„Talentförderung im Spannungsfeld zwischen Breiten- und Leistungssport“: Unter dieser Überschrift lud Handball-Bundesligist MT Melsungen Ende August zur zweiten Auflage der Talkrunde ‚Melsungen trifft‘. Zwischen den vier Podiumsgästen entspann sich ein munterer, aber mitunter auch kontroverser Austausch.
Ist die Debatte um die Bundesjugendspiele ein Zeichen, dass in Deutschland zu wenig Leistungsdruck herrscht? Welche Bedeutung hat der Sport für die Entwicklung? Was sind die größten Herausforderungen für die Sportvereine für ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen? Welche Rolle spielen Schule, Erziehung und Eltern? Was muss – und kann – die Politik für bessere Bedingungen des Sports leisten? Und inwiefern gehören wirklich – wie so oft behauptet – die besten Trainer an die Basis?
All diese Punkte – und so manche Frage mehr – beleuchtete das Quartett auf dem Podium unter Moderation des Journalisten Frank Schneller. Unter den Gästen im ‚MarkTplatz‘ in Melsungen war auch Gregor von Opel, Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG).

Durch ihre unterschiedlichen Hintergründe konnten die Talkgäste verschiedene Blickwinkel einbringen. Der frühere Handball-Nationalspieler Finn Lemke, Leiter Nachwuchs und Förderkader bei der MT Melsungen, wurde 2016 Europameister und kennt die Strukturen im deutschen Handball aus langjähriger Erfahrung. Der schwedische MT-Sportvorstand Jesper Larsson sorgte wiederum für Einblicke über den deutschen Sport hinaus.
Die anderen beide Gäste, die bewusst nicht aus dem Handballsport kamen, brachten eine ganz andere für Perspektive ein: Katja Köhler-Nachtnebel ist Vizepräsidentin des Landessportbundes Hessen und konnte als Lehrerin von ihren Eindrücken aus der Schule berichten. Der Bundestagsabgeordnete Daniel Bettermann sitzt unter anderem im Ausschuss für Sport und Ehrenamt und ist als Vorstand beim Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel engagiert.
Sport ist unterfinanziert, die Infrastruktur nicht ausreichend
Ein Thema zog sich wie ein roter Faden durch das Gespräch: Die Unterfinanzierung des Sports sowie die unzureichende Infrastruktur. Es gebe einfach zu wenig Hallen, hielt Sportvorstand Larsson bereits früh fest, „dabei gibt es Leistungssport doch nur, wenn wir auch Breitensport haben“. Es sei unter den aktuellen Bedingungen nicht möglich, „adäquate Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen“, schloss sich Lemke an. „Wir haben ein infrastrukturelles Problem, an Ehrenamtlern mangelt es nicht.“

Da sei auch die in diesem Jahr vom Bund beschlossene Sportmilliarde, die in die deutschen Sportstätten fließen soll, nicht die alleinige Lösung, sondern eher ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das Wort Sanierungsstau fiel wiederholt. „Es ist ein systemisches Problem“, urteilte Bettermann. „Es fehlt an Geld, es fehlt an Priorisierung und es fehlt an den Leuten, die es weitertragen“
Zwar habe sich die Bundesregierung die Unterstützung von Sport und Ehrenamt „auf die Fahnen geschrieben“ und eine eigene Staatsministerin für dieses Thema installiert, merkte der Bundestagsabgeordnete an: „Die Frustration ist nachvollziehbar, denn es fehlt im Gesamtsystem an Geld und gerade auch an Unterstützung im Breitensport.“
Europameister Lemke brach es schließlich auf eine einfache Formel herunter. „Sport hat ein Preisschild und die Frage ist: Sind wir bereit, das zu zahlen oder nicht?“, so der frühere Handball-Nationalspieler und gab die Antwort direkt selbst: „Scheinbar nicht.“ Da müsse sich jeder an die eigene Nase fassen: „Wer schaut sich denn die Wahlprogramme an und schaut nach, welche Partei ist für Sport?“

