Lucas Mertsching (MT Melsungen) -- Katja Köhler-Nachtnebel
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Nachwuchsförderung im Sport

„Wir müssen neu denken“

Katja Köhler-Nachtnebel ist Multi-Funktionärin. Um diesen Begriff in den richtigen Kontext zu stellen: Sie ist einfach höchst engagiert, wenn es um unser aller Zukunft geht: Den Nachwuchs. Die Kinder und Jugendlichen. Und ihre Chancen.

Katja Köhler-Nachtnebel packt auf vielen Ebenen mit an. Als Vizepräsidentin des Landessportbundes Hessen (lsb h) für Bildung und Personalentwicklung. Als Vorstandsvorsitzende der Bildungsakademie des lsb h. Als stellvertretende Vorsitzende des Sportkreises Schwalm-Eder. Und als Grundschullehrerin im Schwalm-Eder-Kreis. Unlängst hatte sie sich am Rande einer Talkrunde der MT Melsungen u.a. auch mit DOG-Präsident Gregor von Opel ausgetauscht. Rasch entstand dabei die Idee, sie zum Interview zu bitten. Denn: Das Thema Nachwuchsförderung im Sport in den Spannungsfeldern zwischen Breiten- und Spitzensport sowie zwischen Schule, Verein und Verband beschäftigt sie tagtäglich.

Frau Köhler-Nachtnebel, in der breiten Öffentlichkeit wird seit 2023 lebhaft über die zunächst teils tiefgreifende Reformierung der Bundesjugendspiele diskutiert. Die Kritik daran war laut und deutlich. Mittlerweile hat die Kultusministerkonferenz die Regeln wieder angepasst. Wo stehen Sie in dieser Kontroverse, die sich ja auch darum dreht, ob bei Kindern und Jugendlichen zu wenig Leistungsbereitschaft gefördert wird?

Das Thema triggert mich extrem, denn die Veränderung der Bundesjugendspiele ist nicht der Untergang der Olympischen Medaillen gewesen. Sie bedeutete, dass wir geguckt haben, wie wir Kinder mit mehr Spaß zur Bewegung kriegen – auch in einem Wettkampf. Wir haben ihn breiter gemacht. Wir haben die Bewegungen zusammen mit den Experten aus dem Deutschen Leichtathletik-Verband insofern verändert, dass wir Bewegungsabfolgen kreiert haben, die den Kindern leichter fallen, bei denen sie mehr Spaß haben, sich aber trotzdem ‚battlen‘. Wer so etwas mal sehen möchte, den lade ich gerne an meine Schule zu Bundesjugendspielen ein. Da geht es um Leistung, die Kids wollen gewinnen. Wir müssen sie nur anders hinführen als früher.

Zu Gast bei der Talkrunde ‚Melsungen trifft‘ (von links nach rechts:) Finn Lemke, Daniel Bettermann, Katja Köhler-Nachtnebel, Jesper Larsson und Frank Schneller

Die Diskussion liegt inhaltlich nahe bei der um die gesellschaftliche Wertigkeit des Sports hierzulande und somit auch nahe der Frage, ob Sport, sei es in der Breite oder an der Spitze, als Lebensschule und Sozialisierungshilfe – Stichwort Wertevermittlung – zwar stets gepriesen, aber letztlich doch stark vernachlässigt wird.

Auch da treffen Sie einen wunden Punkt bei mir. Wenn ich als Landessportbundvertreterin irgendwohin komme, in die Politik, wird mir immer gesagt, wie super der Sport ist, wie wichtig der Sport ist, wie wichtig er für die Gesellschaft ist. Unser ehemaliger Ministerpräsident hat immer gesagt: Es ist der Kitt der Gesellschaft. Ich glaube das. Ich glaube an die Werte des Sports, ich glaube daran, dass Kinder natürlich kämpfen lernen, dass sie verlieren lernen. Mit Niederlagen umzugehen kann man nirgendwo so gut lernen wie im Sport. Ich habe überhaupt nichts gegen Leistung, nicht, dass es falsch ankommt. Ich finde, man muss sich ‚battlen‘ und gewinnen wollen. Ich selbst war Sportschützin. Wenn ich eine 10 geschossen habe, habe ich mich gefreut und wenn der neben mir eine 9 geschossen, habe ich mich noch mehr gefreut. . Das darf ich durchaus auch so sagen.

