Athletiktraining und seine Stellung im Spitzensport Frank Schneller (Medienmannschft)

Athletiktraining und seine Stellung im Spitzensport

  • geschrieben von  Frank Schneller (Medienmannschaft)
Auf der Athletik-Konferenz 2015 in Bonn ging es auch darum, den eigenen Status und den eigenen Beruf zu refektieren und seine Bedeutung im Sport allgemein und im Fußball im Speziellen herauszustellen. Zentrale Punkte die deutlich wurden: Ein Athletiktrainier ist nicht nur Athletiktrainer und Individualisierung wird immer zentraler. Und sonst?
René Adler, einer der hochkarätigen Gäste der Athletik-Konferenz 2015 in Bonn, brachte es auf den Punkt: „Ich habe gefühlt viel zu viel Zeit mit Euch verbracht“, sagte er zunächst und schmunzelte. Dann wurde er ernster: „Der Athletikbereich ist im Fußball unabdingbar geworden. Das Spiel ist so schnell und athletisch heutzutage – entsprechend werden auch die Bereiche Athletik, Prävention und Reha immer wichtiger. Ich wäre ohne Athletiktrainer wohl längst kein Profi mehr, ich bin Euch Jungs ewig dankbar – so individuell, schnell und komplex wie das Spiel geworden ist.“ Der leidgeprüfte, weil in seiner Laufbahn mehrmals von ernsten Verletzungen gebeutelte Ex-Nationaltorwart des HSV, vermittelte den Anwesenden auf der abschließenden Podiumsdiskussion jenes Gefühl, lieferte den Referenten und Teilnehmern der dreitägigen Wissensmesse jene Bestätigung, die sie stellvertretend für eine ganze Branche in Anspruch nehmen können – und sollten.

Über 200 Teilnehmer waren auf den Venusberg nach Bonn gekommen, um der von Marek Joschko und Robert Heiduk zum zweiten Mal ausgerichteten Konferenz beizuwohnen, neue Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln, sich einzubringen, auf Basis neuer Expertisen selbst zu reflektieren – und zu positionieren. Es ging nicht nur um fachspezifische Inhalte an diesem ersten Wochenende im September, nicht nur um Wissenstransfer und die Konfrontation mit neuen Trainings-Ansätzen, neuen Methoden, Konzepten und Philosophien. Die auch medial aufmerksam verfolgte Informationsbörse diente rund um die zahlreichen Workshops, Vorführungen, Referate und Ausstellungen nicht nur als sportart-übergreifende Kontaktplattform. Sie war und bot freilich all das. Sie setzte vor allem aber auch ein Ausrufezeichen hinter das bewusst etwas plakativ gewählte Motto der sonntäglichen Gesprächsrunde, „Athletiktrainer – Fußabtreter oder Fitness-Guru?“.
    

Athletiktraining inzwischen immer bedeutender, Individualisierung immer wichtiger

Angesichts der von Adler vor Ort noch einmal hervorgehobenen, zunehmenden Bedeutung der Bereiche Athletik, Fitness, Rehabilitation, Prävention, Regeneration und Leistungsmaximierung im Spitzensport – und hier vor allem im komplexen Mannschaftssport, primär im medial lückenlos durchleuchteten Profifußball –, hatte sich der Veranstalter schon im Vorfeld in Stellung gebracht und angemahnt: „Das kurzfristige Erfolgs- und Profitdenken steht dem langfristigen Leistungsaufbau und oftmals auch der vollständigen und nachhaltigen Genesung der Spitzensportler entgegen“, so Robert Heiduk, selbst Diplom-Sportlehrer und mit dem Hochschulsport der Uni Bonn als Sportwissenschaftler in Lehre und Ausbildung von Trainern und Sportlern aktiv. Marek Joschko hatte hinzugefügt: „Soziokulturelle Veränderungen, steigende Professionalisierung und zunehmende kommerzielle Einflüsse verlangen eine klare Standortbestimmung unseres Berufstandes“. Er wird sogar noch deutlicher: „Wir müssen uns dagegen wehren, in den Vereinen Fußabtreter oder Blitzableiter der sportlichen Leitung zu sein.“  Ein (Auf-)Begehren, welches in vielen bilateralen Gesprächen im Rahmen der Konferenz vernehmbar war – und auch auf dem Sonntags-Podium thematisiert wurde.

