Weltmeister von Morgen  – Die Leistungszentren (2) Stiliyan Kandev

Weltmeister von Morgen – Die Leistungszentren (2)

Im ersten Teil unseres Berichts über die Talentförderung im deutschen Fußball haben wir die Maßnahmen des DFB unter die Lupe genommen. Eine davon war, die Proficlubs in Deutschland dazu zu verpflichten, eigene Leistungszentren für den Nachwuchs zu betreiben. Über deren Auflagen, Aufgaben und Alltag sprachen wir mit Armin Kraaz, dem Leiter des Leistungszentrums von Eintracht Frankfurt.

Eine gute Ausbildung wird überall in Deutschland großgeschrieben. Inzwischen auch beim fußballerischen Nachwuchs. Die Geschichte der deutschen Talentförderung wird dabei seit gut 15 Jahren neu geschrieben und die ersten Früchte der Reformen wurden bereits geerntet. Beinahe schon regelmäßig fahren die Nachwuchsmannschaften des DFB inzwischen internationale Titel ein. Die deutsche U17 musste sich unlängst bei ihrer Europameisterschaft erst im Finale den Franzosen geschlagen geben und erstmals haben sich ausnahmslos alle Juniorenmannschaften des DFB, in deren Altersklasse in diesem Jahr ein Turnier stattfindet, auch dafür qualifiziert.

Armin Kraaz EintrachtArmin Kraaz (©Eintracht Frankfurt)Nicht ohne Grund, weiß auch Armin Kraaz, Leiter des Leistungszentrums bei der Frankfurter Eintracht: „Als ich hier 1996 als A-Jugend-Trainer angefangen habe, gab es außer mir einen weiteren Amateurtrainer und selbst der damalige Abteilungsleiter Jugend, Klaus Lötzbeier, war hier ehrenamtlich tätig. Heute beschäftigen wir neben fünf hauptamtlichen Trainern zusätzlich Sportpsychologen, Sozialpädagogen, haben zwei Physiotherapeuten bei jedem Training vor Ort, bieten Nachhilfeunterricht, einmal wöchentlich eine Arztsprechstunde beim Training und insgesamt eine ganz individuelle Trainingssteuerung“, sagt der ehemalige Frankfurter Profispieler. Er ist der Überzeugung, dass heutzutage viele Nachwuchs-Leistungszentren professioneller arbeiten, als die meisten Profivereine das vor zehn Jahren getan haben.


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Wenn der Koloss in Bewegung kommt

Grund dafür ist auch ein Kriterienkatalog mit über 800 Punkten und die DFB-Zertifizierung der Leistungszentren, die in regelmäßigen Abständen stattfindet. Schneidet man dabei gut ab, bekommt man mehr Fördergelder und kann damit für sein Leistungszentrum werben. Erfüllen müssen die Profivereine laut DFB dabei vor allem folgende Qualitätsmerkmale:

•    Eine Mindestanzahl an optimalen Spiel- und Trainingsflächen
•    Sportmedizinische Begleitung und einen Physio- und Rehabereich
•    Unterbringung externer Spieler in einem Internat auf Basis angemessener pädagogisch-psychologischer Strukturen
•    Optimal ausgebildete und möglichst hauptamtliche Trainer
•    Funktionierende Strukturen/Konzepte zur schulisch-beruflichen Ausbildung der Talente
•    Scouting-Konzeptionen und -Strukturen
•    Integration sportpsychologischer/-wissenschaftlicher Grundlagen in die Förderkonzeptionen

Armin Kraaz kann im Falle der Eintracht auf eine erfolgreiche Entwicklung zurückblicken, auch wenn man hier anfangs noch irritiert war: „Uns roch die Einrichtung zertifizierter Leistungszentren ein wenig nach Kontrolle und Bevormundung. Allerdings haben sich die Maßnahmen als richtig herausgestellt. Wenn der Koloss DFB in Bewegung kommt, kommt meistens etwas Gutes dabei heraus. Und wir bekommen hier in Frankfurt von Anfang an die höchste Bewertung von drei Sternen für unser Leistungszentrum. Aber das ist heutzutage auch notwendig, denn inzwischen befinden wir uns in einem regelrechtem Wettstreit um junge Spieler mit den anderen Vereinen.“

AufstellungSpieltag am Riederwald (©Stiliyan Kandev)

