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Das erste Mal – Große deutsche Sportpremieren

  • Marco Heibel
Es gibt für alles ein erstes Mal. Im Sport dauert es manchmal nur ein bisschen länger, bis man einen lang erhofften Erfolg feiern kann. Netzathleten erinnert an große deutsche Sportpremieren. Angefangen beim zeitlosen Klassiker, dem „Wunder von Bern“, über den ersten Wimbledon-Sieg eines Deutschen bis hin zu einem mittlerweile gefallenen Helden.

Große Premieren, davon gibt es in der Geschichte des deutschen Sports mittlerweile unzählige. Doch das eine oder andere „erste Mal“ sticht noch etwas heraus. Sei es, weil der erste Triumph so lange auf sich warten ließ. Sei es, weil die Veranstaltung so bedeutend ist. Manchmal sind diese sogar immer noch von nationaler Bedeutung, ein klassischer Fall von „Wo bist du gewesen als es passierte“.



Natürlich ist die Auswahl der netzathleten-Redaktion wieder streitbar. So mancher mag ein Ereignis vermissen, manch anderer wird kritisieren, dass der eine oder andere Triumph (womöglich) unter zweifelhaften Umständen zu Stande gekommen ist.

1930: Max Schmeling wird Schwergewichts-Weltmeister im Boxen


Max Schmeling landet immer auf einem vorderen Platz, wenn es darum geht, den größten deutschen Sportler aller Zeiten zu ermitteln. Und zwar zu Recht. Der 2005 im Alter von 99 Jahren verstorbene Berliner war wahrscheinlich das erste große Sportidol der Deutschen. Sein sportlicher Ruhm liegt in zwei Kämpfen begründet: seinem Sieg gegen den großen Joe Louis im Jahre 1936, und dem, weswegen Schmeling in dieser Rangliste auftaucht.

Am 12. Juni 1930 kämpfte Schmeling im New Yorker Yankee Stadium gegen den US-Amerikaner Jack Sharkey um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Hierbei kam es gleich zu mehreren Premieren. Nicht nur, dass Schmeling an diesem Abend den Schwergewichtstitel als erster Deutscher erringen konnte. Auch die Art und Weise wie er dies tat, ist bis heute einmalig: Schmeling erhielt in der 4. Runde einen Tiefschlag und konnte nicht mehr weiterboxen. Kontrahent Sharkey wurde dafür disqualifiziert und Max Schmeling zum neuen Weltmeister erklärt. Gerüchteweise soll dieser Kampf übrigens der Auslöser für die Einführung des Tiefschutzes im Boxen gewesen sein… Weiterhin war Schmeling der erste Nicht-US-Amerikaner, der sich die Krone des Boxsports aufsetzen konnte. Und er ist bis heute der einzige Deutsche, der sich einmal mit dem Schwergewichtsgürtel schmücken durfte – obwohl es mittlerweile fünf an der Zahl gibt.

Kleiner Wermutstropfen: Schmeling konnte seinen Titel nur einmal erfolgreich verteidigen und verlor ihn im Rückkampf gegen Sharkey 1932 wieder.

1954: Das Wunder von Bern – Deutschland wird erstmals Fußball-Weltmeister


Was ist nicht alles schon über den ersten WM-Titel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft geredet und geschrieben worden, vom „Säuglingsschrei der Bundesrepublik“ bis zum „Wir sind wieder wer“. Auch das „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt, Tor, Tor, Tor“ ist mittlerweile auch die Menschen ein Begriff, die für Fußball nichts übrig haben.

