Claudia Nystad über Gedankenspiele und soziale Engagement
Frage: Sie gelten für die Norwegerinnen und Norweger als „Drama-Queen“, nachdem sie den Nordländerinnen schon einige Male „gutes Edelmetall“ wegschnappten. Sie sind nun seit fünf Jahren mit dem Norweger Trond Nystad verheiratet. Angesichts der „ewigen Kritik und Nörgeleien `Made in Germany`“ hatten Sie da schon einmal gedacht: „Das alles tue ich mir hier nicht mehr an. Jetzt starte ich für Norwegen.“?! Wie beurteilen Sie generell den Stellenwert des Skilanglaufes in Deutschland?
Claudia Nystad: Ich habe in der Tat darüber nachgedacht, nach der Heirat die norwegische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Aber die Konkurrenz in Norwegen ist auch nicht gerade einfach. Außerdem bin ich jetzt sehr froh, dass ich es nicht getan habe, weil mir so die schönen Momente entgangen wären, die ich mit Evi bei dem Teamsprint in Vancouver 2010 erlebt habe.
Der Stellenwert von Skilanglauf in Deutschland ist meiner Ansicht nach sehr hoch, da durch die vielseitigen Wettkampfarten und interessanten Massenstarts enorme Spannung aufgebaut wird.
Im Vergleich zu Biathlon haben wir allerdings in den letzten Jahren in Sponsoren-Hinsicht und an Publicity etwas verloren.
Frage: Gerade die deutschen Winter-Olympionikinnen in Whistler und in Vancouver überzeugten, ob Biathletin Magdalena Neuner, die Skifahrerin Maria Riesch bzw. Viktoria Rebenburg, Rodlerin Tatjana Hüfner, die Skeletoni Kerstin Szymkowiak oder Anja Huber, Paarläuferin Aljona Sawtschenko, (Bobfahrerin Sandra Kiriasis), die Eisschnellläuferinnen Jenny Wolf bzw. Stephanie Beckert oder nun Evi und Sie. Schinden sich Sportlerinnen mehr als ihre Kollegen? Sind sportive Frauen willensstärker und selbstkritischer – und schieben Misserfolge nicht nur auf äußere Umstände? In Deutschland gibt es ja nicht nur im Sport die viel zitierte „Frauen-Power“?
Claudia Nystad: Der Grad zwischen Erfolg und Misserfolg ist sehr schmal. Ich denke nicht, dass es in dieser Hinsicht einen Unterschied gibt, zwischen uns deutschen Frauen und deutschen Männern. Wir sind alle ausgebildet in dem gleichen und einzigartigen Sportförderungssystem (Sportschulen, Sportfördergruppen Bundeswehr und Bundespolizei, ect.). Erfolg ist eher ein Faktor von Talent und unterstützendem Umfeld und hat weniger zu tun mit spezifischen männlichen oder fraulichen Qualitäten.
Frage: Sie gehören zu den Sportlerinnen, die auch über den sportlichen Tellerrand hinausblicken, sich für soziale Projekte engagieren. So versteigerten sie zu Gunsten der Stiftung "Hänsel und Gretel", die Kinderschutzprojekte für missbrauchte Kinder fördert, ihre olympische Staffel-Goldmedaille 2002. Sich von der olympischen Goldmedaille zu trennen, die ja das „Nonplusultra“ für eine Sportlerin bzw. einen Sportler symbolisiert, ist Ihnen dieser Schritt nicht schwer gefallen? Gibt es einen ganz besonderen Beweggrund für Ihr soziales Engagement?
Claudia Nystad: Die Medaille an sich ist das Symbol für den Schweiß, das Blut und die Tränen. Wichtiger für den Athlet ist der lange Weg, den man gehen muss, um zu den Olympischen Spielen zu kommen und die Emotionen, die sich während dem Weg dorthin bzw. danach auftun. Mir ist dieser Schritt überhaupt nicht schwer gefallen, weil es das erste Mal war, dass ich mit meinem Namen anderen Menschen in Not helfen konnte. Ich fühle mich eher privilegiert, dass ich in einer Situation bin, in der dieses soziale Engagement im großen Stil möglich ist.