MuseumIm Museum des Traditionsvereins werden die Trophäen für den Nachwuchs ausgestellt (©Derk Hoberg)Man muss den jungen Fußballern heute einiges bieten, um das Tauziehen um die besten Talente zu gewinnen. Fußballerische Tradition, wie sie ein Verein wie Eintracht Frankfurt zweifelsohne mehr vorzuweisen hat als die dafür in Finanzfragen unabhängigeren Clubs wie RB Leipzig oder VFL Wolfsburg, ist heutzutage nur noch eine romantische Floskel im Millionengeschäft Fußball. Im Frankfurter Leistungszentrum am Riederwald setzt man dennoch darauf, schließlich hat man hier intakte Strukturen zu bieten: „In unserem Mehrsportarten-Verein herrscht tatsächlich noch ein richtiges Vereinsleben. Hier am Riederwald ist richtig was los unter der Woche, wenn alle trainieren. Am Wochenende, wenn gespielt wird, sowieso. Der Wirt unserer Vereinsgaststätte veranstaltet öfter mal schöne Feste hier, das ist eine richtig familiäre Atmosphäre“, sagt Armin Kraaz. Doch auch die offiziellen Auflagen erfüllt man. Die Jugendlichen, die nicht direkt aus Frankfurt kommen, wohnen hier am Riederwald im Internat. So wie Nils Stendera, jüngerer Bruder des inzwischen zum Stammspieler der Eintracht-Profis herangewachsenen Marc Stendera, der aktuell auch einen guten Turnierauftakt bei der U20-WM in Neuseeland erlebt un bereits vier Tore in den drei Gruppenspielen geschossen hat.



LeistungszentrumIn den oberen Etagen liegen die Internatsräume des Leistungszentrums (©Bartosz Niedzwiedzki)Darauf angesprochen, ob sich Armin Kraaz sich deshalb manchmal auch als Herbergsvater fühle, entgegnet er: „Nils ist jetzt 14 Jahre alt, kommt aus Kassel und die Eltern überlassen uns sozusagen ihr Kind. Wir sind jetzt dafür verantwortlich, dass der Junge seine bestmögliche Leistung in Sachen Schule bringt und gleichzeitig auch fußballerisch vorankommt und womöglich einmal seinem Bruder in die Bundesliga folgen kann. Jungs wie er sind aber auch mal krank. Die haben Fieber, die haben mal Liebeskummer, die bauen mal Mist. Das hätte ich vorher ehrlich gesagt nicht gedacht, was mit so einem Internat alles an Verantwortung auf einen zukommt.“

Der Alltag im Leistungszentrum

Um den größtmöglichen Erfolg zu erzielen, müssen aber nicht nur die Vereine sondern auch die Talente selbst einiges investieren. Ihr Tagesablauf im Leistungszentrum ist straff durchgetaktet. Nach dem Frühstück in den Internatsräumen geht es  in die Schule. Die Kicker sind mit anderen Sportlern in speziellen Sportlerklassen an einer „Eliteschule des Fußballs“ untergebracht. Sie haben dreimal in der Woche ihre Sportart als Fach, absolvieren somit wesentlich mehr Trainingseinheiten als vor der Reform der Talentförderung. Einen weiteren Vorteil der Eliteschule nennt Armin Kraaz: „An einer solchen Schule sind Freistellungen für Turniere oder Wettkämpfe natürlich auch kein Problem. Der Unterricht wird dann nachgeholt. Für diejenigen, denen es doch zu viel wird, bieten wir hier im Internat Nachhilfe an. Wir haben dafür einen Nachwuchstrainer, der in Personalunion auch Lehrer ist. Er hat die Stelle an seiner Schule reduziert, um nachmittags immer hier vor Ort sein zu können und weiß ganz genau über den schulischen Leistungsstand unserer Jungs Bescheid. Wir unternehmen alles, damit sie rundum eine gute Ausbildung bekommen.“

Leistungszentrum-Eintracht FrankfurtDas Leistungszentrum der Eintracht (©Derk Hoberg)

Nach dem Unterricht kommen die Junioren-Spieler zum Leistungszentrum zurück, essen, machen ihre Aufgaben und absolvieren anschließend ihre tägliche Trainingseinheit auf dem Gelände. Viel Freizeit bleibt da nicht für die Heranwachsenden, die in diesem Alter auch andere Dinge kennenlernen möchten als nur den Fußball. Damit das im Rahmen bleibt und sie nicht über die Stränge schlagen, übernimmt die Familie des Haustechnikers des Leistungszentrums am Riederwald gewissermaßen die Rolle der Internatseltern. Sie wohnt auf dem Trainingsgelände, übernimmt abends die Aufsicht, kocht ab und zu für die Internatsschüler, die ansonsten die Vereinsgaststätte als Kantine nutzen oder sich bereits selbst versorgen.

