„Visionen, Chancen, Herausforderungen: Über die Expansions-Perspektiven des (deutschen) Handballs und seiner Top-Ligen“: Unter dieser Überschrift lud die MT Melsungen Ende Januar zur ersten Auflage ihrer neuen Talkrunde „Melsungen trifft …“
Es entspann sich ein abwechslungsreicher Austausch zwischen den drei prominenten Talkgästen, der viele interessante Gedankenanstöße bereithielt. Julia Nikoleit war dabei und berichtet.
HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann sowie die frühere Nationalspielerin und heutige Managerin der Frauen-Nationalmannschaft Anja Althaus brachten ihre langjährige Erfahrung aus dem Handball-Geschäft ein. Für einen Blick von Außen auf den Handball sorgte Dennis Trautwein, Head of Experiences Europe bei Octagon, einer der weltweit führenden Beratungs-Agenturen für Sport, Entertainment und Kultur. Zudem wurde – aus dem Publikum heraus – Finn Lemke, Europameister von 2016 und inzwischen Co-Trainer und Markenbotschafter der MT, immer wieder eingebunden.
Die anwesenden Fans und Sponsoren sowie die Gäste aus der regionalen Sport- und Politikszene verfolgten den von Journalist Frank Schneller moderierten Austausch im MT-Shop MarkTplatz mit großem Interesse. In rund 90 Minuten debattierten die Talkgäste die verschiedensten Fragestellungen und Themen – von der Frauen-Nationalmannschaft über TV-Quoten und Amerika-Hoffnungen bis zur Eventisierung der Sportart und Olympischen Sommerspielen in Deutschland.
Dass die Diskussionsbeiträge den Nerv der Zuhörer:innen trafen, wurde immer wieder am spontanen Applaus deutlich, der wiederholt aufbrandete. „Anjas Team hat einen Traum hingelegt; die beste Performance, die ich jemals im Frauenhandball gesehen habe, das war großartig“, lobte HBL-Geschäftsführer Bohmann mit Blick auf die Silbermedaille der Frauen-Nationalmannschaft und musste kurz innehalten, bis das Klatschen verklungen war.
Parallelen und Unterschiede zwischen dem Männer- und Frauenhandball waren im ersten Teil des Talks ein großes Thema. „Männer- und Frauen-Handball sind zwei verschiedene Welten – schon, was die Medien betrifft“, hielt Althaus fest und unterstrich den Entwicklungsbedarf auf Bundesligaebene: „Unser großes Vorbild ist die Männer-Bundesliga.“

Ist die Unterscheidung in Männer- und Frauenhandball überhaupt sinnvoll? Es werde immer wieder die Frage gestellt, „ob wir nicht alles unter ein Dach holen“, merkte auch Bohmann an und schob hinterher: „Im Volleyball funktioniert das gut.“ Es gäbe sicherlich eine Schnittmenge und letztendlich sei es „das gleiche Produkt Handball“, so Bohmann weiter: „Wir können alle noch besser werden, auch im Männerhandball, aber im Frauenhandball könnten wir in neue Dimensionen vorstoßen, aber das muss man auch wollen.“ Althaus nickte zustimmend.
