Im Schneeloch Obertauern bleibt man bescheiden TVB Obertauern -- Gamsleiten II ist der Signature-Hang von Obertauern. Lang, steil und naturbelassen eine Herausforderung für Könner.
Wiederbesucht: Skigebiet Obertauern

Im Schneeloch Obertauern bleibt man bescheiden

  • Dr. Klaus Westermeier
Obertauern hat viele Beinamen, die vor allem auf eines hindeuten: Reichlich Schnee zum Skifahren. Unser Autor Dr. Klaus Westermeier hat die "Schneeschüssel" besucht und ist dem Mythos "Snowbertauern" auf den Grund gegangen.
7.30 Uhr morgens, langsam setzt sich die Grünwaldkopfbahn an diesem Januartag in Bewegung. Es ist noch recht dunkel. Ein kleines Grüppchen von rund 20 Skienthusiasten besteigt den Sessellift. Wortkarg und tief eingemummt, es ist um diese frühe Stunde ziemlich zapfig. Unter ihnen ist auch Victoria. Die gebürtige Australierin mit schwedischer Mutter hat es in die Nähe Obertauerns, genauer gesagt nach Flachau, verschlagen – der Liebe wegen, wie sie später erzählt.

Dann die ersten Schwünge. Die Kante des Carving Ski beißt sich knirschend in den harten Untergrund. Außer den paar Freaks, die heute Morgen aus dem Bett gekrochen sind, keine Menschenseele weit und breit. Und auch die Gruppe löst sich schnell auf. Es ist für über eineinhalb Stunden die pure Einsamkeit am Berg.

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„First Track" nennt sich dieses Erlebnis. Das Skigebiet Obertauern bietet das Event in diesem Winter an sieben Tagen an. Wer will, kann morgens um halb acht vor allen anderen Skitouristen für einen Aufpreis zwei Lifte nutzen, um die ganz besondere Atmosphäre zu genießen. Die Pisten sind genial präpariert. Victoria, die rund eine halbe Stunde entfernt lebt, kommt hier so oft wie es Familie und Beruf erlauben her, um den Tag auf zwei Brettern zu beginnen. Magisch, wie an schönen Tagen die Sonne über einen Bergkamm kriecht und die ersten Berggipfel bestrahlt. „Wegen solcher Momente lebe ich hier“, sagt die exzellente Skifahrerin.

Zur Belohnung gibt es am Sonnhof direkt neben der Piste ab 9.30 Uhr ein ausgiebiges Frühstück, das im Package des First Track inbegriffen ist. Für Victoria geht es anschließend zurück, um 11 Uhr sitzt die Angestellte an ihrem Schreibtisch. Der Tag ist ihr Freund.

Wer besonderes Glück hat, trifft beim First Track die ehemalige Weltklasseskifahrerin Maria Höfl-Riesch. Die Deutsche ist Schneebotschafterin von Obertauern und verbringt im Ort auch gerne privat ihre Zeit. Ihr Schwiegervater Herbert Höfl ist seit Jahrzehnten ein Fan von Obertauern und hat auch Franz Beckenbauer hierhergebracht. Der Kaiser ist inzwischen oft zu sehen, er hat ein Haus hier.

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Das frühe Aufstehen zum First Track wäre in Obertauern außer in den Stoßzeiten zu Weihnachten und den Skiferien gar nicht zwingend nötig, um den Massen auf den Pisten aus dem Weg zu gehen. Das Skigebiet an der Grenze zwischen Pongau und Lungau, etwa eine Autostunde südlich von Salzburg, ist großflächig genug, um den Andrang an Skifahrern gut zu bewältigen. Rund 100 Pistenkilometer stehen zur Verfügung, die von 26 meist modernen Liften gut erschlossen sind.

Obertauerns Trumpf: der viele Schnee. Der Ort liegt in einem Hochtal, es wird zwischen 1.650 und 2.300 Metern Ski gefahren, und der Herrgott meint es gut mit dem Skigebiet. Nirgends in Österreich, so eine Langzeitstudie, hat es in den vergangenen 100 Jahren mehr geschneit. Im Winter 2019/20 waren es mit drei Metern in wenigen Tagen einmal sogar zu viel Schnee. Das ausreichend Weiß bringt es mit sich, dass weitgehend auf Naturschnee gefahren wird. Nur als Grundlage verwenden die Pistenpräparateure Kunstschnee, so dass die Liftanlagen bis zum Mai geöffnet bleiben.

Der viele Schnee hilft – gerade in Zeiten des Klimawandels, wo andere Skigebiete um die Flocken zittern. Obertauern kann sich auch deshalb eine eigene Struktur leisten. Die Geschicke des Orts werden im Wesentlichen von rund einem Dutzend ansässiger Familien gelenkt, denen früher einmal die Almen gehörten. Als der Fremdenverkehr begann, kamen Hotels und erste Liftanlagen hinzu. Heute steuert man gemeinsam die Zukunft und verzichtet dabei auch auf einen übertriebenen Größenwahn, der in anderen Skigebieten Einzug hält. So verbindet sich Obertauern nicht mit benachbarten Skiregionen, um dem Trend zu „immer größer“ zu folgen. Man bleibt lieber kleiner und fein und pflegt sein traditionelles Klientel, das schon seit vielen Jahren hier Urlaub macht und das Authentische schätzt. Knapp 10.000 Hotelbetten und rund eine Million Übernachtungen zur Wintersaison sind genug. Weiterhin wachsen will man nicht. Der Ruf von „Fridays for Future“ ist in der „Schneeschüssel“, wie das Tal auch gerne wegen seiner Lage und Form genannt wird, angekommen. An nachhaltigen Konzepten wird derzeit gearbeitet. Ein Anfang ist gemacht. Wer mit Bahn oder Bus anreist und das Ticket vorzeigt, bekommt bei den Skiverleihen 10 Prozent Rabatt.

