Stephan Keck
Bergsport / Shisha Pangma (2004), Nanga Parbat (2006), Mount Everest (2008), uvm.
Stephan Keck (25.09.1973), geboren in Schwaz in Tirol, ist Bergführer, Tourenguide, Ski- und Snowboardlehrer, sowie Mental- und Motivationstrainer. Der Extrembergsteiger ist auf den höchsten Bergen der Welt unterwegs, bestieg er doch 2004 mit dem Shishapangma seinen ersten Achttausender. Gemeinsam mit Derk Hoberg veröffentlichte er 2012 das Buch "Solo mit Familie", das von seinem spannenden Spagat zwischen Familienleben und Extrembergsteigen handelt.
Interview mit Extrembergsteiger Stephan Keck – Der Alpinist
Extrembergsteiger Stephan Keck fliegt am 11. April nach Nepal zu seiner nächsten Achttausender-Expedition. Mit seinem Partner Paul Gürtler will er den 8.167 Meter hohen Dhaulagiri besteigen. Im ersten Teil unseres Interviews mit ihm erfahren wir, was einen Extrembergsteiger antreibt und welche Gefahren am Berg lauern.
Update Januar 2012: Inzwischen ist Stephan Kecks und Derk Hobergs Buch "Solo mit Familie" erschienen. Weitere Informationen unter www.solo-mit-familie.de
netzathleten: Hallo Stephan, wie bist Du dazu gekommen, solch extreme Expeditionen zu machen?
Stephan Keck: Das ist eine lange Geschichte. Ich bin hier in Tirol von Bergen umgeben aufgewachsen. Im Alter von vier Jahren war ich schon mit meinen Eltern in den Bergen unterwegs und habe sehr früh erkannt, dass mir das gut gefällt. Während meiner Lehre, im Alter von 15,16 Jahren, habe ich dann mit dem Klettern angefangen und schon mit 18 Jahren bin ich nach Südamerika gefahren und habe mich dort quasi in die hohen Berge verliebt. Ich habe dann meinen normalen Beruf an den Nagel gehängt, bin für vier bis fünf Jahre in Südamerika und letztlich auch beim Bergsteigen geblieben. Es ist wohl wie bei allen extremen Erfahrungen: Wenn man mal die Luft ganz oben geschnuppert hat, dann will man mehr.
netzathleten: Jetzt ist Bergsteigen ja kein normaler Beruf. Gibt es da einen vorgezeichneten Weg, den man einschlagen kann?
Stephan Keck: Es gibt im Prinzip keinen Weg, nein. Ich habe viel Glück gehabt. Zuallererst natürlich, indem ich eine Frau gefunden habe, die das, was ich tue, voll akzeptiert und auch dahintersteht. Man sollte, wenn man damit anfängt, wohl eine gute finanzielle Reserve haben, bevor man aus dem normalen Leben aussteigt. Wenn man dann noch die nötige Energie hat, das Ganze durchzuhalten, dann schafft man es wohl, überall Fuß zu fassen. Man darf einfach nicht zu früh aufgeben. Ich habe das anfangs auch gar nicht realisiert, dass man als Extrembergsteiger sich selbst finanzieren kann – viel besser als beispielsweise Kletterer oder Extremskifahrer, die nicht so viele Sponsoren bekommen. Somit habe ich eigentlich Glück gehabt.
netzathleten: Erkläre uns doch nochmals den besonderen Reiz des Bergsteigens?
Stephan Keck: Es geht einfach immer wieder darum, die Grenzen zu finden. Wie weit kann man mit dem eigenen Körper gehen, beziehungsweise wie viel weiter kann man gehen als man glaubt. Es gibt Punkte, an denen man glaubt, es geht gar nichts mehr, jetzt kann ich nicht mehr. Dann übernachtet man irgendwo auf 6.000 oder 7.000 Metern und am nächsten Tag geht man wieder 500 Höhenmeter. Es ist immer so wie auf einem Hochseil: Ein falscher Schritt und man liegt unten. Die Grenze ist da sehr eng. Wenn ich mit 20 Jahren schon die Möglichkeit gehabt hätte, auf 8.000er zu steigen, dann würde ich jetzt nicht mehr leben, weil ich Grenzen überschritten hätte. Da hätte ich vermutlich gesagt, ich fahr erst wieder heim, wenn ich oben war. Heute genieße ich die gesamte Tour, die Landschaft, die Kultur und die Leute. Wenn ich dazu noch auf dem Gipfel war, ist das natürlich sehr schön. Aber mein Ziel habe ich dann erst erreicht, wenn ich wieder hier bei meiner Familie sitze und noch alle Finger dran habe.
netzathleten: Du hast bei einer Deiner früheren Expeditionen schon einen Kollegen auf dem Mount Everest verloren…
Stephan Keck: Das war 2008 bei meiner ersten gesponserten Expedition. Da wollte ich natürlich etwas Besonderes machen und da sind wir zum Mount Everest. Ich war etwas blauäugig, denn ich wollte für meinen Sponsor ohne Sauerstoff und ohne Träger dort hochgehen, alleine sozusagen. Man muss dazu sagen, am Everest ist man nie allein. Dort sind bis zu 3.000 Menschen gleichzeitig am Berg unterwegs. Man trifft natürlich auch alte Bekannte. Mit Zweien teilte ich mir ein Zelt in meiner Lagerkette. Einer davon war mein Schweizer Kollege Gianni, mit dem ich früher schon unterwegs war. Es war das vierte Lager, auf 8.000 Metern Höhe. Ich musste den Aufstieg vorerst abbrechen, da ich Probleme mit den Augen und wegen eines Absturzes das Seitenband des Knies schon abgerissen hatte. Ich wollte eine Woche warten, bis ich auf den Gipfel gehe. Gianni war dann der einzige von uns Dreien, der den Aufstieg gewagt hat. Nach 14 Stunden erreichte er den Gipfel. Beim Abstieg starb er an Erschöpfung, 200 Meter vor unserem Lager. Er hatte auch zum ersten Mal einen Sponsor und viele Verpflichtungen gegenüber den Medien. Darauf muss man aber manchmal pfeifen, als erstes zählt der Mensch.
netzathleten: Als Dein Kollege starb, musstet Ihr ja auch wieder absteigen, musstet also konzentriert bleiben. Das stelle ich mir nach diesem schrecklichen Erlebnis sehr schwer vor…
Stephan Keck: Ja. Beim Everest geht man zwischen Lager 2 und Lager 1 auf einem langen, flachen Gletscher mit vielen Spalten aus dem Berg raus. Es war diffuses Licht, leicht neblig, die Sonne hat geschienen. Ich bin wie in Trance daher gegangen, ich konnte nicht glauben, dass das, was ich gerade über Funk gehört hatte, wahr ist. Ich war alleine und ohne Seil unterwegs, in einem Gelände mit großen Gletscherspalten bin ich einfach nur da entlang gegangen - da wo man sonst mit voller Aufmerksamkeit und Konzentration arbeitet. Auf einmal stand ich vorne an einer Kante und dachte: Eigentlich habe ich jetzt gar nicht gesehen, wo ich gegangen bin…
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