Aber?

Aber wir müssen das zusammenbringen. Meine Perspektive ist oft so: Ich sehe die Kinder heute jeden Tag in der Schule und ich weiß, wir müssen Gesundheitsprävention machen, das bekomme ich von der Politik immer wieder gesagt, aber wenn ich sage: Leute, dann muss mehr Sportunterricht stattfinden … Dann brauche ich qualifizierte Leute … Dann brauche ich Geldflüsse in den Sport … Dann brauche Investitionen in Sportstätten …

… dann?

Dann heißt es: Willkommen in der Realität. Wir müssen festhalten: Wir haben in Hessen einen Investitionsstau von zwei Milliarden Euro – nur in der Sport-Infrastruktur. Wo sollen die Kids denn hingehen? Wo sollen die denn den Wettkampf lernen? Es ist für mich manchmal schwer zu ertragen, wenn ich gesagt bekomme, wie wichtig der Sport ist, dies aber nur Lippenbekenntnisse sind. Wir müssen es auch umsetzen.

Sie sprechen die Infrastruktur hierzulande an, den Sportstätten-Mangel in Folge von Geldmangel. Die sogenannte Sportmilliarde des Bundes wurde im Zuge dessen oft als „PR-Gag“ oder „Tropfen auf dem heißen Stein“ bewertet. Die Bürokratismen täten ihr übriges, sagen die Kritiker. Verstehen Sie, dass die Sportinstitutionen derart in die Mangel genommen werden?

Ich verstehe den Frust auf der einen Seite, aber jetzt möchte ich eine Lanze brechen für das Bundesland Hessen. Wenn Hessen nicht dafür gekämpft hätte, gäbe es diese Sportmilliarde nicht. Das muss man auch mal so sagen und das hat viel damit zu tun, dass wir als Landessportbund Hessen Berlin und Wiesbaden auf den Füßen stehen. Das gibt es schon engagiere Menschen. Wir haben als Sport eine Stimme, denn wir sind die größte Personenvereinigung in diesem Land und ohne diese Stimme würde es diese Sportmilliarde – von der ich weiß, dass sie zu wenig ist, aber es ist immerhin ein Schritt – gar nicht geben. Ich stehe jetzt nicht im Verdacht, dass ich die Politik verteidigen muss, aber das gehört zur Wahrheit dazu.

Lassen Sie uns noch etwas bei den Strukturproblemen bleiben. Wie viel Flexibilität ist bei der Suche nach alternativen Lösungen nötig – und erfolgversprechend? Bleiben wir exemplarisch ruhig weiter in Ihrem Bundesland: Hessen.

Wir haben ein strukturelles Problem, aber wir haben so viele ehrenamtlich Engagierte in unserem Bundesland wie noch nie. Das finde ich einfach auch toll. Aber wir müssen natürlich etwas schaffen. Es gibt schon die Überlegung, Alternativen ausfindig zu machen. Wir überlegen – vom Bereich der Infrastruktur im Sportbund her – wie kann man Schulhöfe mehr als Bewegungsräume mit einbeziehen? Was kann man anderes noch nutzen, was wir vorher noch nicht auf dem Schirm hatten? Vielleicht müssen wir anfangen, neu zu denken. Wir haben ganz viele Hartplätze an Schulen draußen. Würde es reichen, wenn man so etwas überdacht? Kostet weniger, kann man trotzdem mehr nutzen. Ich glaube schon, dass wir neu- und umdenken müssen, um dieses Problem ein stückweit zu lösen. Denn das Geld wird uns die Bundesregierung nun mal nicht einfach so zuwerfen.

Wieviel Spielraum sehen Sie beim Thema Bürokratie-Abbau?

