Jährlich grüßt das Murmeltier – Nachlese zum Spiel Bayern München-1. FC Köln picture alliance

Jährlich grüßt das Murmeltier – Nachlese zum Spiel Bayern München-1. FC Köln

  • Marco Heibel
Auf der Theresienwiese wurde am Samstag gefeiert, in der Allianz-Arena gegähnt. 92 Minuten lang. Dann hatte Thomas Müller doch noch die Riesenchance zum Siegtor. Er ließ sie aus, und das Spiel zwischen Bayern München und dem 1. FC Köln endete 0:0 – genauso wie im Vorjahr, ebenfalls zur Wiesnzeit.

Wenn man sich am vergangenen Samstag in München amüsieren wollte, konnte die Devise eigentlich nur „Ab aufs Oktoberfest!“ lauten. Es gab zwar noch zeitgleich eine Konkurrenz-Veranstaltung, doch die ließ bereits im Vorfeld ein überschaubares Amüsement erahnen: Der FC Bayern bekam es am 4. Bundesliga-Spieltag nämlich wieder einmal mit einem extrem defensiv eingestellten Gegner, dem 1. FC Köln, zu tun. Und die Gäste aus der Domstadt hielten vor 69.000 unentwegten Zuschauern, was sie versprachen.

Geschichte wiederholt sich: Köln ermauert sich einen Punkt in München


Wer die Partie im Fernsehen verfolgt hat, hätte phasenweise auf die Idee kommen können, eine Aufzeichnung aus der letzten Saison zu sehen. Wie am 3. Oktober 2009 bestimmten auch dieses Mal die Bayern das Spiel (65% Ballbesitz, 20:8 Torschüsse, 11:1 Ecken), wirkten aber über weite Strecken kraft- und kopflos und brachten die Kugel fast folgerichtig nicht im Tor des Gegners unter.

Auch die Kölner machten vieles so wie im Vorjahr: Sie ließen den Gegner kommen und empfingen ihn mit ihrer “Sturmspitze“ Lukas Podolski in aller Regel erst auf Höhe der Mittellinie. Miso Brecko und Sebastian Freis doppelten Franck Ribéry, womit die erste Angriffsoption der Bayern bis auf wenige Ausnahmen in guten Händen war. Den Rest erledigten Abwehrchef Pedro Geromel und als letzte Instanz Torhüter Faryd Mondragon, der wie beschrieben den Punkt in der Nachspielzeit festhielt.

Kölner Aktionen nach vorne waren unter diesen Voraussetzungen nicht einkalkulierte Glücksmomente. Das belegt allein schon die Tatsache, dass Keeper Mondragon mit 45 Ballkontakten der Kölner Spieler war, der am häufigsten mit der Kugel in Berührung kam. Zum Vergleich: Bayerns Bastian Schweinsteiger hatte alleine 124 Ballkontakte.

Doch mehr als dieses 0:0 – das durch Brecko (77.) und Freis (83.) “aus Versehen“ auch ein 1:0 hätte werden können – wollten die Kölner gar nicht. „In unserer Situation war dieser Punkt sehr wichtig“ lautete denn auch das Fazit von FC-Trainer Zvonimir Soldo. Der Kölner Interimskapitän Lukas Podolski schlug in eine ähnliche Kerbe: „Wir haben kein Offensivfeuerwerk abgebrannt, das war aber auch nicht unser Ziel.“

Damit bleiben die “Geißböcke“ auch in ihrem vierten Gastspiel in der Allianz-Arena unbesiegt und mutieren mehr und mehr zum Bayern-Angstgegner. Nach vier Spieltagen steht der 1. FC Köln mit vier Punkten auf dem zwölften Platz und ist zumindest rein tabellarisch im Soll – zumal Erzrivale Borussia Mönchengladbach nach dem 0:7 in Stuttgart nun hinter den Domstädtern rangiert. Am Dienstag geht es zum Spitzenreiter(!) FSV Mainz 05.

Erstaunliche Parallelen zur Vorsaison – Ursachensuche beim FC Bayern


Unabhängig vom Spiel am Samstag tun sich beim deutschen Rekordmeister im Moment weitere Parallelen zur Vorsaison auf: Damals wie heute hat man nach dem vierten Spieltag nur fünf Punkte auf dem Konto und ist weit von seiner Bestform entfernt. Immerhin kann man sich damit trösten, dass die Mitfavoriten ebenfalls schwächeln. Doch damit kann beim FC Bayern niemand zufrieden sein.

