Schweizer über das Gefühl zwischen Leben und Tod
Jochen, du hast ja als Stuntman und Extremsportler bereits viel in deinem Leben gemacht. Bungee-Springen aus dem Helikopter, Kajak-Touren bei denen du Wasserfälle hinuntergesprungen bist, Fallschirmsprünge, und noch einiges mehr. Dass diese Unternehmungen nicht ganz ungefährlich, teilweise lebensgefährlich sind, liegt auf der Hand. Ich habe vor einiger Zeit mit Hans-Jörg Auer gesprochen. Auer ist eine 1200 m lange Klettertour ohne Seil geklettert. Er beschrieb das Gefühl zwischen Leben und Tod zu stehen wie eine Droge. Ging es dir ähnlich?
Ich würde es nicht als Droge bezeichnen, sondern als einen Zwischenzustand. Man begibt sich in eine Zwischenwelt, in eine Nichtwelt, die eigentlich für uns Menschen nicht gedacht ist. Man tritt aktiv in diese Zwischenwelt ein und gewinnt daraus Kräfte und Erkenntnisse, die man ansonsten nicht gewinnen würde.
War das Gefühl nicht so intensiv, dass du es immer wieder erleben wolltest, sich vielleicht eine „Sucht“ entwickelt hat?
Sucht ist etwas, das mich kontrolliert und deswegen ist der Begriff für mich auch negativ behaftet. Ich war nie süchtig, aber ich war – und bin es nachwievor – extrem lebenslustig. Ich liebe die Lust am Leben und bestimme mein Leben gerne selbst und frei. Für diese Freiheit bin ich bereit auch Risiken in Kauf zu nehmen.
Ist also ein Bungee- oder Fallschirmsprung dann Freiheit für dich?
Das ist unterschiedlich. Beim Bungee-Sprung ist das eine Mischung aus Anspannung und Hingabe. Zunächst Angst und Anspannung, dann Überwindung der Angst und schließlich Hingabe. Dazu kommt Schwerelosigkeit am oberen Umkehrpunkt des Rebounds. Beim Fallschirmsprung hingegen ist es wirklich etwas Befreiendes. Man sitzt in diesem engen Flugzeug und es ist eine Gnade, wenn man endlich rausspringen darf. Man nimmt es also ganz unterschiedlich wahr.
Du hast gemeint du nimmst Risiken für diese Freiheit in Kauf. Damit entscheidest du für dich. Aber wie sieht es mit den Leuten in deinem Umfeld aus, deinen Freunden, deiner Familie. Denen tut man mit solchen Aktionen ja nicht unbedingt einen Gefallen…
Warum nicht?
Weil sie in gewisser Weise ja auch mitleiden, sich Sorgen machen, überlegen „was wäre, wenn…“. In deiner Biographie beschreibst du eine Szene, in der dich dein damals 8-jähriger Sohn Max anruft, bevor du dich zu deinem 1.000 Meter Bungee-Sprung aus dem Flugzeug (Weltrekord!) aufmachst. Er versucht dich davon zu überzeugen, dass du nicht springen sollst.
In dieser Beziehung gilt für mich: Was ich meinen Kindern damals angetan habe, das zahlen sie mir heute zurück. Der Max ist Rennfahrer geworden und immer wenn er fährt, habe ich wahrscheinlich einen höheren Puls als er selbst im Auto.
Ausgleichende Gerechtigkeit sozusagen…
Ganz genau.
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