle farbpsychologische Analyse. Auf Basis dieser Analyse wird ein persönlicher Entwicklungsplan erarbeitet, der exakt auf die Persönlichkeit, die Stärken und die Ziele des jeweiligen Fahrers abgestimmt ist. Team MMW setzt dabei bewusst auf maßgeschneiderte Begleitung statt auf standardisierte Programme – ganz nach dem Prinzip eines individuellen mentalen Setups.





















