Morgen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Es ist die 19. insgesamt, die erste in Afrika. Und zum ersten Mal wird Spanien gewinnen. Womit? Mit Sicherheit!
Morgen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Es ist die 19. insgesamt, die erste auf dem afrikanischen Kontinent. Wer sich mit dem Fußballsport in Afrika beschäftigt, denkt zunächst an die großen Stars in den europäischen Top-Clubs. Ein Blick auf die Vergangenheit erzählt aber auch eine andere Geschichte, eine mit besonders langem Schatten.
Nicht alle Fußball-Migranten landen in Barcelona, Mailand oder London. Einige landen in der Gosse. Dennoch: Migration prägt den Fußball, der Teil „National-“ in „Nationalmannschaft“ passt sich zudem den Gegebenheiten des globalisierten Zeitalters an. Was bei der letzten EM schon deutlich wurde, erfährt nun seine Fortsetzung. Brüder spielen gegeneinander, weil sie unterschiedlichen Nationen angehören. Noch vor zwanzig Jahren wäre man für eine solche Aussage zwangstherapiert worden. Heute ist es die Realität der Altintops und Boatengs der Fußball-Welt.
Die Zeit vor einem großen Sportereignis ist die Stunde der Propheten. Und der Buchmacher.
Auch diesmal wird gewettet. Einige sind sich ihrer Prognose sicher und riskieren einen Teil der Haushaltskasse. Doch vor dieser WM ist nur eines klar: die Großen der Zunft haben die Seuche. Adler und Ballack (Deutschland), Ferdinand (England), Nani (Portugal), Robben (Holland), Drogba (Elfenbeinküste), Essien (Ghana), Pirlo (Italien) – die Verletztenliste liest sich wie ein All-Star-Team.
Mein absoluter Turnierfavorit ist Europameister Spanien. Einen klareren Favoriten gab es zuletzt 1954, als die Ungarn jedoch im Finale an Deutschland scheiterten. Diesmal wird es nicht so sein. Wenn alle Spieler fit bleiben, ist Spanien nicht zu schlagen.
In der Vergangenheit litt Spaniens Fußball unter innenpolitischen Querelen. Zu viele unterschiedliche Mentalitäten sind eben keine gute Voraussetzung für ein harmonisches Miteinander in einem Staat. Und in einer Nationalmannschaft. Das ist bei den spanischen Teams immer erkennbar gewesen. Individuelle fußballerische Extraklasse und zugleich das kollektive Grauen davor, diese in den Dienst einer Mannschaft zu stellen, die ein Land vertritt, das man bestenfalls nicht als das eigene wahrnimmt. Gerade zwischen den Fußballmetropolen Madrid und Barcelona liegt ein tiefer Graben. Madrid steht für Monarchie, und Tradition, Barcelona für Republik und Moderne. Madrid heißt Franco, Barcelona heißt Freiheit. Ein Sieg im Liga-Duell zwischen Real und Barca wiegt schwerer als drei WM-Titel in Folge. Doch die Generation der Villas, Torres’ und Fabregas’ scheint anders zu ticken als die Generationen vor ihnen. Sie ist auf die Welt gekommen als die junge spanische Republik in die EG eintrat (1985), als sich das Agrarland modernisierte, als es ankam in einem Europa der neuen Möglichkeiten. Eine davon ist: Zusammenhalten und zusammen erfolgreich sein. Wie bei der letzten EM. Keine Mannschaft spielt variantenreicher, keine hat mehr Zug zum Tor. Die Schnelligkeit und Ballsicherheit jedes einzelnen Akteurs gibt dem Gegner kaum eine Chance. Das Mittelfeld ist das Beste, was je im Fußball zu sehen war. Es übersteigt gar die Qualität der französischen Wunderzentrale Platini-Giresse-Tigana, mit der Frankreich 1984 Europameister wurde. Xavi Hernandez, Iniesta und Cesc Fabregas bilden ein Mittelfeld der Extraklasse. Vorne vollstrecken Villa und Torres. Also: Spanien wird Weltmeister.
Und die anderen Großen? Da sind zunächst die „kleinen“ Großen zu nennen: Holland und Portugal.
