Frau Merkel äusserte sich heute in den Medien mit Stolz über die staatliche Förderung des paralympischen Spitzensports. Das deutsche paralympische Team wurde mit mehr als einer halben Million Euro gefördert. Das ist wirklich gut und sehr lobenswert. Ich gönne unseren Jungs und Mädels in Vancouver jeden einzelnen Cent und bin sicher, dass dieses Geld gut angelegt ist.
540.000 Euro, 20 Athleten. Das ergibt, ganz naiv gerechnet, für jedes Teammitglied pauschal eine Summe von 27.000 Euro. Moment mal ... Siebenundzwanzigtausend? Für eine Person?
Ich leite jetzt seit dem Jahr 2000 ein Training, bei dem behinderte und nichtbehinderte Sportler gemeinsam üben. Mindestens 30 Sportlerinnen und Sportler mit Handikap (uns ebenso viele Nichtbehinderte) haben in dieser Zeit bei mir eine Mischung aus Yoga und Kampfkunst geübt. Rechne ich jetzt alle Kosten für meine Übungsleiter-Aufwandsentschädigung, Qualifikations- und Weiterbildungslehrgänge, unsere gemeinsamen Fahrten zu Veranstaltungen sowie unsere gesamte Ausrüstung aus dieser Zeit zusammen, komme ich genau auf ein Drittel der oben genannten Kosten eines einzigen Spitzensportlers (die geleisteten Vereinsbeiträge und Zuzahlungen der Krankenkassen nicht gegengerechnet). Noch mal kurz die Zahlen zusammengefasst:
20 Sportler/innen vs. 60 Sportler/innen
4 Jahre (Olympiade) vs. 10 Jahre
540.000 Euro (zuzüglich der Förderung durch Sponsoren) vs. 9.000 Euro (ohne Unterstützung durch die freie Wirtschaft) bzw. nahezu 0 Euro, wenn man die Teilnehmer- und Kassenbeiträge gegen rechnet.
Wo, bitte, ist da die Relation? Wir üben auf 10 Jahre alten, abgenutzten Matten, weil kein Geld für neues Equipment da ist. Und das, obwohl wir einen großen und finanziell relativ gut gestellten Sportverein im Rücken haben. Wie muss es da erst den Kleinstadt- oder Dorf-Sportclubs gehen? Bisweilen ist es sogar Gang und Gäbe, dass die Trainer/innen in kleinen Vereinen sich mit Zusatzleistungen einbringen sowie Fahrt- und Weiterbildungskosten aus eigener Tasche zahlen, statt wenigstens eine geringe Aufwandsentschädigung für ihr Engagement zu erhalten. Gibt es so überhaupt eine Chance, im ländlichen Bereich behindertengerechte oder integrative Sportangebote anzubieten?
Worin liegt der Sinn dieser Förderpolitik? Was bringt der Spitzensport für unsere Gesellschaft? Imagegewinn, Werbeverträge und ein paar Einschaltquoten. Was bringt dagegen der Breitensport? Gesundheit, soziale Kontakte, Erfolgserlebnisse, Lebensfeude. Auch wenn sich der Spaß an der gemeinsam erlebten Freizeit nicht in Bargeld ausdrücken lässt, so entlastet doch zumindest die unbestrittene gesundheitsförderdene Wirkung unsere Krankenkassen erheblich.
Ich betone nochmals: Die Unterstützung des Spitzensports ist eine gute Sache, denn die Medienpräsenz behinderter Sportlerinnen und Sportler dient auch dem positiven Ansehen des Behinderten- und Breitensports. Der Spitzensport verdient jeden Förder-Euro und noch viel mehr! Doch ich denke, der Volkssport verdient ebenfalls mehr: Mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, mehr Ansehen und mehr Öffentlichkeit.
So, genug gejammert. Ich widme mich jetzt wieder dem Schreiben von Bittstellerbriefen an alle möglichen großen Unternehmen. Vielleicht bekomme ich ja dieses Jahr endlich meine neuen Matten ...
Dirk Tannert
Projektleiter Kampfkunst & Handikap
beim SC Potsdam e.V.