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Einsamkeit als Motivation – Interview mit Abenteurer und Extrembergsteiger Florian Hill

netzathleten: Du hast mal geschrieben, dass Sehnsucht deine Krankheit ist. Warum?
Florian Hill: Ja, diese Aussage hatte wirklich Folgen für mich (lacht). Aus der Sehnsucht heraus entstehen für mich kreative Prozesse, ähnlich wie bei einem Künstler. Ob das nun beim Schreiben ist oder beim Berggehen. Sehnsucht ist ja per Definition ein Zustand, bei dem man den Gegenstand des Verlangens nie erreicht. Man strebt immer nach einem Zustand, den man nicht erreicht und dadurch wird man sehnsüchtig. Im Zen-Buddhismus gibt es ein kreisförmiges Symbol, das Enso. Das malen eines Enso stellt in der Philosophie des Zen-Buddhismus einen Zustand dar, indem der Geist in seinem Schaffensprozess nicht eingeschränkt ist. Einige Künstler malen das Enso mit einer Öffnung im Kreis. Diese Auslassung bedeutet die Fehlbarkeit des Menschen. Ich finde meine philosophischen Ansätze von Unvollkommenheit und Sehnsucht in diesem Symbol wieder. Im Leben wie am Berg. Erleuchtung bleibt daher eine Illusion – aber damit kann ich mittlerweile leben (lacht).
Ich glaube bei mir geht die Sehnsucht mit einer gewissen Rastlosigkeit einher. Ich kann zwar schon an einem Ort sein und mich dort auch wohlfühlen, aber nur auf sehr begrenzte Zeit, um dann wieder weiter zu gehen. Ich würde es vielleicht als modernes Nomadentum bezeichnen. Viele meinen ja, dass in diesem Umherziehen, diesem Nicht-ankommen-können eine Unstetigkeit liegt. Aber rein philosophisch betrachtet, steckt natürlich in dieser permanenten Unstetigkeit wieder eine Stetigkeit. Sprich: Wenn man, so wie ich, sich ständig neu erfinden muss, kommt man darüber auch zu einer Stetigkeit.

netzathleten: Aber eigentlich ist doch eine Krankheit nichts positives, sondern eher schlecht. In der Regel bekämpft man sie…
Florian Hill: Der Satz: „Die Sehnsucht ist meine Krankheit“ erscheint auf den ersten Blick etwas pathetisch. Denn auch, wenn ich mich mit diesem Immer-weiter-gehen wohlfühle, ist es in gewisser Weise eben doch ein Zwang von mir. Und ein Zwang kann neurotisch natürlich auch als Krankheit ausgelegt werden. Mein Zwang ist so groß, dass ich gar nicht dagegen ankämpfen brauche. Ich habe natürlich anfänglich versucht gegen dieses Gefühl anzukämpfen. Dennoch habe ich mit 19 Jahren den Entschluss gefasst auszubrechen, und war lange Zeit so etwas wie ein „Outlaw“.

Schon allein aus der intuitiven Motivation heraus immer weiter zu streben, kann ich dieses Sesshafte gar nicht anstreben. Und da kann man natürlich, wenn man die Definitionen und Normen, die sich in der heutigen Gesellschaft etabliert haben, als Maßstab nimmt, auch von einer Krankheit sprechen. Aber für mich ist diese Krankheit positiv und würde ich sie bekämpfen, hieße das für mich auch unter Umständen unglücklich zu werden.

netzathleten: Na, das wollen wir natürlich nicht. Vielen Dank für das interessante Gespräch. Wir sind gespannt, was du uns von deiner kommenden Expedition in Alaska berichten wirst. Viel Erfolg dabei.

Im April dieses Jahres möchte Hill zusammen mit dem amerikanischen Alpinisten Will Wacker einen Gipfel der Superlative besteigen. Mount Orville (3.199 m), gilt als einer der technisch anspruchsvollsten Gipfel der südlichen Fairweather Region in Glacier Bay, Alaska. Seit über 17 Jahren hat niemand den Orville erfolgreich bestiegen.

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