(Gewichtheben)
Warum ein 15-jähriger Junge plötzlich in eine Turnhalle pilgert und beginnt, Eisengewichte zu stemmen - diese Frage muss man nicht ernsthaft stellen. Natürlich will er Muskelpakete aufbauen, den Mädchen und den Freunden in der Clique imponieren. Viktor Kessler, der an der Gesamtschule Süderelbe erst einmal seinen Realschul-Abschluss machen will, war das erste Mal von seinem Freund Igor Lutz in die Turnhalle Ohrnsweg geschleppt worden. Dort hat in einem kleinen Nebenraum, so um 30 Quadratmeter groß, ein nicht mehr junger Mann aus Russland in den vergangenen Jahren einen ungewöhnlichen Hort für starke Jungen aufgebaut.
Iwan Kulischnikov war in seinen stärksten Jahren Meister der Sowjetunion, Teilnehmer an Europa- und Weltmeisterschaften und ist Freund von Wassili Alexeyev, der russischen Gewichtheber-Legende. In Neugraben angekommen, hat Iwan Kulischnikov bei der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft (HNT) begonnen, Jungen aus Umsiedler-Familien um sich zu scharen und ihnen über den Sport und den Erfolg auch ein Stück Festigkeit in ihrem neuen Leben zu vermitteln.
Von denen, die inzwischen fast täglich in dem engen Raum an den Gewichten schwitzen, haben die meisten längst Pokale und Titel gesammelt. Da sind mit elf Jahren die beiden Jüngsten Andrej Wagner, der Hamburger Meister ist, und Leon Schendel, der dazu noch norddeutscher Meister ist, das sind Alex Schatzki (21) und Andrej Bole (19), die im Kraftsport jeweils Dritte bei den Europameisterschaften wurden und da ist der 22-jährige Slawan Petrenuo, der zwei Goldmedaillen von diesen Europameisterschaften mitbrachte.
Viktor Kessler war von der Schinderei mit den schweren Eisengewichten keineswegs von Beginn an begeistert. "Ich bin nicht regelmäßig zum Training gegangen", erzählt der groß gewachsene 16-Jährige. Aber mit der Zeit ist es Iwan Kulischnikov, dem alten Trainerfuchs, gelungen, auch in Viktor die Leidenschaft fürs Gewichtheben zu entfachen.
"Mit der Zeit bin ich doch schlauer geworden", sagt er. "Mir ist klar geworden, dass es nicht wichtig ist, Muskelberge aufzubauen, um damit angeben zu können. Bei den Kumpeln hier in unserem kleinen Trainings-Zentrum, die schon weiter sind als ich, habe ich gesehen, dass nicht die mit den dicksten Muskeln wirklich die stärksten sind. Und dann fängst du an, dich mit der Technik unseres Sport zu befassen, mit der Konzentration und der Stärke, die von deinem Willen herkommen muss." Sieben Monate ist es erst her, da hat Viktor Kessler begonnen, fast täglich zu trainieren. Wie auch seine Kollegen bringt er zu jedem Training ein dickes Schulheft mit. Darin werden, fein säuberlich, für jeden Übungstag, die detaillierten Kraftübungen festgehalten. Und von Monat zu Monat, Woche zu Woche hat Viktor höhere Gewichte auf der Eisenstange festschrauben können. Und zu Hause hat er von der Mutter einen anderen Speiseplan gefordert. Neben den Pilmeni, den gefüllten Teigtaschen, vor allem saftige Hähnchen-Schenkel.
Als kürzlich in Meißen die deutschen A-Jugendmeisterschaften entschieden wurden, war der Junge, der in einer Stadt im Altai-Gebirge geboren wurde, das erste Mal dabei. Im Stoßen hat er bei 105 Kilo begonnen, sich über 110 auf 112 Kilo gesteigert. "Das war eine neue Bestmarke", sagt Viktor Kessler, "im Reißen habe ich 100 Kilo geschafft." Damit wurde er in der Klasse bis 85 Kilo Körpergewicht bei den A-Jugendlichen auf Anhieb Vierter.
"Mein Ehrgeiz ist, als Gewichtheber in den Bundeskader aufgenommen zu werden", sagt er heute. "Mein Ziel ist es, einmal der Beste zu sein." Denn schon in den wenigen Monaten und bei den ersten harten Wettkämpfen hat Viktor Kessler eine Erfahrung gemacht: "Wenn du vor dem Eisen in die Hocke gehst, dich ganz auf das Gewicht konzentrierst, hoch gehst und es dir gelingt, die Arme hochzudrücken, das ist ein Gefühl, du beherrschst das Gewicht. Das ist Glück pur."
Quelle: Hamburger Abendblatt - Von Peter Hansaul
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