Zahlreiche Mythen ranken sich um diesen WM-Titel von Bern, das 3:2 nach 0:2-Rückstand gegen die hochfavorisierten Ungarn im strömenden Regen. Wem hat man ihn nun zu verdanken? Trainer Herberger, der im Vorrundenspiel gegen die Ungarn seine B-Elf auflaufen ließ, welche 3:8 verlor und dafür gesorgt hat, dass dieselben Ungarn im Finale auch die deutsche Bestbesetzung vielleicht etwas unterschätzt haben? Dem Wetter (so genanntes „Fritz-Walter-Wetter“), welches das Kombinationsspiel der Ungarn erschwerte? Dem Zeugwart Adi Dassler, der kurz zuvor die Schraubstollen erfunden hatte, welche den deutschen Spielern einen besseren Halt boten? Verteidiger Werner Liebrich, der im Vorrundenspiel Ferenc Puskas, den Star der Ungarn, so schwer abgegrätscht hat, dass dieser erst wieder im Finale auflaufen konnte? Oder vielleicht doch dem Klatschmohn-Doping, dem Puskas die Deutschen Jahre später bezichtigt hatte, für das es jedoch keine Beweise gab?

 

Man wird es wohl nie klären können. Am Ende stehen die Fakten: Seit dem 4. Juli 1954 ist Deutschland – mit kleineren Unterbrechungen – eine Fußballmacht. Der erste WM-Titel ist zum Glück nicht der einzige geblieben. Aber vielleicht war er ja der schönste.


1985: Boris Becker gewinnt als erster Deutscher in Wimbledon


Der Triumph des 17-jährigen Boris Becker in Wimbledon 1985 war ein ganz besonderer Moment der Deutschen Sportgeschichte. Nicht nur, dass ihm als erstem Deutschen der Sieg beim prestigeträchtigsten Tennisturnier der Welt gelang; er war und ist auch bis heute der jüngste und der einzige ungesetzte Sieger aller Zeiten in der 122-jährigen Wimbledon-Geschichte.

Weiterhin bemerkenswert war, dass Becker keineswegs als Favorit in Wimbledon angereist war. Erst wenige Wochen zuvor hatte er beim Rasenturnier im Londoner Queen`s Club seinen ersten Turniersieg überhaupt auf der Profi-Tour erreicht. Als Ungesetzter reiste Becker in Wimbledon an und schlug auf dem Weg ins Finale u.a. Henri Leconte (Frankreich) und Anders Jarryd (Schweden). Im Finale schlug er dann den Südafrikaner Kevin Curran in vier Sätzen.

 

Beckers Sieg löste in Deutschland einen wahren Tennisboom aus, sowohl in den Clubs als auch vor den Fernsehgeräten. Bemerkenswerterweise war er jedoch nicht nur hierzulande populär. Sogar im Vereinigten Königreich erlangte er als Deutscher eine Beliebtheit, wie sie außer ihm vielleicht nur Jürgen Klinsmann in seiner Zeit bei den Tottenham Hotspurs beschieden war. Neben seiner Unbekümmertheit war es vor allem Beckers Art zu spielen, die ihn von den anderen unterschied (Becker-Rolle, Becker-Hecht, Becker-Faust).

1994: Michael Schumacher wird erster deutscher Formel-1-Weltmeister


So wie Boris Becker durch seine Erfolge einen Tennisboom bewirkt hat, hat Michael Schumacher (und in einem nicht ganz unerheblichen Maße der TV-Sender RTL) der Formel 1 in Deutschland eine nie erreichte Popularität beschert. Millionen von Menschen standen in den 1990er und 2000er Jahren morgens um 4 Uhr auf, um den „Mischael aus Kerpen“ in Japan oder Australien um die WM-Krone fahren zu sehen. Insgesamt sieben Mal konnte er sie (bislang) erringen. Zum ersten Mal 1994, und zwar als erster Deutscher überhaupt. Eigentlich unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass Deutschland doch eine Autonation ist.

Die Formel 1-Saison 1994 sollte zum Duell der Generationen werden. Ayrton Senna, der dreimalige Weltmeister auf der einen, und Michael Schumacher, der Shooting Star der vergangenen Jahre auf der anderen Seite. Die Saison begann für Schumacher wie ein Traum: Zwei Siege in Brasilien und beim Pazifik Grand Prix, zwei Ausfälle für Senna, 20:0 Punkte.

