Sport ist Leben: Der seit einem Unfall gelähmte Freestyle-‚Rolli’ David Lebuser zeigt mit seinem Rollstuhl Stunts, die in Deutschland sonst keiner kann. Ihm geht es wie den meisten Stars der paralympischen Szene, denen der Sport völlig neue Perspektiven eröffnet hat.
Von einem Glücksfall zu reden, ginge dann wohl doch zu weit. Lendenwirbel zertrümmert nach dem Unfall. Ein brutaler Einschnitt. Da kommt dann ein neues Leben, so oder so. „Meine Motivation, Dinge durchzuziehen, ist eine ganz andere geworden“, sagt David Lebuser, „es war immer eine Schwäche von mir, zu schnell aufzugeben.“ Heute, sagt er, sei das völlig anders: „Ich habe die Motivation, besser zu werden, bin viel zielstrebiger. Das hat sich durch den Unfall positiv verändert“. Und seit Januar hat er auch wieder einen festen Job, bei einem Rollstuhl-Vertrieb.
Der 26-Jährige kann nicht mehr laufen, seit er im August 2008 betrunken nach einer Party in einem Treppenhaus schwer gestürzt ist. Aber er kann Dinge mit dem Rollstuhl machen, die sonst in Deutschland keiner kann. Er skatet, stürzt sich Halfpipes herab, kippelt in extremen Schräglagen, fährt und springt über Rails und Hindernisse. Er hat für sich eine neue Berufung gefunden. „Der Glücksausstoß nach einem gelungenen Trick ist überragend“, erzählt er, „ja, da ist auch ein wenig ein Suchtpotenzial.“
Inzwischen versucht David Lebuser sein Glück weiterzugeben. Anfang Mai fand in Hamburg der erste Skate Workshop für Rollis statt, auf einem Waldspielplatz mit Rampen und Bowls und allem, was ein Extremsportler so braucht. Ob auf dem Skateboard, dem Bike, oder im Rollstuhl. Der Erfolg war überragend. Auch Fußgänger setzten sich in die Stühle und versuchten sich an den krassen Tricks. Andere Rollstuhlfahrer entdeckten neue Möglichkeiten und Lebuser zeigte ihnen, wie man richtig kippelt, die Rampe runterfährt, was man alles machen kann. „Dass sich jetzt weitere Leute gefunden haben, die das machen wollen, ist ein positiver Nebeneffekt, man kann sich dann auch mal treffen“, sagt er. Weitere Workshops sind für den Rest des Jahres in Planung, in Kassel, Münster, Dresden, nochmal in Hamburg. Es gibt Anfragen für Events, aus Skaterhallen, Freestyle-Rolli Lebuser ist auf einem guten Weg.
Dass Sport bei eben diesem Weg in das neue Leben mit dem Handicap eine entscheidende Hilfe sein kann, ist eine Erfahrung, die auch Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn gemacht hat. „Für mich ist der Sport das Nonplusultra. Ich hatte nach der Querschnittlähmung zunächst nicht mehr das Gefühl zu leben“, erzählt die 43-Jährige. Sie war schon Leistungsschwimmerin vor dem Unfall, machte dann aber einen Bürojob, versank in der Langeweile und im Bedauern. „Ich habe nur noch existiert, ohne Perspektiven, Wünsche, Ziele“, erzählt sie. Durch eine Wassertherapie kam sie wieder mit „ihrem“ Element in Berührung. So vertraut und doch so neu: „Plötzlich hatte ich wieder das Gefühl, doch noch etwas aus meinen Extremitäten herausholen zu können.“
Es geht, es geht viel mehr, als mancher denkt. Lebuser beweist das, Bruhn auch, die sagt: „Man muss Eltern und Verantwortlichen immer wieder zeigen: Auch ihr Kind kann Sport machen – und zwar auf höchstem Niveau.“ Heinrich Popow, der Paralympics-Sieger 2012 über 100 Meter erinnert sich, dass er als Kind ohne Unterschenkel seinen Lehrern praktisch auf der Nase herumtanzen konnte. Da war diese Mischung aus Mitleid und Unsicherheit auf der anderen Seite, dieses bloß-nichts-falschmachen-Wollen.
„Das Problem ist, dass viele Lehrer gar nicht wissen, wie belastbar Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sind“, sagt Popow. Aus seinem Traum, Fußball-Profi zu werden, ist nichts geworden, das geht aber auch den meisten anderen Jungs so. „Ich sehe heute, was für eine enorme Entwicklung ich durch meinen Sport genommen habe“, sagt Popow, „ich bin glücklich mit einem Bein, mir fehlt nichts.“ Außer einem kleinen Stück Unterschenkel.
Bei Laura Darimont fehlt ein Teil des linken Unterarms. Als Kind und Teenager trug sie deshalb oft Shirts und Pullover mit langen Ärmeln, um die Unregelmäßigkeit zu verstecken. Das ist vorbei. Die Speerwerferin aus Leverkusen hat ihren Frieden gemacht mit ohne Arm. „Dass ich heute meinen Arm nicht mehr verstecke, ist wahrscheinlich nur dem Sport zu verdanken“, erzählt die 21-Jährige, „erst dadurch bin ich überhaupt selbstbewusst geworden.“
Edina Müller wurde in Hamburg grade zur Sportlerin des Jahres 2012 gewählt. Dass sie Rollstuhl-Basketballerin ist, spielte keine Rolle. Sie brachte eine Goldmedaille aus London mit. Das zählte. Die 29-Jährige arbeitet in der Hansestadt in einem Unfallkrankenhaus als Diplom-Heilpädagogin mit frisch querschnittgelähmten Patienten. Sie hilft ihnen durch Kräftigung der Arm- und Oberkörpermuskulatur, im Rollstuhl mobil(er) zu werden. Ja, es sei schon ein Unterschied für die Patienten, sagt sie, ob der Therapeut Fußgänger oder auch Rollstuhlfahrer ist. Aber sonst sei alles „stinknormal“ bei ihr. Sport und Arbeit, Arbeit und Sport. "Mein Alltag hat sich nicht groß verändert. Der Alltag schluckt viel, die Normalität kommt von allein.“ So erzählt sie auch auf Podiumsdiskussionen und Talkrunden vom Sport und vom Leben. Unspektakulär, vielleicht sogar langweilig für Leute, die dort eine übergroße Portion Bewunderung und Mitleid investieren wollen. Stattdessen macht Edina Müller Werbung für ihren Sport, der mit der EM Ende Juni in Frankfurt/Main ein echtes Highlight in Deutschland bringt. “Mein Interesse ist schon, dass mehr Leute unseren Sport kennen lernen“, sagt sie, „Insofern fühle ich mich schon als Botschafterin des Rollstuhl-Basketball.“
Da schließt sich wieder der Kreis zu David Lebuser, der auf seine Art auch ein Botschafter seiner „wilden“ Sportart ist. Der versucht, Rollstuhlfahrer für Freestyle zu begeistern, die bislang noch nie wirklich mit Sport in Berührung gekommen sind und ihnen damit neue Horizonte zu öffnen. „Das Interesse ist eindeutig da“, sagt er, „wenn Leute mitkriegen, was wir hier machen, sagen viele: Wie cool ist das denn?“
Eben. Das ist cool.
Autor: Andreas Hardt