Nervenstärker als bei den Paralympics Heike Werner / DBS -- Sandra Mikolaschek
Para-Tischtennis-EM

Nervenstärker als bei den Paralympics

  • Nico Feißt
Para-Tischtennis-EM: Nach dem Viertelfinal-Aus in Rio präsentiert sich Sandra Mikolaschek in diesem Jahr in starker Form, besiegte auch erstmals die Weltranglistenerste – und hofft bei der EM auf eine Medaille.
Mit 16 verließ Sandra Mikolaschek für den Sport ihre Heimat und gewann im gleichen Jahr Silber bei der Europameisterschaft. Nach dem bitteren Viertelfinal-Aus 2016 bei den Spielen in Rio de Janeiro hat die 20-jährige Rollstuhltischtennisspielerin in diesem Jahr bereits die Paralympics-Siegerin und Weltranglistenerste bezwungen – und hofft bei der kommenden EM im slowenischen Lasko vom 28. September bis zum 4. Oktober auf eine Medaille.

Im Einzel hat Sandra Mikolaschek in diesem Jahr alle Turniere gewonnen, im Team immer eine Medaille geholt. Das Highlight gab es im italienischen Lignano: Nachdem die 20-Jährige die Junior Open ohne Satzverlust für sich entschied, war sie auch bei den Master Open stärker als die Konkurrenz. Erst holte sie sich den Gruppensieg, dann schaltete sie im Halbfinale die Britin Susan Gilroy mit 3:1 aus, gegen die sie in Rio bei den Paralympics im Viertelfinale ausgeschieden war, nachdem sie selbst drei Matchbälle gehabt hatte. Im Finale wartete dann die Serbin Borislava Peric-Rankvic, die Paralympics-Siegerin und Weltranglistenerste, gegen die Mikolaschek noch nie gewonnen hatte. Doch nach einem 11:9 im dritten Satz und einer damit verbundenen 2:1-Führung war die Serbin völlig aus dem Konzept, sodass der vierte Satz mit 11:2 für Mikolaschek endete. Im Finale der Team-Weltmeisterschaft im slowakischen Bratislava revanchierte sich die Serbin wieder, doch so deutlich wie früher war es nicht mehr. Mikolaschek hat spürbar aufgeholt – und gewann am Ende zusammen mit Lisa Hentig Silber.

Wie kommt es, dass die junge Deutsche im Jahr nach den Paralympics so gut ist, nachdem Rio für sie sportlich doch eine große Enttäuschung war? „Ich würde schon sagen, dass ich nervenstärker geworden bin“, betont Mikolaschek, die seit 2007 Tischtennis spielt. Den größten Anteil hat aber wohl eine Entscheidung, die sie 2013 traf, mit 16 Jahren.

Mit 16 Jahren die Heimat für den Leistungssport verlassen

Da verließ Mikolaschek ihre Heimat Wimmelburg in Sachsen-Anhalt in Richtung Düsseldorf und wurde als erste Sportlerin mit einer Behinderung im Deutschen Tischtennis-Zentrum aufgenommen, einem Internat, wo sie fortan wohnte, ihr Abitur machte und mit dem neugegründeten Rollstuhlteam von Borussia Düsseldorf schnell Erfolge feierte – zuletzt zwei Mal die deutsche Meisterschaft.

Mittlerweile spielen Thomas Schmidberger und Valentin Baus, zwei der besten deutschen Rollstuhltischtennisspieler, ebenfalls bei der Borussia, und Mikolaschek, die im Einzel acht deutsche Meistertitel gewonnen hat, sieht sich in ihrer Entscheidung bestätigt: „Das hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich musste damals einfach den nächsten Schritt gehen, auch wenn man mit 16 ein bisschen ins kalte Wasser geworfen wird. Aber wenn ich mich nicht in Düsseldorf hätte verbessern können, wo dann?“

Im Jahr vor Rio lebte Mikolaschek fast nur in der Halle. Damals absolvierte sie ihren Bundesfreiwilligendienst bei der Borussia, kümmerte sich um das Büro, trainierte verschiedene Altersgruppen und spielte selbst so viel es ging. Nach Rio zog sie um, näher an die Uni, schließlich studiert sie dort nun Jura. „Der Tagesablauf ist jetzt anders, ich muss den Haushalt komplett alleine machen, auch wenn das an sich nichts Schlechtes ist“, sagt Mikolaschek, die auch Mitglied im Top-Team Tokio 2020 des Deutschen Behindertensportverbands ist, und fügt an: „Ich habe dadurch einfach mehr Freiheiten.“



Paratischtennis em 2017

Das deutsche Aufgebot im Überblick:
Valentin Baus (21 / Bochum / Borussia Düsseldorf), Thomas Brüchle (41 / Lindau / SV Salamander Kornwestheim), Jörg Didion (45 / Trier / RSC Frankfurt), Stephanie Grebe (30 / Berlin / Borussia Düsseldorf), Jan Gürtler (47 / Halle (Saale) / RSC Berlin), Florian Hartig (21 / Nürnberg / TV Dietenhofen), Lisa Hentig (24 / Bergisch Gladbach / TuS Winterscheid), Corinna Hochdörfer (21 / Ludwigshafen / BSV Frankenthal), Lena Kramm (20 / Pfaffenhofen an der Ilm / BSC München), Tim Laue (21 / Esslingen / SV Hoffeld), Sandra Mikolaschek (20 / Lutherstadt Eisleben / Borussia Düsseldorf), Thomas Rau (33 / Neustädt / RBS Solingen), Marlene Reeg (17 / Erbach (Odenwald) / TTG Büßfeld), Yannik Rüddenklau (20 / Hofgeismar (Hessen) / TTG Büßfeld), Thomas Schmidberger (25 / Zwiesel (Bayern) / Borussia Düsseldorf), Joshua Wagner (22 / St. Wendel (Saarland) / BSG St. Ingbert), Juliane Wolf (29 / Eisenhüttenstadt / BSG Offenburg).

So wie jetzt. Abends hatte sie Training, am nächsten Morgen ging es in die Bibliothek, um eine Hausarbeit fürs Studium zu schreiben. Das finale Trainingslager war schon Anfang September in Bad Blankenburg, bis zum Abflug nach Slowenien am 26. September wird sie nicht mehr so viel trainieren, eher „runterkochen“, wie sie es nennt: „Unser Bundestrainer Volker Ziegler sagt immer, wenn wir dort ankommen, sollen wir richtig Bock auf Tischtennis haben.“

Ob sie es dann ins Finale schafft und es dort zu einem erneuten Duell mit der Weltranglistenersten Peric-Rankvic kommt, kann sie nicht sagen. Die Auslosung findet erst am Abend vor EM-Beginn statt und zudem sind auch Spielerinnen der höheren Wettkampfklasse fünf dabei, die Mikolaschek nicht alle kennt. „Die zweite Serbin Nada Matic und Gilroy sind auch stark, auch wenn ich in der Weltrangliste mittlerweile vor ihnen stehe. Aus der Klasse fünf habe ich auch schon gegen eine Israelin verloren, zudem gibt es eine gute Schwedin.“ Dennoch: „Eine Medaille im Einzel ist das Ziel, ob es dann Bronze, Silber oder Gold wird, ist egal – und wie wir im Team drauf sind, muss man mal schauen.“ An der Motivation wird es freilich nicht scheitern. Denn Sandra Mikolaschek ist bereit. Und nervenstärker als in Rio.

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