Dem kleinen Holland gehen die Superstars nicht aus. Nach der Generation Cryff in den 1970ern und den Europameistern um die Milan-Asse Gullit, Rijkaard und van Basten ist wieder eine Mannschaft gewachsen, die Ambitionen auf Titel hat. Sie kann zwar vom „totalen Fußball“ nur träumen, denn dieses Rasenschach mit elf Unbekannten kann in Auswahlmannschaften nur dann umgesetzt werden, wenn dort Blockbildung möglich ist, so wie damals, als viele der „Oranje“-Stars bei Ajax Amsterdam spielten und die Positionswechsel täglich einüben konnten – heute ist Hollands Stolz über ganz Europa verteilt. Doch andererseits muss man nicht ständig rotieren, den Gegner 90 Minuten dominieren, dabei auch noch schön spielen und in jedem Spiel 5 Tore schießen, um erfolgreich zu sein. Gerade die „Zweckfreiheit des Spiels“ wurde den Holländern schon oft zum Verhängnis, zuletzt 2008: Als mit Abstand beste Mannschaft der EM-Vorrunde schieden sie im Viertelfinale aus. Etwas zuviel „Homo ludens“ (Huizinga), etwas zuwenig Effizienz. Das soll diesmal nicht passieren. In Südafrika soll es weiter gehen. Kann gut sein. Mein Tipp: Halbfinale.
Portugal, beim letzten Mal immerhin Vierter, wird es wohl nicht bis dorthin schaffen. Christiano Ronaldo hat eine unbefriedigende Saison hinter sich, Nani ist verletzt, der Rest der Mannschaft guter Durchschnitt. Für das Viertelfinale wird es wohl reichen. Für mehr nicht.
Kommen wir zu den sonstigen üblichen Verdächtigen: Italien, England und die Südamerikaner. Italien spielt derzeit wie immer: schlecht, aber erfolgreich. Das ist auch für die WM zu befürchten. Mein Tipp: Halbfinale. Mit oder ohne Pirlo. England galt ja schon als „Geheimfavorit“. Und weil das alle sagten, ist die Favoritenrolle alles andere als „geheim“. Ich glaube, die Mannschaft wird überschätzt. Mein Tipp: Viertelfinale raus. Trotz Rooney.
Die Südamerikaner – Argentinien, Brasilien und Paraguay – sind die großen Unbekannten. Jede dieser Mannschaften kann ins Halbfinale kommen, jede kann aber auch gleich in der Vorrunde scheitern. Auch Brasilien. In einer Gruppe mit Portugal und der Elfenbeinküste zu sein, birgt selbst für den Rekordweltmeister Risiken. Argentinien lebt von, mit und durch Messi. Der „neue Maradona“ hat bisher im Team des „alten Maradona“ seine überragenden Leistungen in den wichtigen Spielen beim FC Barcelona nicht bestätigen können. Das Problem liegt nicht nur bei ihm. Im Verein hat er Xavi und Iniesta hinter sich, die ihn alle zwei Minuten in aussichtsreiche Position spielen. In der Nationalmannschaft ist Messi allzu oft auf sich allein gestellt. Und Paraguay? Abwarten! Ich glaube, das ist wirklich mal ein „Geheimfavorit“.
Die Afrikaner werden Sympathien gewinnen, aber nicht das Turnier. Alle afrikanischen Mannschaften, einschließlich der des Gastgebers, werden nicht mithalten können, wenn es ernst wird. Und spätestens im Achtelfinale ist das der Fall. Wenn es ein Team aus Afrika ins Viertelfinale schafft, wäre das ein großer Erfolg.
Die anderen Teilnehmer füllen nur die Gruppen auf. Klingt hart, ist aber so. Geringe Chancen auf ein Vorstoßen ins Viertelfinale haben allenfalls Mexiko und Frankreich. Die „Bleus“ müssten aber eigentlich mit 15 Minuspunkten ins Turnier gehen, angesichts der Umstände, unter denen sie sich nach Südafrika geschummelt haben.
Und „wir“? Also: „unsere Jungs“? Deutschland ist eine „Turniermannschaft“. Man sollte Deutschland „nicht unterschätzen“. Deutschland hat „immer wieder“ bewiesen, dass es „auf den Punkt topfit“ ist und eine gute Leistung „abrufen“ kann. Doch ohne ihren Kapitän Ballack, Deutschlands einzigen Weltklassespieler, wird Jogis Auswahl wohl die Erfolge der letzten beiden Weltmeisterschaften (Platz 2 und 3) nicht wiederholen können. Mein Tipp: Viertelfinale. Ansonsten halte ich es mit Horst Hrubesch: „Wenn wir alle schlagen, können wir es schaffen.“
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