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Obertauern gilt als besonders schneereich. Verschneite Landschaften werden sich deshalb hier noch lange trotz Klimawandels genießen lassen

Zum Qualitätsanspruch gehört auch eine exzellente Küche, die ganz auf österreichische Gerichte und vor allem auch die immer besseren Weine des Landes setzt. In den Hütten und Restaurants ist es urgemütlich. Etwa in der „Achenrainhütte“, einem Hexenhäuschen an dem Lift Gamsleiten I. Andi, der Wirt, betreibt seit 12 Jahren die Hütte, die es seit 1927 gibt. Er beobachtet, wie sich die Ansprüche der Gäste ändern. Waren zu seinem Start gerade einmal zwei Weine auf der Karte, ein Roter und ein Weißer, ist die Nachfrage nach österreichischen Spitzenweinen inzwischen groß. Die Skitouristen schätzen regionale Produkte, wozu auch ein gekonnter Kaiserschmarrn nach altem Rezept gehört.

Das Konzept, gemütliche Stube kombiniert mit lokaler Küche, pflegt auch die „Alten Alm“ am Ortsausgang von Obertauern. Den österreichischen Charme unterstreicht der Wirt Nikolaus Kirchgasser, ein gelernter Edelbrand-Sommelier. Neben dem deftigen Essen bietet er seinen Besuchern auch eine äußerst lehrreiche Verkostung selbsthergestellter Destillerieerzeugnisse an. Die in seiner „Tauernbrennerei“ gebrannten Schnäpse reichen von den Klassikern aus Birne, Marille, Zwetschge, Aprikose, Himbeere und Sauerkirsche bis hin zu Bränden aus Bergwiesenblumen, Ingwer und Rote Beete. Mit großer Leidenschaft erläutert Niklaus Kirchgasser dabei die Unterschiede zwischen Brand, Likör, Geist, Schnaps und Spirituose.

Auch in Obertauern reichen Skipisten und gute Küche allein heute nicht mehr, um sich im Wettbewerb der Skigebiete einen Platz an der Sonne zu sichern. Auch hier ist man erfinderisch, um den Touristen, die auch jenseits des Skifahrens aktiv sein wollen, etwas zu bieten. Ein Highlight ist das Snowkiten, das sich auch an Anfänger richtet. Auf einem zentralen Gelände nahe der Liftanlagen können Abenteuerlustige unter Anleitung die ersten Versuche unternehmen. Neben dem Equipment für das Snowkiten können auch Räder mit besonders dicken Reifen für das Snowbiken vor Ort leicht gemietet werden.

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Zum Profil von Obertauern gehört auch ein großer Anteil an Familien, für Kinderfreundlichkeit wird auf und jenseits der Pisten viel getan


Obertauern gilt unter Skitourengängern als Paradies. Die Saison beginnt ab März und durch die großen Mengen an Schnee lässt sich der Trendsport bis weit in den Mai hinein betreiben. Auch in Obertauern sieht man es inzwischen nicht mehr gerne, dass immer mehr Skitourengänger die Pisten hinauflaufen. An so manchem Ort wird diese Form der Pistennutzung inzwischen verboten oder bepreist. In Obertauern duldet man im Moment die Pistentourengänger noch.

Eine andere klassische Alternative zum Skifahren bietet das Langlaufen. Im flacheren Teil der Schüssel von Obertauern stehen dafür einige gut markierte, relativ kurze Loipen zur Verfügung. Die beste und längste Loipe indes befindet sich einige Kilometer entfernt nahe der Straße Richtung Untertauern. Den Einstieg markiert das Rasthaus Gnadenalm. Die Gnadenalm sorgt neben Schmankerln aus der Küche noch für eine zusätzliche Gaudi. Skidoos bringen die Gäste zum Start einer 1,4 Kilometer langen Rodelpiste. Besonders in der Nacht, wenn Lichter den Weg für die Schlitten beleuchten, wird der Nervenkitzel zum speziellen Erlebnis.

Alle weiteren Infos: www.obertauern.com

Hoteltipp: Obertauern verfügt über 150 Hotels, Pensionen, Gasthöfe und viele Ferienwohnungen, darunter drei luxuriöse Fünf-Sterne Häuser. Wer es preiswert und familiengerecht will, ist im Hotel Wagner gut aufgehoben. Das Hotel verlangt für das Doppelzimmer ab 95 Euro, inklusive Frühstück, Hallenbad und Sauna. www.hotel-wagner.at

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