Leistungsdruck: Was ist der richtige Ansatz?
So einig man sich in diesem Punkt war, an anderer Stelle war es kontroverser – wie beim Beispiel Leistungsdruck und Bundesjugendspiele deutlich wurde. „Wir sind in doch relativ vielen Teilen der Gesellschaft satt geworden“, sagte beispielsweise Bettermann und sprach von einer „Watteball-Mentalität“. Man versuche, Kinder und Jugendlichen vor Negativerlebnissen zu beschützen.
Die Vizepräsidentin des Landessportbundes Hessen, Katja Köhler-Nachtnebel, nahm hingegen einen anderen Standpunkt ein. „Die Veränderung der Bundesjugendspiele ist nicht der Untergang der Olympischen Medaillen“, betonte sie. „Wir haben uns gefragt, wie bekommen wir Kinder mit mehr Spaß in Bewegung und auch in einen Wettkampf.“ Wer das gerne sehen wolle, der sei zu den Bundesjugendspielen an ihrer Schule eingeladen: „Da geht es um Leistung, sie wollen gewinnen.“

Lemke verfolgte hingegen einen anderen Ansatz und betrachtete die Fixierung auf das Ergebnis kritisch. „Wir dürfen Leistung nicht gleichsetzen mit dem Ergebnis“, so der Europameister. „Das Ergebnis ist eine Dimension der Leistung, es kann eine Orientierung sein, aber wir packen das Ergebnis auf ein Riesen-Podest.“ Leistung müsse, so Lemke, „Spaß machen.“
In dem rund anderthalbstündigen Talk streifen die Melsunger Larsson und Lemke, Sportfunktionärin Köhler-Nachtnebel und der Bundestagsabgeordnete Bettermann diverse weitere Themen. Während sich Köhler-Nachtnebel beispielsweise für eine tägliche Bewegungsstunde in der Schule aussprach und forderte, Schule neu zu denken, verglich Larsson das deutsche Talentfördersystem mit seiner schwedischen Heimat.
„Wir sind nur ein kleines Land, um die Guten zu behalten, brauchen wir auch die Schwächeren“, nannte der ehemalige Bundesliga-Torhüter den entscheidenden Unterschied und erinnerte sich, dass er selbst erst mit 20 Jahren „kapiert [habe], dass ich gut werden kann.“ In Deutschland wäre dieser Weg, so die Implikation, wahrscheinlich nicht möglich gewesen.
Heute geht es um die Olympionik*innen ‘36, ‘40 und ‘44
Ob die Notwendigkeit einer polysportiven Ausbildung, die Verantwortung der Eltern und Vereine oder eine nachhaltige Talentförderung: An Gesprächsstoff mangelte es nicht. „Wir wollen eine Olympia-Bewerbung in Deutschland forcieren, aber das setzt voraus, dass jetzt etwas passiert“, forderte Bettermann, „weil die Athletinnen und Athleten, die 2036, 2040 oder 2044 um Medaillen kämpfen, jetzt ausgebildet werden.“

Gehören für eine gute Ausbildung also die besten Trainer an die Basis statt in den Leistungsbereich – so, wie es im Sport immer wieder gefordert wird? Das wollte Lemke nicht so einfach stehen lassen. „Ich mag den Satz so nicht“, sagte der Europameister. Roberto Garcia Parrondo, der Melsunger Bundesligacoach, sei einer der besten Trainer der Welt, aber er wäre im Kindertraining falsch, so der Europameister. „Es gehören nicht die besten, sondern die richtigen Trainer an die Basis.“
Auch eine andere Sache war Lemke extrem wichtig. „Wir sitzen hier und sprechen bei so etwas Schönem wie Sport nur über Negatives“, bedauerte er zum Ende des ersten Parts der zweiteiligen Gesprächsrunde und betonte unter dem Applaus des Publikums: „Wir dürfen nie vergessen, dass Sport großartig ist.“
Weitere Informationen unter: www.mt-melsungen.de
















