Ruhe Privat
Die Kolumne von Eric Frenzel

Ruhe

  • Eric Frenzel
Vor der Weltmeisterschaft hatte mich ein Infekt fest im Griff und ich konnte gerade noch so vor dem Start der Wettkämpfe die Viren besiegen. Nach dem Weltmeistertitel bin ich nun schon wieder oder vielleicht immer noch im Bann der Erreger: „Influenza A“ sagt der Mannschaftsarzt und wir alle wissen, dass diese Entwicklung nun wohl schon das Saisonende einläutet. Die letzten Weltcuprennen werden ohne mich stattfinden. Der ärztliche Rat heißt Auskurieren und keine Risiken eingehen, zumal die Saison und die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaften in Seefeld kräftezehrend genug waren.
Ich liege also auf dem Sofa in Flossenbürg und schaue mir fortan den Wintersport für den Rest der Saison im Fernsehen an, bin bei meiner Familie und genieße es, die spielenden Kinder um mich zu haben. Es kehrt Ruhe ein, von der ich meine, dass ich sie mir auch verdient habe. Wenn die Kinder am Vormittag in der Schule oder im Kindergarten sind und Laura beim Einkaufen, lasse ich mir die letzten zwei Jahre durch den Kopf gehen, die mit ungewöhnlichen Saisonverläufen einhergingen.

Immer bedingt durch das Springen waren es durchwachsene Saisonleistungen bis die Großereignisse kamen, bei denen mir immer der große Wurf gelang: Olympiasieg in PyeongChang und Weltmeistertitel in Seefeld. Nicht nur auf meine Laufleistung, sondern auch auf meine Nerven konnte ich mich dabei immer verlassen und es hat sich ausgezahlt, keine Energie mit Hadern und Jammern zu verschwenden, sondern jeweils bis zur letzten Minute an den Dingen zu arbeiten. Trotzdem mache ich mir in aller Ruhe Gedanken um die Zukunft und um die zukünftige Herangehensweise bei der Saisonvorbereitung, wenn es um das Springen geht.
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Die Sprungleistung basiert auf mehreren Aspekten, die sich auf Körper und Material, sprich Skischuhe, Bindung und Ski beziehen. In jeder Saison sind aufs Neue Abstimmungsfragen zu lösen. Die Schuhhärte im Zusammenspiel mit der Bindung sind die Komponenten, mit denen der Flug sozusagen gelenkt wird; durch diese beeinflusst der Sportler den gesamten Flug vom Absprung bis zur Landung. Fehlt der innere Zugang zu diesen Dingen, fehlt das Gefühl für auch nur eine der Komponenten, geht der Sprung nicht weit. Dass dies in den beiden letzten Saisons der Fall war, bringt mich zum Nachdenken. Ich werde mit meinen Trainern sprechen, wir müssen unser System zur Fehlererkennung und Fehlerbehebung optimieren. Dass ich trotzdem Olympiagold und Weltmeisterlorbeer gewinnen konnte, verstellt nicht den Blick dafür, dass gehandelt werden muss.

Wir werden das nun in Ruhe angehen, denn in ihr liegt bekanntlich auch die Kraft.

Herzlichst,
Euer Eric

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