Oskar Enander; Monika Neiheisser
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Engelberg: Klosterstille, Olympiafieber und Innovationsgeist

Engelberg in der Zentralschweiz ist mehr als ein Gletscher-Skigebiet mit Schneesicherheit bis auf 3000 Meter. Hier treffen Tradition, Sportgeist und Zukunftsgeist aufeinander. Das Benediktinerkloster gibt dem Bergdorf, das sich in aller Stille zu einer Talentschmiede des internationalen Wintersports entwickelt hat, seit Jahrhunderten Ruhe und Struktur.

82 Pistenkilometer, Skisprungschanze und die 1995 gegründete Sportmittelschule bilden das Fundament. Die 4.500 Seelen-Gemeinde ist stolz auf ihre 15 Olympiamedaillen. Vier Engelberger waren in der Schweizer Olympia-Delegation in Milano/Cortina vertreten. Auch der Stanser Marco Odermatt hat an der Sportmittelschule sein Talent in Engelberg geschärft. Im „Kraftwerk“, der Trainingshalle im ehemaligen Kloster-Sägewerk, strahlt der Ausnahmeathlet auf einer Flagge als Gesamtweltcup-Sieger und mit drei Einzel-Weltcupsiegen über seinen drei kleinen und einer großen Kristallkugel in der Saison 2023/23. Diesen Erfolg wiederholte er in der Folgesaison. Ein starker Motivationskick für diejenigen, die nicht so gerne bei den Bulgarian Split Squats mit 27,5 kg Hanteln trainieren.

Olympia-DNA seit 1936

Was es heißt, schulische Leistung und die Passion zum Skilaufen zum Erfolg zu bringen, wissen auch die drei Engelberger Gisin-Geschwister. Marc fuhr erfolgreich im Weltcup, Schwester Dominique holte 2014 Abfahrts-Gold bei den Olympischen Spielen in Sotchi, die acht Jahre jüngere Michelle gewann 2018 und 2022 Gold in der Alpinen Kombi und Bronze im Super-G. Im Talmuseum zeigt eine Sonderausstellung die Erfolge der Olympioniken Engelbergs, inklusive Dominiques Sturzhelm unter einer Schutzhaube und Silbermantel von Freestyle-Skifahrer Christian Stohr von den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City . Daneben wirkt der Lederhelm des Bobfahrers Fritz Feierabend wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt. Dabei war er es, der 1936 die Engelberger Olympiageschichte einläutete und fünf Olympiamedaillen ins Tal brachte.

Dominique Gisin

Dominique Gisin ist auch nach ihrem Karriereende eine leidenschaftliche Skiläuferin und zeigt auf den Pisten rund um den Titlis vor allem eins:  perfekten, eleganten Schwung, der den Amateur vom Profi trennt. Als Physikerin nutzt sie ihr Wissen um Energie und erklärt das so: „Skifahren ist kein Kraftakt wie ein Marathonlauf, bei dem du deinen Körper mit deiner Kraft antreibst. Beim Skifahren wirst du angetrieben. Du musst nur mit den Kräften spielen. Wenn du dieses Spiel annähernd beherrschst, gehst du im Flow auf. Doch der Weg dorthin ist viele Jahre harte Arbeit.“  Auch Gefahren sieht sie eher rational.

Die nordseitigen Pisten am Gletscher haben es in sich. Selbst blaue Pisten sind oftmals steil und kupiert. Die Rotegg-Abfahrt über den Klein Titlis bis zur Station Stand ist nur was für Könner. 584 Höhenmeter sind auf nur zwei Kilometer zu überwinden. Gemütlicher geht es mit der drehbaren Rotair-Gondel bergab, 360-Grad-Ausblick inklusive. Wer mutig ist, wagt den Cliff-Walk, die höchstgelegene Hängebrücke der Alpen in 3040 m Höhe. Der Mut wird mit einem Rundumblick auf die 3000er des Berner Oberlands – Schreckhorn, Mönch, Eiger – bis hin zum Vierwaldstättersee und weit in die Zentralschweiz belohnt. Unter den Schuhsohlen gähnt in einem halben Kilometer Tiefe das Nichts.

