(Leichtathletik)
Geht man nach der Papierform, dann sind für den Frauen-Stabhochsprung bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg am Wochenende (5./6. Juli) die Vorzeichen eindeutig. Die Leverkusenerin Silke Spiegelburg hat die Führungsposition inne, gefolgt von der Mainzerin Carolin Hingst und der Zweibrückerin Kristina Gadschiew. Würde jetzt nominiert, sollte dieses Trio zu den Olympischen Spielen nach Peking (China) reisen.
Doch die Titelkämpfe an der Noris bieten vor allem zwei anderen Athletinnen die Chance, die Hackordnung noch einmal durcheinander zu bringen. Die junge Ludwigshafenerin Lisa Ryzih hat die Olympianorm von 4,50 Metern ebenso schon übersprungen wie die Schwerinerin Martina Strutz.
Ein zweites Mal ganz offiziell und auch sie erfüllen die Nominierungsvoraussetzungen für Olympia. Dazu noch ein Sprung auf das DM-Podest und der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) steht vor der Qual der Wahl und der Entscheidung, wen man denn nun dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zur Nominierung vorschlägt.
DM mit Gewicht
„Man muss die Leistung bei den Deutschen Meisterschaften sehr hoch hängen, das ist mehr als nur ein weiterer Wettkampf. Wie man das dann gewichtet, ist die Frage. Je besser das DM-Ergebnis aber ist, umso mehr treten die Vorleistungen in den Hintergrund“, erklärt DLV-Disziplintrainer Herbert Czingon die Ausgangslage anhand der gültigen Nominierungskriterien.
Als eindeutige Favoritin und Titelverteidigerin geht Silke Spiegelburg in den Wettkampf am Sonntag. Die 22-Jährige, Dritte des Europacups, hat sich als derzeit stärkste deutsche Stabhochspringerin herauskristallisiert und das nicht nur aufgrund ihrer Saisonbesthöhe von 4,65 Metern.
Für ihre Nervenstärke bekannt, führt der Weg zum DM-Titel nur über sie. Dem stimmt auch Herbert Czingon zu: „Sie ist die einzige, die sich ein Stück weit abgehoben hat.“ Im Prinzip kann sich die Leverkusenerin nur noch selbst durch einen missglückten Meisterschaftsauftritt um den Olympia-Startplatz bringen.
Neues Spiel
Neues Spiel, neues Glück! So darf die Parole für Carolin Hingst lauten. Im Winter verzockte sich die deutsche Hallenrekordhalterin. Mit einem ‚Salto Nullo’ bei der Hallen-DM verspielte sie ihren Start bei der Hallen-Weltmeisterschaft. Zweimal 4,50 Meter und einmal 4,55 Meter hat die 27-Jährige nun im Juni angeboten und damit den Olympiakurs eingeschlagen. Die Nerven im Griff zu haben und ein weiteres Mal eine solide Leistung abzuliefern, das ist gefragt, damit die Mainzerin diesem treu bleibt.
„Bei ihr kann die Tagesform entscheiden“, meint Herbert Czingon, der ihr vor dem entscheidenden Wettkampf den Rücken stärkt: „Sie gehört zu Olympia, dafür hat sie die athletischen Fähigkeiten. Ich traue es ihr zu, dass sie es packt. Sie ist auch selbständiger und reifer geworden.“
Kristina Gadschiew stabil
Ähnlich stabil wie Carolin Hingst hat sich in den vergangenen Wochen Kristina Gadschiew präsentiert. Für Herbert Czingon auch eine der „Aufsteigerinnen des Sommers“, verbesserte sie ihre Bestleistung um zwölf Zentimeter auf 4,52 Meter und sprang zwei weitere Male über 4,50 Meter. Die Zweibrückerin, die am Donnerstag 24 Jahre alt wird, hat ihr Olympiaticket zum Greifen nah.
Gefahr für sie geht von den Jägerinnen dahinter aus. Bei Lisa Ryzih, der früheren U18- und U20-Weltmeisterin, war es in den letzten Wettkämpfen ein Auf und Ab, von 4,00 bis 4,50 Metern alles dabei. Bei ihrem besten Auftritt in Regensburg verzichtete sie nach erfüllter Olympianorm auf die Fortsetzung der Höhenjagd. „Es geht nicht darum, einmal 4,80 Meter, sondern zweimal 4,50 Meter zu springen“, erklärte ihr Vater und Trainer Vladimir Ryshich.
Lisa Ryzih in Lauerstellung
Der letzte Angriff im easyCredit-Stadion ist also vorprogrammiert. Wo und wie dieser enden könnte, skizziert der DLV-Disziplintrainer: „Mit sehr guten Deutschen Meisterschaften, etwa mit 4,60 Metern und einem Platz unter den ersten Drei, könnte Lisa Ryzih andere Athletinnen auch ausstechen.“
Einen solchen Coup plant nicht weniger Martina Strutz, die in diesem Sommer auch schon zweimal 4,50 und einmal 4,52 Meter als neue Bestleistung gesprungen ist. Nur hatte sie das Pech, dass sie das zweimal bei Wettkämpfen tat, die nicht zur offiziellen Normerfüllung taugten.
Martina Strutz stark wie nie
Diesen Schönheitsfehler auszumerzen und damit ihrem ersten Olympiastart nahe zu kommen, ist nun die Aufgabe der 26-Jährigen für das Wochenende. Ein Sonderlob von Herbert Czingon hat sich die Schwerinerin bereits verdient: „So stark wie jetzt war sie noch nie. Ich traue ihr einen guten Platz mit einer guten Leistung zu.“
Fünf heiße Olympia-Anwärterinnen drängeln sich um drei Startplätze. Das Feld ist damit sogar noch etwas übersichtlicher als gedacht, nachdem sich mit Julia Hütter (LAZ Bruchköbel) und Anna Battke (USC Mainz) die beiden Hallen-WM-Teilnehmerinnen des Winters schon verletzungsbedingt vorzeitig abgemeldet haben.
Potenzial nach oben
Eine könnte den Kreis der Kandidatinnen noch zu einem Sextett werden lassen. Am Mittwochabend unternimmt Anastasija Reiberger (ABC Ludwigshafen) in Salamanca (Spanien) einen Last-Minute-Anlauf auf die erstmalige Erfüllung der Olympianorm.
Insgesamt traut Herbert Czingon seinen Athletinnen für die Deutschen Meisterschaften und die folgenden Wettkämpfe zu, sich nach dem bisherigen Verlauf der Saison weiter zu steigern, waren doch die jüngsten Olympia-Normwettkämpfe oft von schlechten Bedingungen beeinträchtigt.
Das Potenzial der Stabakrobatinnen ist im Olympiasommer offenbar noch lange nicht ausgereizt. „Ich bin guten Mutes, wir können mehr“, gibt der DLV-Disziplintrainer das Motto vor.
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