Handball-Trainerlegende Volker Schneller, selbst Weltmeister 1966 auf dem Feld, versucht, sich mit dem bei der EM gezeigten Spektakel zu arrangieren. Es fällt ihm schwer. Der etwas andere Kommentar und eine Einordnung aus einer anderen, traditionelleren Perspektive.
Der Handball befindet sich weiterhin auf dem Vormarsch, so jedenfalls die verbreiteten Kommentare nach der letzten, rassigen EM der Männer. Die mediale Verdrängung war gut, die Begeisterung auch hierzulande spür- und die Spannung greifbar. Vielleicht auch aufgrund der Nähe zum Gastgeberland Dänemark. Es hatte also vieles gepasst. Dass Deutschland dann trotz einzelner Stolperer neuerlich ins Finale gelangte, möchte ich als eine Bestätigung dafür werten, dass wir wirklich wieder ganz oben mitspielen. Doch halt: was verstehen wir unter „spielen“? Ich hatte rund 77 Jahre größte Freude an diesem Sport und dabei aktiv als auch zuletzt als Zaungast die Entwicklung unserer Sportart bis in die Details begleitet und dabei als gebürtiger Flensburger anfangs direkte Nähe zu Dänemark, wo zunächst im „Verborgenen“ an einer Spielweise getüftelt wurde, bei der es darum ging, mit primär spielerischen Methoden zum Torerfolg zu kommen. International setzten seinerzeit jedoch zunächst Rumänien, die damalige CSSR und die Sowjets Maßstäbe, indem primär Athletik, Kondition und Disziplin Siege möglich machen sollten. Schweden begann ähnlich wie wenig später Jugoslawien und die CSSR beide Schwerpunkte zusammen auf das Spielfeld zu bringen, doch als viele dänische Topspieler vor allem in der Bundesliga mit dem zweiten „Standbein“ und entsprechendem Training ihre Spielidee zu kombinieren begannen, erspielten sie sich zahlreiche internationale Titel. Sie prägen nun schon deutlich länger als ein Jahrzehnt den globalen Handball – zwar nicht in ihrer Liga, aber mit den Nationalmannschaften. Zuletzt primär mit der ihrer Männer.

Wer über die Jahre hinweg erleben konnte, wie die Dänen miteinander Handball SPIELTEN, während die meisten Gegner Handball KÄMPFTEN, der kann mit dem Trend der letzten EM nicht glücklich sein, denn nur zu spielen reicht unserem Nachbarn auch nicht mehr. Auch deswegen nicht, weil die Regelauslegung in den Spielen oftmals willkürlich anmutet: Primär die unsäglichen Ringkämpfe im Bereich der 6-10 Meter- Zone – bei gleichzeitig völlig konträrer Handhabe auf den Außenpositionen -– sind für mich schwerlich zu ertragen. Wenn sich ein Spieler mit Ballbesitz sekundenlang verzweifelt versucht vom Gegner zu lösen, der irgendwo an den Kleidern hängend oder klammernd, das Spiel behindern oder gar zerstören will, so ist das ernüchternd. Das macht den meisten Handballern scheinbar kaum noch was aus, denn obwohl sie wissen, was sie in der gegnerischen Nahwurfzone erwartet, stürzen sie sich nach 2-3 Querpässen immer wieder mit Ball in die oftmals nur gedachte „Lücke“ zwischen 2 Abwehrrecken. Und dass dies in der Regel keine ernsten Verletzungen nach sich zieht, liegt alleine daran, dass kein Handballer bewusst dem anderen eine Verletzung zufügen will.
So wie viele ebenfalls ältere Kameraden fasziniert mich die gewaltige Entwicklung unserer Sportart zwar, wo Schnelligkeit und top austrainierte Akteure das Geschehen auf dem Feld bestimmen. Gleichwohl gibt es im heutigen Handball-Alltag mit dem ständigen Rauf-und Runtergerenne zu wenig Platz für ein eigentliches „Spiel“. Ich kann mich weder mit dem 7. Feldspieler anfreunden, noch mit der „schnellen Mitte“, die zudem oftmals nicht regelkonform erscheint, weil beim hastigen Anpfiff fast immer bereits 2-3 Angreifer in des Gegners Hälfte regelwidrig gesprintet sind, was entweder nicht gesehen wird, oder aber weil die Schiris dem Spiel nicht die Würze nehmen wollen. Oder eben selbst nicht mehr folgen können. Hinzukommen die inflationär missachteten Schrittfehler. All diese Regelfallen tun dem Handball auf Dauer nicht gut, so wie der 7. Feldspieler und das leere Tor auch nicht zur Spielkultur beiträgt.
Wenn sogar Dänemark bei eigener Überzahl nichts besseres mehr einfällt, als 7 Feldspieler gegen 5 Abwehrgegner aufzubieten, ist dies zwar regelkonform, steigert aber die Attraktivität des Spieles in meinen Augen nicht. Und: Immer am höchsten Tempo festhalten sollte nicht das beherrschende Mittel der Wahl sein. Zwar gedeihen in diesem Umfeld Superstars wie Matthias Gidsel, der das Spiel individuell natürlich auf ein neues Level hebt – gleichzeitig aber als Prototyp einer Entwicklung betrachtet werden kann, die auf den zweiten Blick nicht zwingend in die richtige Richtung führt. Das dänische Spiel – einst so breit, finessenreich und frech – ist heute: Die Auftakthandlung Gidsels. Man mag es mögen. Mir ist es zu eindimensional.






















