Schweizer über Rückschläge

Du bist Anhänger des Buddhismus, genauer des Zen. Wie kam es dazu?
Aus der Niederlage. Wir sind ja alle doch nur Menschen und wenn man den ersten großen Aufschwung erlebt, das erste große Geld verdient, dann glaubt man, man sei unschlagbar. Du rennst rum, und glaubst du bist der Größte. Dadurch entwickelt man eine gewisse Arroganz, man wird unrealistisch oder leichtsinnig und dann schlägt das Schicksal zu. Man bekommt auf die Mütze und plötzlich sitzt man da, schüttelt sich und denkt sich „uups, what happend?“. Und ich habe in meinem Leben mehrere solche Niederschläge weggesteckt. Mit jedem Niederschlag bin ich etwas weiser geworden, ein bisschen weniger empfänglich für die Risiken des Erfolges und ein bisschen bewusster, dass er tatsächlich nichts bedeutet. Insofern erreicht mich der Erfolg, den ich heute habe, überhaupt nicht mehr. Früher wäre ich wahrscheinlich völlig abgehoben. Für mich ist das heute lediglich einer von mehreren möglichen Zuständen. Aber, so blöd es klingen mag, mir ist es egal, es hat auf mich keine Auswirkung mehr.
Man sieht das im Verhalten der Medien. Bist du erfolgreich, heben sie dich auf den Schild. Greifst du ein paar Mal daneben, schmeißen sie dich wieder runter.

Ein solcher Schicksalstag war sicher der Tag des Unfalls 2003, als ein Bungee-Springer an deiner Anlage am Dortmunder Fernsehturm tödlich verunglückte. Du sagst, diese Tragödie hat dein Leben in zwei Teile geteilt. Ein Leben vor und eines nach dem Unfall. Beschreibe dich doch einmal mit je fünf Adjektiven davor und danach…
(überlegt sehr lange)… Oh das fällt mir sehr schwer. Es tut mir leid, ich kann es nicht in so ein Raster bringen, ich kann es nicht sagen. Ich kann es umschreiben, aber nicht in Adjektive packen.

Dann umschreibe es doch bitte…
Ok, wie war ich vorher und wie war ich nachher… Ich glaube, die eigentliche Tragödie für mich persönlich war der Verlust der Unbeschwertheit. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ein Bungee-Seil nicht reißen kann. Aber dieses Seil ist gerissen, obwohl es eigentlich nicht reißen kann. Technisch, physikalisch sind so hohe Sicherheiten eingebaut, dass es eigentlich nicht reißen kann. Das heißt, du gehst durch die Welt, hast 600.000 Sprünge ermöglicht, bist selbst 3.000 Mal gesprungen – und zwar in ganz anderen Dimensionen, bei denen die Seile viel stärker beansprucht werden – und hast ein absolutes Gottvertrauen in dieses Seil. Und dann plötzlich reißt ein Seil! Das ist, wie wenn dir jemand den Boden unter den Füßen wegzieht.

Das Gespräch mit dem Vater des Verunglückten war auch aus diesem Grund sehr ergreifend für mich und hat mich sprichwörtlich aus den Angeln gehoben. Ich habe, als bekennender und liebender Vater, das Leid und den Schmerz des Vaters, selbst spüren können. Nicht kognitiv, sondern in meinem Sonnengeflecht. Und das hat mich so stark erreicht, das hat mir so unendlich leidgetan, das kann ich nicht in Worte fassen. Es hat mich für Monate niedergestreckt. Das ist auch der Grund, warum ich trotz des finanziellen Drucks diese Sprungrampe demontiert habe. Ich habe damit auch ein Versprechen eingelöst, das mir der Vater abverlangt hat. Ich musste ihm versprechen, dass ich nie wieder jemanden von dieser Rampe springen lasse. Die Demontage hat finanziell in einen spektakulären Verlust gemündet. Dennoch bin ich nach wie vor überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, auch wenn meine Firma daran fast zu Grunde gegangen wäre. Genauso war es aber auch richtig, die anderen Sprunganlagen nach neuerlicher Überprüfung durch den TÜV wieder frei zu geben.

Und was hat dich bewegt, die anderen Anlagen wieder aufzumachen? Jetzt war etwas passiert, jetzt gab es einen Toten beim Bungee-Springen…
Ich habe in derselben Minute, in der ich von dem tragischen Unfall erfuhr, alle Anlagen schließen lassen. In wochenlangen, durch Gutachten belegten Überprüfungen habe ich zunächst mal sichergestellt, dass alle Anlagen o.k. sind. Mit diesen Erkenntnissen gerüstet, kam dann natürlich die Frage auf: Was machen wir jetzt? Hätte ich meine Anlagen nicht wieder eröffnet, hätte ich ja nicht verhindert, dass Bungee gesprungen wird. Ich hätte lediglich für andere Anbieter den Raum freigegeben, die vielleicht ein weniger weit entwickeltes Sprungsystem auf den Markt gebracht hätten. Zum anderen hatte ich einmal eine Entscheidung gefällt und diese hieß: Ich mache den Bungee-Sprung für jedermann möglich. Das, was passiert ist, kann man nicht rückgängig machen. Man kann aber daraus Erkenntnisse ziehen. Und natürlich ist das Risikoprofil, das mit einem Bungee-Sprung, einem Eiskletterkurs oder einem Kunstflug im Doppeldecker verbunden ist, ein anderes, als das einer Wellnessmassage, eines Candle Light Dinners oder eines Golf-Schnupperkurses. Was ich nicht beeinflussen kann, ist das individuelle Risikoprofil jedes der über 1.000. Erlebnisgeschenke, die wir heute anbieten. Ich kann nur beeinflussen, dass alle diese Aktivitäten innerhalb ihres individuellen Risikoprofils mit der höchstmöglichen Sicherheit durchgeführt werden. Wer sich also dazu entscheidet, einen Kunstflug im Doppeldecker zu machen, der muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit einem anderen Risikoprofil unterliegt, als wenn er zum Floating geht.

Es ist also so, dass die höchstmögliche Sicherheit gegeben ist, soweit sie beeinflussbar ist. Der Teilnehmer trägt aber selbst ein gewisses Restrisiko, das die Sportart mit sich bringt…
Genau. Man kann es mit Auto- und Motorradfahren vergleichen. Autofahren ist wesentlich sicherer, Motorradfahren bringt aber eine Menge mehr Spaß. Und meine Aufgabe ist es nicht, den Menschen zu sagen: „Fahre Auto!“ oder „Fahre Motorrad!“. Ich stelle beides so sicher als möglich bereit. Aber die Entscheidung, was jeder tun möchte, liegt bei ihm selbst. Ich persönlich habe für mich schon in meiner frühen Jugend entschieden, dass ich bereit bin, ein wenig mehr Risiko einzugehen, um viel, viel mehr zu erleben. Aber diese Entscheidung fällt jeder Mensch individuell für sich selbst.


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