Titlis 3020 – Das Projekt für die Zukunft

Ab Mai reicht die Aussicht vom Klein Titlis bis zum Feldberg im Schwarzwald und nach Italien. Mit Titlis 3020 entsteht ein Großprojekt, das Engelberg neu definiert. Dabei baut Dominique Gisin als Mitglied im Verwaltungsrat der Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis an der Zukunft ihrer Heimat mit. Ganz nach dem Motto: Der Gletscher geht, die Bergsicht bleibt. Ein alter Richtturm soll sich als Titlis Tower zur Architekturikone Engelbergs wandeln. Dazu wurde eine Aussichtsplattform mit Restaurant, Bar und Ausstellungsflächen in Glas und Stahl in Form des Schweizer Kreuzes in das bestehende Bauwerk integriert. Die Gipfelstation verwandelt sich in einen liegenden Glas-Stahl-Kristall.

Die kreativen Köpfe hinter dem Bau sind die Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron, die schon Publikumsmagneten wie die Elbphilharmonie in Hamburg und die Allianz-Arena in München erschaffen haben. Diese Weltklasse-Architektur in luftigen Höhen soll ebenfalls weitere Gäste aus der ganzen Welt anziehen, und ist ein Versprechen für die Zukunft. Die CO₂- und Feinstaubemissionen sollen um 98 Prozent reduziert und der Energiebedarf von umgerechnet 40 auf 3 Einfamilienhäuser verringert werden, bei einer Nutzungsflächenerweiterung um 85 Prozent. Bis zur Eröffnung 2029 bleibt die Baustelle unter widrigen Bedingungen eine Herausforderung.

Die längste Talabfahrt der Zentralschweiz

Zum Tagesabschluss wartet ein Klassiker: die Talabfahrt mit 12 Kilometern und 2000 Höhenmetern bis ins Tal. Ein Querschnitt durch alles, was Engelberg ausmacht: Zunächst sportlich im Wechsel mit steileren Passagen und breiten Carvingpassagen. Wer will, misst sich auf der Marco-Ottermatt-Speedcheck-Rennstrecke zwischen Stand und Trübsee. Ab da geht es bis Gernialp gemäßigt mit herrlichem Landschaftsfeeling über die Piste, bis sich schmalere Passagen durch duftenden Nadelwald ziehen. Die letzten Kilometer führen mit genussvollen Carvingschwüngen, die die Oberschenkel brennen lassen, an den Dorfrand.

Augen auf beim Wechsel der Talseite in das südseitige, sanfte Familienskigebiet Brunni. Vielleicht zieht dort gerade Dominique mit ihrer dreijährigen Tochter auf den sonnigen Pisten sanfte Schwünge mit den Händen auf den Knien, um die Abfahrtsvorlage zu üben. Auf der Klostermatte haben schon manche Sternchen am Olympiahimmel ihre ersten Pizza-Abfahrten geübt, wie Marco Odermatt und die Gisins.

Wer nach Entschleunigung sucht, bummelt durch das gewachsene Bergdorf, wo das moderne Hotel Spannort mit Self-Check-in auf das mondäne, luxuriöse Fünf-Sterne-Hotel Kempinski Palace Engelberg trifft. Im ehemaligen denkmalgeschützten Hotel Europäischer Hof, ein Juwel aus der Belle Époque, erstrahlt nach fünfjähriger Umbau- und Renovierungszeit in neuem Glanz, wo das herrschaftliche Marmortreppenhaus mit rotem Teppich Geschichte erzählt. Am Rande des Foyers der Feierabend-Bob von Fritz Feierabend, auf originalem Mosaik. Das Rooftop-Spa mit Infinity-Pool und Blick über Engelberg bietet Entspannung nach dem Skitag.

Fondue auf zwei Kufen

Noch ruhiger wird es im Hochtal entlang der Engelberger Ache. Am Talende schwebt eine kleine rote Seilbahn über die steile Fürenwand auf die Fürenalp. Dort wartet ein Schlitten, bestückt mit Fondue Zutaten, Tischdecke und Wein. Inmitten weiter Schneeflächen, eingerahmt von Titlis und Spannort, wird der Kocher entzündet. Der Käse von Engelberger Alpen beginnt zu schmelzen.

Brotstücke tauchen in die duftende Masse, während die Bergwelt die Kulisse liefert. Hier dringen die Worte, mit denen Dominique ihre Heimat beschreibt, in jede Körperzelle: „Die Berge formen eine dramatische Landschaft. Leben in der Sackgasse des Tals heißt für mich ankommen, abschalten und an diesem Kraftort Ruhe finden.“ Genauso fühlt es sich an.

Alle weiteren Informationen unter: www.engelberg.ch

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