Vor allem die Kommunikationssteuerung und Informationskoordination im Trainer- und Betreuerstab rund um die Aktiven war im Verlauf des Wochenendes ein immer wiederkehrender Aspekt: „In einem Profiklub ist die Prozesskoordination von ganz besonderer Bedeutung und Wichtigkeit. Sämtliche Informationen müssten zusammenfließen und dann gefiltert an den Cheftrainer gehen“, betont Dominik Suslik, Athletiktrainer unterhalb der Profis bei Hannover 96, zudem auch für den Handballbundesligisten Hannover-Burgdorf und zuvor beim Ligarivalen Melsungen tätig. Er fordert eine Art „Belastungs-Management“ – eine Ebene, die jeder Spitzenverein dringend einziehen müsse in seine Strukturen rund um die Mannschaft. Die ebenfalls anwesenden Kollegen Thomas Wilhelmi (FC Bayern München) und Andreas Beck (Borussia Dortmund) konnten von derartigen Strukturen und einem koordinierten Austausch aller Bereiche, vom Mediziner über den Physiotherapeut bis hin zum Reha-Coach und Athletiktrainer, zwar berichten, doch wurde im Rahmen der Konferenz auch deutlich, dass nicht jeder Verein – auch nicht jeder Erstligist – derart aufgestellt ist. Mit teils negativen Folgen. Für den Spieler, aber auch in Sachen Außendarstellung. Denn in der öffentlichen Wahrnehmung werden selten alle Aspekte und wissenschaftlichen Erkenntnisse der athletischen Ausbildung von Hochleistungssportlern ausgeleuchtet.

Die Gier nach der Prognose eint Spieler, Trainer und Medien

Meist reduziert sich das Interesse auf die Frage: Wie schnell ist der Athlet nach seiner Verletzung wieder einsatzbereit? Die Berichterstattung ist selten ausreichend fundiert. Und beim Versuch, komplexe Sachverhalte möglichst knapp und einfach zu umschreiben oder ‚abzuhandeln’, schleichen sich zwangsläufig Fehler ein. Die Schnelllebigkeit der Nachrichten und die Gier auf vermeintliche News stehen dem Anspruch an eine fundierte, sachgerechte Berichterstattung zunehmend im Wege. Aber nicht nur dort: Auch viele Vereine lassen sich unter dem Druck der Öffentlichkeit oftmals zu wenig belastbaren, verfrühten Bulletins hinreißen, wann mit dem oder der Verletzten voraussichtlich wieder gerechnet werden könne. Und setzen sich damit selbst noch zusätzlich unter Druck. Sogar in der Trainerszene herrscht aufgrund der hohen Komplexität und der vielfältigen konzeptionellen Ansätze im Umgang mit dem Bewegungsapparat oftmals gefährliches Halbwissen – bzw. Uneinigkeit. Viele aktuelle Beispiele allein in der jüngeren Vergangenheit verdeutlichen dies. Das breite Spektrum zwischen Fitnesscoach, Physiotherapeut, Vereinsarzt und sportlicher Leitung birgt die Gefahr mangelhafter bis fehlerhafter Kommunikation, Athletik-Experten werden nicht selten zu Erfüllungsgehilfen der Cheftrainer degradiert. Leidtragende sind dann stets die Aktiven.