Jede Menge. Und ich sage das ohne mich hier zur Pauschalkritikerin aufschwingen zu wollen. Aber ein Detailblick auf die Realitäten in den Vereinen erscheint mir einfach sehr wichtig: Wir haben im LSB eine Vereinsberatungsstelle und uns rufen regelmäßig Leute an, die verzweifeln zum Beispiel an so etwas wie einer Steuererklärung. Müssen wir Umsatzsteuer abführen oder Grundsteuer entrichten? Das sind dann die Ehrenamtlichen, die sagen: Ich bin kein Steuerberater. Da kann es schnell um die Existenz der Vereine gehen. Fragen Sie mal einen Reitverein oder große Tennisanlagen, die auch ganz oft noch ehrenamtlich betrieben werden. Auch ein Thema: Datenschutzgrundversorgung. Hier stellt sich für viele Vereine die Frage, wie die Vorgaben umgesetzt werden müssen. Daran verzweifeln sie bisweilen. Diese Bürokratisierung ist für ganz viele Menschen schwierig. Entbürokratisierung? Schön, aber das darf keine Parole sein. Sie muss tatsächlich auch unten ankommen. Darum muss es gehen. Sonst wird der Frust noch größer, weil wir doch alle lieber etwas anderes machen: Auf dem Platz oder in der Halle stehen und mit Menschen Sport machen.

nachwuchs
Katja Köhler-Nachtnebel

Da Sie ja auch Lehrerin sind: Wo in dieser Gemengelage kann die Schule Akzente setzen und was müsste sich ändern, damit ‚in Bewegung bringen‘ hier schon verstärkt möglich wird? Muss man im Kontext Sportförderung auch Schule neu denken?

Wenn es nach mir geht, haben wir die tägliche Bewegungsstunde, nicht nur zwei- oder dreimal Sport pro Woche –was ja leider schon vergleichsweise viel ist. Wir müssen Schule neu rhythmisieren. Bewegung muss endlich den Stellenwert auch im Schulalltag bekommen, der ihr zusteht, weil wir wissen: Wenn die Kinder sich mehr bewegt haben, sind sie schlauer. Warum muss ich die Sportstunde immer auf den Nachmittag legen oder die letzten Stunden. Warum kann ich nicht das Tolle am Sport nutzen, dass sie fitter und leistungsfähiger sind und mache in der zweiten oder dritten Stunde Sport? Wir haben das Thema ‚Ganztag‘: Das ist ein ganz wichtiges Thema und der Sport ist der wichtigste Partner im ‚Ganztag‘. Wie kann ich den Ganztag so gestalten, dass wir wirklich über einen ganzen Tag sprechen und am Nachmittag nicht nur über eine Betreuung von Kindern? Da gibt es so viele Synergien, die wir erzielen können – das wäre einfach super. Wenn ich die Vereine an die Schule kriege, ist es für alle der größte Gewinn. Wir kriegen Mitglieder in den Vereinen, die Vereine können nach leistungsstarken Kindern Ausschau halten: Welche Talente kann ich vielleicht rausfiltern? Gleichzeitig kann aber den anderen auch Bewegungsfreude weitergegeben werden. Die Kinder müssen Spaß an der Bewegung haben. Wenn wir da anfangen, uns noch einmal anders Gedanken zu machen, neu zu überlegen und das als großes Ganzes sehen, dann können wir ganz viel erreichen und reden auch wieder ganz positiv über den Sport.

Sie halten die Nachmittagsschule für eine gute Idee, nur völlig falsch umgesetzt. Können Sie das bitte erklären?

An meiner Schule gehen jetzt schon über 80 % der Kinder in den Ganztag Warum können wir nicht positive Beispiele aus den Nachbarländern nutzen und machen einen verpflichtenden Ganztag? Dann wäre es möglich, eine ganz andere Stundentafel zu stecken, die dann Bewegung aber auch Raum für Lesen und Rechnen ermöglicht. Diesen Raum weiter auszubauen, ohne dass ein Fach auf der Strecke bleibt. Und die es eben auch ermöglicht, dass die Vereine nicht auf der Strecke bleiben, da sie ganz anders integriert werden können. Aber dazu brauchte es ebenso die Veränderung in der Wahrnehmung des Ehrenamtes und die entsprechende Unterstützung darin.

Frage an die Frau an der Basis: Wie erleben Sie denn die allgemeine Bewegungsausbildung?

Für mich, die Kinder jeden Tag sieht, wäre es schon einmal ganz toll, sie würden geradeaus laufen können, balancieren und einen Purzelbaum machen können. Es ist wirklich so, dass es an manchen Stellen einfach nicht mehr funktioniert. Deswegen finde ich es super, wenn wir sagen: Wir sichten noch nicht zu früh. Wir müssen ja zusehen, dass die Kinder sich vernünftig bewegen können.

Wo liegt die Verantwortung dafür? In den Schulen oder im organisierten Sport?