Vom Männer- und Frauenhandball verlagerte sich die Diskussion zur Marken- bzw. Produktentwicklung – und der generellen Frage, ob Handball als Sportart noch zeitgemäß sei. „Mein großes Problem in Deutschland: Sportler werden gar nicht mehr respektiert und wertgeschätzt“, stellte Althaus klar und zog eine Querverbindung zum Reality-TV, der mit zustimmendem Applaus der Gäste quittierte wurde: „Diese Menschen bekommen viel mehr Plattform, auch Fernsehzeit. Sie verdienen viel mehr Geld für so viel Bullshit und sie kriegen auch viel mehr Respekt als Sportler. Das ist ein Trend, der überhaupt nicht en vogue ist, aber die Sportwelt kaputt macht – auch für Olympia.“
Als Lösungsweg zeigte Trautwein neue Ansätze auf. „Man muss man sich lösen von der traditionellen Reichweite über TV, das ist nicht da, wo die Zielgruppe wächst“, so der Experte. „Die Zielgruppe wächst über soziale Kanäle und neue Formate.“ Dabei komme es nicht auf „Klamauk-Content“ an, sondern „es muss glaubwürdiger Content sein, der zu der jeweiligen Marke passt. Dann kann man neue Zielgruppen erschließen und Wachstum erzeugen.“
Das von Althaus bereits früh eingebrachte Stichwort Olympia zog sich im Folgenden durch die Talkrunde. Die grundsätzliche Begeisterung für Olympische Spiele in Deutschland einte die Talkgäste (Bohmann: „Dafür werde ich alles tun“), doch es wurden auch unter anderen Aspekten beleuchtet. „Jede Sportart ist angewiesen auf Veränderung“, erklärte Finn Lemke. „Wir versuchen olympisch zu bleiben und das bedeutet, unsere Sportart muss sich anpassen. Wir müssen für Fernsehkonsumenten weltweit attraktiv bleiben und wir sind in einigen Bereich nicht attraktiv.“
Als Beispiel nannte der frühere Abwehrspezialist die körperlich harte Spielweise. „Wir sind noch sehr brutal“, so der Europameister von 2016. „Der Weg geht dahin, dass wir noch sauberer werden und Strafen und Sanktionen deutlich schwerwiegender auf den Spielverlauf eingehen.“ Er verwies diesbezüglich auf die Tests des Weltverbandes IHF mit einem dritten Schiedsrichter, um „noch mehr Fouls zu erkennen“.
Generell war die Entwicklung des Handballsports nicht nur in Punkto Regelwerk und Durchführung, sondern auch unter Gesichtspunkten wie Markenbildung, Monopolisierung und Nachhaltigkeit ein großes Thema. „Produktentwicklung sieht anders aus als das, was der Handball-Weltverband macht“, kritisierte Bohmann. Zwar werde die Handball-Bundesliga ab der kommenden Saison überall auf der Welt außer in China und Australien zu sehen sein „und wir haben für den Moment eine große Nachfrage erzeugt, aber ob das nachhaltig ist, das können wir nicht sagen.“
Eigentlich sei es Aufgabe des Weltverbandes – oder auch des europäischen Verbandes – die Sportart in den Märkten weiterzuentwickeln, in denen der Handball noch nicht so stark sei – oder nicht mehr. „Ich habe Sorgen, weil in den letzten Jahren viele Länder weggebrochen sind“, erklärte Althaus mit Blick auf die Champions League der Frauen und ergänzte einen allgemeinen Wunsch: „Wir müssen die Sportart wieder breiter aufstellen, aber das ist superschwer.“
Europameister Lemke wollte zum Ende aber noch einen Punkt abseits des Rampenlichts betonen. „Nachhaltigkeit im Handball entsteht in der Stadtsporthalle, bei uns in der C-Jugend dienstags um 17 Uhr – die passiert nicht bei Events“, so der Co-Trainer der MT Melsungen. „Events sind gut, um die Aufmerksamkeit zu schaffen, sodass nachher die Kids bei der C-Jugend in die Halle gehen.“
Das Problem sei aber, „dass die IHF und EHF die Bildungshoheit haben und diese nicht genügend nutzen“, kritisierte Lemke. Er monierte die Fokussierung auf den Leistungssport zuungunsten der kleineren Vereine in der Peripherie und betonte: „Der Breitensport bleibt das Rückgrat unserer Sportart.“
Von den Gästen gab es Applaus für diesen Appell – und kurz darauf für die zurückliegenden 90 Minuten, als Moderator Schneller die Premiere der Talkrunde beendete. „Das schreit nach mehr“, fasste Andreas Mohr, Sprecher des Vorstands der MT Melsungen, abschließend zusammen und versprach: „Die Talkrunde werden wir fortsetzen.“ Die nächsten Termine sind dem Vernehmen nach im Hintergrund bereits in Arbeit.






