Belastungs-Manager als zusätzliche, koordinative Instanz

„Spieler sind leider oft Spielbälle“, kritisiert Suslik, man müsse den Komplex Reha/-Athletik „eigentlich von ihm fernhalten und somit auch von seiner persönliche Erwartungshaltung“ – und der des Trainers. „Jeder Trainer, jeder Sportdirektor würde am liebsten immer nur hören: Der spielt am Wochenende wieder ...“. Es sei aber eine Unart von Trainern, den Spieler selbst ständig zu fragen, wie sein Gesundheitszustand ist: „Die Chefcoaches sollten diesbezüglich zunächst den Arzt, Reha- und Athletiktrainer fragen.“ Hierfür seien Datensammler und Bindeglieder, also regelrechte Belastungs-Manager, eigentlich unabdingbar. Der Fußballlehrer werde vor dem Hintergrund seiner Ausbildung als ‚heiliger Gral’ verstanden, als ‚höchstes Gut’ – eine Betrachtung, die Suslik indes nicht unwidersprochen hinnehmen möchte in der Ausübung seines Berufs – und damit: in der Arbeit mit dem Sportler. Fitness, Prävention, Rehabilitation und – ein Punkt, den auch Thomas Wilhelmi vom FC Bayern ansprach – Regeneration bedürften einer entsprechenden Expertise, die nicht vom Wunsch nach der schnellstmöglichen Rückkehr des Spielers geprägt ist.  Suslik verkörpert das neue Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Athletiktrainer. Er würde mit seiner Art vermutlich in so mancher Struktur eines Fußball-Bundesligisten anecken.

Die eigene Rolle wahr- und annehmen

Thomas Wilhelmi und Andreas Beck indes arbeiten mit der ersten Mannschaft der Bayern bzw. des BVB. Sie brachten ihr Verständnis von der eigenen Rolle zum Ausdruck. Wilhelmi, der mit den dauerverletzten Superstars Franck Ribéry und Arian Robben alle Hände voll zu tun hat, reflektiert seinen Status beim Branchenprimus folgendermaßen: „Wir Athletiktrainer sind ähnlich wie Physiotherapeuten, Osteopathen, Masseure oder Ernährungsberater etc. kleine aber wichtige Mosaikseine für das große Ganze. Nicht mehr und nicht weniger.“ Auch er sagt: „Alle Verantwortlichen intern sollten jederzeit über den Stand einer Verletzung informiert sein. Nur so kann ein effektives Arbeiten intern möglich gemacht werden. Auch die Kommunikation mit dem Cheftrainer sollte stets offen und jederzeit möglich sein. Ein harmonisches und hochprofessionelles Miteinander, bei dem es einzig und allein um die Sache an sich geht, ist eine absolute Grundvoraussetzung für das Wohl des Spielers und den Erfolg insgesamt.“ Sich selbst sehe er als Zuarbeiter, sagte er im Rahmen der Podiumsdiskussion. Wilhelmi versuchte aber vor dem Hintergrund seines beträchtlichen Erfahrungsschatzes auch, den Blick auf und für die Realität zu schärfen, als er einräumte, dass er und seine Liga-Kollegen gewiss alle am liebsten noch mehr Zeit mit den Rekonvaleszenten bzw. Spielern verbringen wollen würden,  als dies im Rahmen der strukturellen, vor allem aber auch zeitlichen Gegebenheiten möglich sei. Die Leistungssteuerung obliege nun mal dem Chefcoach und dessen unmittelbarem Verbindungsmann. Der Athletiktrainer sei Teil eines Teams und nicht dazu da, sich vollumfänglich auszuleben oder sich in den Vordergrund zu stellen. Das gäben die Umstände nun einmal nicht her. Wilhelmis Botschaft an die Audienz ließe sich in etwa so widergeben: Verstehe Deine Rolle. Nimm Dich nicht zu wichtig, akzeptiere auch mal Kompromisse.

Andreas Beck, der ebenfalls von einer immer stärkeren Individualisierung im Athletik- und Rehabilitations-Bereich sprach, schloss sich Wilhelmi an: „Die Kommunikation untereinander muss stimmen angesichts der Vielzahl an Beteiligten, die mit der Athletik- und Fitness-Steuerung zu tun haben. Im Fokus aber steht der Cheftrainer. Der muss vorne erklären und den Kopf hinhalten. Mir ist es übrigens durchaus recht, nicht an der Front zu stehen.“ Voraussetzung dafür: Stimmige Strukturen und möglichst wenig Informationsverlust innerhalb des Funktionsteams. Beim BVB seien diese Voraussetzungen gegeben, betont er. Und auch beim FC Bayern, der jüngst seinen medizinischen und athletischen Bereich neu aufstellte, gibt es den von Wilhelmi angeführten Verbindungsmann in Person von Lorenzo Buenaventura, den Pep Guardiola bei Amtsantritt an der Säbener Straße mit in seinen Stab, den ‚Inner Circle’ nahm – ein völlig normaler Vorgang, wie Wilhelmi (Vortragsthema: ‚Return to Play Strategien im Spitzenfußball am Beispiel des FC Bayern München’) betonte.