 

Dann kam jedoch der 1. Mai 1994: Beim Großen Preis von San Marino in Imola kommt Senna, der zu diesem Zeitpunkt vor Schumacher in Führung liegt, aus bis heute nicht eindeutig geklärter Ursache in der Tamburello-Kurve von der Strecke ab und verunglückte tödlich. Schumacher gewann auch diesen Grand Prix und war für viele Experten schon der sichere Weltmeister. Nach sieben Rennen hatte er 66 von 70 möglichen Punkten auf dem Konto.

Das Blatt wendete sich jedoch unnötigerweise beim Großen Preis von England in Silverstone, aus Schumacher machte der Boulevard den „Schummel-Schumi“. In der Einführungsrunde überholte Schumacher den Pole-Setter Damon Hill, seinen „härtesten“ Verfolger mit bereits 37 Punkten Rückstand – ein klarer Regelverstoß. Schumacher ignoriert während des Rennens sämtliche von der Rennleitung ausgesprochenen Strafen inklusive der Schwarzen Flagge, die die Disqualifikation bedeutet. Die Folge: Schumacher werden nicht nur die 6 in Silverstone errungenen Punkte abgezogen, sondern er muss zur Strafe auch noch zwei Grand Prix aussetzen. Hill gewann beide und war plötzlich wieder auf Tuchfühlung zu Schumacher. Dieser kultivierte sein Schummel-Image weiter, etwa durch eine zu dünne Holzplatte am Unterboden, wegen der ihm der Sieg beim Großen Preis von Belgien aberkannt wurde.

So kam es, dass Schumacher vor dem Saisonfinale im australischen Adelaide nur noch einen Punkt Vorsprung auf Hill hatte. 36 Runden lang jagte der Brite den führenden Schumacher, bis dieser nach einem Fahrfehler die Mauer touchierte, jedoch sofort wieder auf die Strecke zurückkehrte. Es kam zur Kollision, nach der beide aufgeben müssen.

So gewann Michael Schumacher seinen ersten WM-Titel nach einer überaus turbulenten Saison. Mit dem Image des „Schummel-Schumi“ hatte er vor allem im Ausland noch lange zu kämpfen. Zugleich erfuhr er sich im Lauf der Jahre aber auch höchsten internationalen Respekt und gilt heute als Jahrhundertfahrer.

1997: Jan Ullrich gewinnt als erster Deutscher die Tour de France


Natürlich erscheint Jan Ullrichs Tour de France-Sieg von 1997 heute in einem anderen Licht als noch vor fünf oder zehn Jahren. Die Gründe sind allgemein bekannt. Doch seien wir mal ehrlich: Als „Ulle“ 1996 erstmals vorne mitmischte und hinter seinem Teamkollegen Bjarne Riis zweiter wurde, freute sich ganz Deutschland, endlich wieder einen Weltklasse-Rundfahrer zu haben. Und spätestens nachdem Ullrich 1997 souverän die Tour de France gewann – es war der erste deutsche Sieg bei der 84. Auflage –, erlebte der Radsport auch hierzulande wieder eine Renaissance. Auf einmal trug gefühlt jeder zweite Radrennfahrer auf deutschen Landstraßen ein magentafarbenes Radtrikot. Der Radsport rückte von den Regional- und Spartensendern wieder auf die großen Kanäle, teilweise wurden Etappen von sechs/sieben Stunden Dauer live übertragen, exklusive Vor- und Nachberichterstattung.

 

Besonders beeindruckend bei der 97er Tour war die Überlegenheit, mit der Ullrich das Einzelzeitfahren rund um St. Etienne gewinnen konnte. Er überholte sogar den 3 Minuten vor ihm gestarteten Zweitplatzierten Richard Virenque – welcher trotz 3:04 Minuten Rückstandes in der Tageswertung trotzdem Zweiter wurde. Bis 2005 erreichte Ullrich noch fünfmal einen Podiumsplatz bei der Tour, schaffte es aber nicht mehr nach ganz oben (Lance Armstrong lässt grüßen). Seit seinem (erzwungenen) Rückzug vom Profi-Radsport sinkt im Übrigen auch das öffentliche Interesse am Radsport wieder. Diverse Dopingenthüllung könnten hier aber auch eine Rolle spielen…

Marco Heibel

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