Ursachen für das aktuelle Tief gibt es viele. Natürlich waren viele Bayern-Spieler im WM-Einsatz und sind körperlich (und mental?) noch nicht bei 100 Prozent. Doch das betrifft auch andere Top-Clubs in Europa, und wenn man nach Spanien oder England schaut, liegen die Vereine mit den vielen WM-Teilnehmern dort in der Spitzengruppe.

Natürlich fehlt auch Arjen Robben an allen Ecken und Enden. 1:1 ersetzen kann ihn niemand im Kader. Nach Thomas Müller und Ivica Olic durfte sich nun erstmals Toni Kroos von Beginn an als Rechtsaußen versuchen. Dieser war seinem Gegenspieler Fabrice Ehret zwar fußballerisch überlegen, konnte daraus aber aufgrund seiner mangelnden Antrittsstärke zu selten Kapital schlagen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kroos und der am Samstag in der Mitte aufgestellte Müller bald wieder die Positionen tauschen werden.

Trotz alledem verwundert es schon, dass eine Mannschaft, die im Frühjahr noch so brillant kombiniert hat und die im Sommer personell kaum verändert wurde, gerade im Zusammenspiel nicht so recht in Tritt kommt. Ausgerechnet der Gäste-Spieler und frühere Bayern-Profi Lukas Podolski kennt einen der Gründe: „Die Bayern haben es schon schwer, immer gegen defensiv eingestellte Gegner antreten zu müssen.“ In der Tat suchen gerade spielerisch schwächere Mannschaften nicht gerade den offenen Schlagabtausch mit den Bayern, doch daran sollte man in München seit Jahrzehnten gewohnt sein. Und zudem ist Mauern im Fußball ein legales Mittel, wenn auch kein schönes.

Ist also doch alles allein an der mangelnden Fitness festzumachen? Der gegen Köln in der Offensive blasse Nationalverteidiger Philipp Lahm sagt jedenfalls: „Es fehlt uns noch an Spritzigkeit. Außerdem müssen unsere Flanken wieder besser kommen.“ In der Tat segelten auch in den Bayern-Druckphasen (25. bis 35. Minute und in der Schlussviertelstunde) zu viele Flanken ins Nichts, als dass man sich wirklich ein Tor verdient gehabt hätte.

Höhepunkte der anderen Art


Für spielerische Höhepunkte mussten also andere sorgen. Am ehesten gelang das noch der Blaskapelle, die vor dem Anpfiff zuerst nach Kräften vergeblich gegen die Stadionanlage („All Star“ von Smash Mouth und das „Fliegerlied“) anspielte, und dann für den Bayerischen Defiliermarsch die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums hatte. Ansonsten sorgte jedes der sieben vermeldeten VfB-Tore aus dem Spiel Stuttgart-Mönchengladbach auf den Rängen für ein wenig Zerstreuung beim Publikum.

Warten auf Spritzigkeit und Esprit


Doch bei aller Kritik ist Fußball – Achtung, Phrase – nun mal ein Ergebnissport. Und hätte Thomas Müller in der dritten Minute der Nachspielzeit freistehend eingeköpft, nachdem Mondragon einen scharf geschossenen Ribéry-Freistoß nach vorne geklärt hatte, würde man heute vermutlich von einem glücklichen, aber verdienten Sieg sprechen.

So aber bleibt den Bayern um ihren Trainer Louis van Gaal nur das Warten auf die Spritzigkeit und den Esprit. Die nötige Geduld scheint der Niederländer jedenfalls zu haben: „Ich bin nicht enttäuscht von unserem Spiel. Wir sind viele Male in den Strafraum gekommen. Wenn der Gegner so tief steht, muss man auch ein bisschen Glück haben, und das haben wir im Moment nicht. Ich bin mir sicher, dass die Tore wieder kommen. Es ist eine Frage der Zeit.“ Vielleicht ist es ja schon am Dienstag in Hoffenheim so weit. Der Tabellenzweite aus dem Kraichgau wird den Bayern jedenfalls mit Sicherheit mehr Räume geben als die Kölner.

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