Der Reha- und Fitnesscoach als Psychologe und Beschützer

Mit dem durchaus provokanten Motto der Talkrunde konnten sich indes weder er noch Beck recht identifizieren. Beide fühlten sich weder zu wenig wertgeschätzt, noch innerhalb des Funktionsapparats ihres Arbeitgebers an den Rand gedrängt. Dass mancher der anwesenden Kollegen davon zu berichten wusste, nicht nur einmal gehört zu haben, man solle „sich nicht so wichtig nehmen“, verdeutlicht nur die Komplexität des Themas. Ebenso René Adlers Hinweis auf die ‚Soft Skills’, über die der Athletiktrainer verfügen müsse: „Cheftrainer üben bisweilen schon verdammt viel Druck aus – das ist klar. Sie wollen, dass ihre Spieler spielen. Es ist daher eine wichtige Leistung der Athletiktrainer und Physios, uns zu schützen und auch mal dagegen zu halten, mal Position zu beziehen gegenüber dem Chef. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass natürlich auch jeder Betroffene selbst so schnell wie möglich wieder auf den Platz will. Eine Reha beispielsweise aber geht nicht immer linear nach oben. Da spielen auch Existenzängste oftmals eine Rolle. Die psychologische Komponente ist daher auch extrem wichtig. Die müssen die Reha- und Fitnesstrainer auch noch mitbringen. Darum muss der Athletikcoach manchmal eine Schutzfunktion übernehmen und dagegen halten.“ Eine Erfahrung, die wiederum Susliks Thesen untermauert. Eine Kategorisierung indes war schließlich auch weder Ziel der Athletik-Konferenz, noch war sie möglich oder gar nötig.

Fundierte Ausbildung als Grundvoraussetzung für den Berufseinstieg

Völlige Übereinstimmung herrschte auf dem Venusberg in punkto Ausbildung. Noch ist der Begriff Athletiktraining kein trainings¬wissenschaftlicher Fachterminus. Die fehlenden Rahmenrichtlinien in der Ausbildung lassen noch immer eine Grauzone entstehen. Andreas Beck forderte: „Ein Master in Sportwissenschaft sollte Zulassung-Grundlage sein.“ Anschließend müsse der Coach sukzessive Erfahrungen sammeln – vom Nachwuchs- bis hinein in die Profi-Ebene. Auch Thomas Wilhelmi äußerte sein Unbehagen, wenn vermeintliche, aber schlecht ausgebildete Fitness-‚Experten’ in den Markt drängen und ohne ausreichende Grundlagen Hand anlegen würden. Seriosität sei unerlässlich. Die Bereitschaft, dazuzulernen, sich weiterzubilden gleichermaßen.

Der wahre Lohn der Arbeit

Umso wichtiger war der Meinungs- und Erfahrungsaustausch, der Einblick in die Expertise von Kollegen – wie in Bonn an jenem Wochenende, das schlussendlich eine Vielzahl gemeinsamer Nenner zutage förderte: Die Wichtigkeit des Wissenstransfers. Die Notwendigkeit der (Selbst-)Reflektion. Die Bereicherung durch den Blick über den Tellerrand hinaus und in andere Vereine, Konzepte und Sportarten hinein. Das Recht auf Emanzipation – wo diese erforderlich ist – im Einklang mit den Gegebenheiten. Und nicht zuletzt: Das Hochgefühl, im Umgang und in der Arbeit mit Menschen erfolgreich zu sein. Comeback-Momente, verriet Thomas Wilhelmi, „sind doch das herrlichste für uns. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ein Spieler zurückkommt nach monatelangem Training und ein gutes Spiel abliefert. Da hab ich auf der Bank oder auf der Tribüne sogar manchmal Tränen in den Augen. Man hat bisweilen wochen-, oder monatelang mit dem Spieler gearbeitet und mitgelitten – und dann ist dessen gelungene Rückkehr der Lohn für unserer Tätigkeit.“


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