Bei der Schule, auf jeden Fall. Aber man muss uns den Raum dafür geben. Ich kenne ganz viele, sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, die Sport mit den Kindern machen möchten, aber da sind wir wieder beim Problem Infrastruktur: Wenn es schon losgeht, dass ich erst einmal zu einer Halle laufen oder fahren muss und schon nur noch eine Schulstunde von den zweien habe, weil ich mich ja auch noch umziehen muss, dann macht es das noch schwieriger. Ich glaube, Schule würde diese Verantwortung übernehmen, wenn wir die Ressourcen dafür kriegen, da bin ich mir ganz sicher. Wen wir auch nicht aus der Verantwortung nehmen dürfen, sind die Eltern. Das ist wirklich etwas, das ist heute anders als noch vor zehn Jahren, das kann man nicht anders beschreiben. Kinder werden in der Schule ganz oft abgegeben und ich bzw. wir sollen sie nicht nur bilden, sondern auch erziehen … – übrigens erleben das die Vereine auch, das ist mir bewusst. Deswegen sage ich: Wir müssen auch Eltern wieder in die Pflicht nehmen! Seinem Kind Bitte und Danke beizubringen, das hat auch etwas mit Respekt zu tun und damit, wie ich mit Menschen umgehe. Diese Verantwortung können Schule und Verein ihnen nicht abnehmen. Da müssen Eltern ran, es geht nicht nur um die Bewegung, es geht um alles: Gemeinsame Zeit Familienleben, Kinder die auf Bäume klettern – um all das.

Es gibt so viele Institutionen in der Förderlandschaft: Vom Sportinternat über den Landesleistungsstützpunkt, von den Eliteschulen des Sports bis hin zum Olympiastützpunkt. Mit Blick auf die Spitzensportförderung: Wer sollte hier die Ausbildungshoheit haben – oder bekommen? Ist unser Sportsystem diesbezüglich stringent genug? Oder gilt auch hier: Fördern bzw. Fördergelder neu denken?

Ich bin keine Leistungssportlerin, das muss ich vornweg sagen. Aber: Das ist so eine Sache, da geht es wieder um das Ressort Bildung und das ist Ländersache. Wer also entscheidet? Wir haben Olympiastützpunkte, die werden zum Teil über den Bund gefördert. Die Sportschulen werden über das Land gefördert. Die Verbände machen das wieder anders. Ich habe bei uns in Frankfurt im Haus einen Olympiastützpunkt, wenn der anfängt, abzurechnen, werden die wahnsinnig. Es wäre gut, wenn wir zusammen überlegen würden, was sinnvoll ist und was nicht. Veränderung braucht Mut und Veränderung tut weh und wenn wir das ernst nehmen und das machen wollen, dann müssen wir auch uns in unseren Positionen hinterfragen.

Abschließend: Sollten die besten Trainer an die Basis? Oder aber etwas realistischer betrachtet: Sollte die Trainingsarbeit an der Basis finanziell bessergestellt werden, um Anreize für Toptrainerinnen und -Trainer zu schaffen, sich mehr im Nachwuchsbereich zu engagieren?

Ich glaube schon, dass wir im Nachwuchsbereich sehr gute Leute brauchen. Das brauchen wir im Sport, ich glaube aber auch, dass wir es in der Schule brauchen. Am Anfang haben wir die ganze Bandbreite, das ist in den Vereinen, im Breitensport auch so. Ich den einzelnen Sportarten gibt es jene, die sich schon motorisch schwertun und dann wiederum die, denen die Bewegungsabläufe leichtfallen – die also Talent oder zumindest da Gespür für die Disziplin mitbringen. Und so ist es in der Grundschule auch. Ich habe von Lernhilfe bis hochbegabt alles und ich muss mit allen zurechtkommen. Zu meinen Kollegen, die aus der Oberstufe immer so ein bisschen auf uns herabblicken, sage ich gerne: „Wenn sie zu euch kommen, können sie abheften, Schuhe binden, geradeaus laufen, lesen und schreiben. Wenn sie zu mir kommen, müssen sie das alles lernen.“ So ist es im Sport doch auch: Ich brauche die, die pädagogisch in der Lage dazu sind, mit den Kindern zu arbeiten und ich brauche die, die in ihrem Sport so gut sind, dass sie es den Kindern so beibringen können, dass sie a) gut werden und b) Freude daran haben – und dann freuen wir uns im Idealfall irgendwann alle über Medaillen.

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