KraazArmin Kraaz führt uns durch das moderne Leistungszentrum (©Derk Hoberg)Apropos Ernährung: „Wir geben da nichts dogmatisch vor aber wir führen jährlich mit Ernährungswissenschaftlern Schulungen im Internat durch. Einfach nur, damit die Jungs schon einmal wissen, welche Lebensmittel ihr Verdauungssystem wie lange beschäftigt. Was stellt es an mit mir, wenn ich drei Stunden vor dem Spiel ein Weißbrot esse oder abends vor dem Spiel zur Dönerbude gehe oder mir – übertrieben gesagt – zwei Schweinshaxen reinpfeife. Manche setzen das dann super um und sind diszipliniert genug, das durchzuhalten und sich ausgewogen zu ernähren. Andere natürlich weniger“, sagt Armin Kraaz.

„Sobald einer gesund aus der Kabine kommt, hat er einen Berater“

Zu den weiteren Fortbildungsmaßnahmen für den Nachwuchs zählen unter anderem Medienschulungen und vermehrte Turnierteilnahmen im Ausland, um die Talente optimal auf eine mögliche Profikarriere vorzubereiten. Und dennoch, obwohl im Falle von Eintracht Frankfurt alles zu stimmen scheint – Tradition, familiäre Atmosphäre, sowie eine bestmögliche, zertifizierte fußballerische und schulische Ausbildung – werden immer wieder Spieler bereits aus dem Jugendbereich der Eintracht abgeworben. Damit sind die Frankfurter beileibe kein Einzelfall unter den Traditionsvereinen und das Ausmaß dieser Entwicklung nimmt stetig zu. So beklagte der Frankfurter Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen unlängst in der Fußball-Talkrunde Doppelpass die Abwerbung der Itter-Zwillinge Gian-Luca und Davide. Auch der Top-Torjäger Renat Dadachef aus der Frankfurter C-Jugend verließ den Verein. Alle drei waren mit der Eintracht im Vorjahr Süddeutscher Meister der U16 geworden und bekamen Angebote von Wolfsburg (Itter) und Leipzig (Dadachef), die sie – oder ihre Eltern und etwaige Betreuer – offenbar nicht ablehnen konnten. Armin Kraaz dazu: „Der Jugendbereich ist heute bereits ein Abbild der Profiebene. Ab 16 Jahren kann man in Deutschland einen sogenannten Fördervertrag als Nachwuchsfußballer unterschreiben. Die Mindestsumme, damit der Vertrag vom Verband als solcher akzeptiert wird, beträgt 250 Euro monatlich. Ich nenne jetzt keine Beträge die wir hier bei der Eintracht zahlen, aber wir hatten ihnen einen für die Eintracht finanziell möglichen Fördervertrag angeboten. Offenbar ist das nicht genug, um mit den Summen aus Leipzig oder Wolfsburg mitzuhalten.“

Marc StenderaMarc Stendera (©gettyimages)Eine besorgniserregende Tendenz, wenn für Nachwuchsspieler, die sich noch mitten in ihrer Adoleszenz befinden, bereits Summen aufgerufen werden, die einen unnötigen Druck auf sie erzeugen könnten. So empfindet auch Kraaz: „Heute hat jeder 14-Jährige, der unfallfrei aus der Kabine kommt, einen Berater. Und die bekommen natürlich große Ohren, wenn ein Verein wie Leipzig mit seinen Möglichkeiten plötzlich daherkommt.“ Im Bestfall gelingt es einem Leistungszentrum wie jenem der Eintracht aber, talentierte Spieler wie Sebastian Jung, Marc Stendera oder den derzeit verletzten Sonny Kittel länger zu halten und in sämtlichen Belangen so weiter zu entwickeln, dass sie irgendwann zu Leistungsträgern ihres ursprünglichen Vereines werden. Und, wie im Falle der guten Ausbildung von Stendera in Frankfurt zu beobachten, sogar zu einem Hoffnungsträger des DFB bei der aktuellen U20-WM in Neuseeland. Daher ist Armin Kraaz sicher nicht der einzige Verantwortliche eines Leistungszentrums der sich wünscht, „dass sich der DFB da etwas einfallen lässt, damit die Wechselmöglichkeiten für Spieler im Alter von 14 oder 15 Jahren zukünftig etwas verantwortungsvoller gehandhabt werden.“

Hier geht es zu unserem Special: Nachwuchskräfte - Die DFB-Junioren

Eine Einschätzung zur Entwicklung der aktuellen Nachwuchskräfte von Eintracht Frankfurt lest Ihr hier

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