Prof. Dr. Jürgen Beckmann
Prof. Dr. Jürgen Beckmann

Prof. Dr. Jürgen Beckmann

Fußball / Dekan der Fakultät für Sportwissenschaft der Technischen Universität München, Lehrstuhlinhaber für Sportpsychologie an der TUM, Direktor Sportpsychologisches Zentrum TU München

Prof. Dr. Beckmann promovierte in Psychologie an der Universität Mannheim 1984. Er habilitierte mit venia legendi für Psychologie in Mannheim 1987 und München (LMU) 1992. Er war Gastprofessor am Center for Complex Systems der Florida Atlantic University; Boca Raton, USA 1993; Von 1997 – 2006 war er Professor für Sportpsychologie an der Universität Potsdam. Er war Präsident der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie von 2005-2009.

Wie erkannt man eine Depression, wie geht man mit ihr um?

netzathleten: Wie erkennt man eine Depression bei sich? Wie bei anderen?
Prof. Dr. Beckmann: Ein Zeichen, dass man an sich selbst beobachten kann, ist eine länger anhaltende Traurigkeit, die zunehmend von Verlust an Interesse begleitet wird. Es stellt sich auch zunehmend ein Gefühl der Leere ein. Bei anderen kann man auch den Verlust an Interessen beobachten, dass sie sich nicht mehr freuen können, dass ihr Gesicht keine emotionalen Regungen mehr zeigt. Unklare körperliche Symptome (Schwindel, Kopfschmerz, Kloßgefühl im Hals, undefinierte Schmerzen in der Brust) können in Kombination mit den anderen Merkmalen ebenfalls ein Hinweis sein.

netzathleten: Warum wird diese Krankheit so oft unterschätzt? Warum kommt bei Vielen die Hilfe zu spät?
Prof. Dr. Beckmann: Zwar hat die Depression als Krankheit in der Öffentlichkeit mittlerweile mehr Akzeptanz gefunden, aber Menschen versuchen immer noch zu verbergen, dass sie an einer psychischen Erkrankung leiden. Zum Teil werden dann die körperlichen Beschwerden in den Vordergrund gestellt. Damit wird das eigentliche Leiden maskiert.

netzathleten: Wie muss man mit einer Depression umgehen, was kann man für sich tun. Was kann man für den anderen tun?
Prof. Dr. Beckmann: Es ist dringend anzuraten, möglichst frühzeitig einen Experten (Arzt für Psychiatrie, Psychotherapeuten) aufzusuchen. Eine Depression lässt sich heutzutage sehr gut heilen. Allerdings muss sie konsequent und eben möglichst frühzeitig durchgeführt werden. Die Therapie wird aus (richtig – nicht zu niedrig dosierten) Antidepressiva (möglichst Serotonin oder Noradrenalin Wiederaufnahme-Hemmer) und einer Psychotherapie bestehen. Diese sollte auch lang genug fortgeführt werden, um einen Rückfall zu vermeiden, der dann alles verschlimmern würde. Anderen kann man helfen, sich auf diesen Weg zu begeben und deutlich machen, dass Depression ein ernst zu nehmendes aber heilbares Leiden ist, das man nicht verbergen muss.

netzathleten: Wir haben darüber gesprochen, dass Leistungssportler aufgrund der Gegebenheiten Depressionen bekommen können. Können Sport, Zusammenhalt in einer Mannschaft, körperliche Fitness auch vor Depressionen schützen oder diese sogar heilen?
Prof. Dr. Beckmann: Wenn man vom Breitensport ausgeht, kann man das durchaus bejahen. Studien haben bewiesen, dass Sport depressionspräventiv beziehungsweise heilend wirken kann, vorausgesetzt es handelt sich um eine leichte bis mittelschwere Depression. Bei schwereren Depressionen ist Sport allein nicht ausreichend. Hier ist ein Gesamtprogramm notwendig. In vielen Kliniken wird die körperliche Betätigung neben der psychologischen Behandlung eingesetzt. Oftmals wird hier das Salutogenese-Modell befolgt. Dieses Modell befasst sich mit der Frage, wie Gesundheit entsteht und beleuchtet dabei körperliche, geistige und soziale Aspekte. Insbesondere der gemeinsame Sport mit anderen Menschen kann hinsichtlich aller Aspekte positiven Einfluss entwickeln und so die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten erheblich senken.

netzathleten: Was ist Angehörigen anzuraten, die durch Suizid ein Familienmitglied bzw. einen Freund verloren haben? Sind solche Menschen automatisch auch potentiell depressionsgefährdet?
Prof. Dr. Beckmann: Potentiell besteht natürlich eine gewisse Gefahr. Schließlich ist der Tod eines geliebten Menschen ein traumatisierendes Ereignis. Wie die Verarbeitung verläuft, ist natürlich sehr stark von der Persönlichkeit und der genetischen Prädisposition des Betroffenen abhängig. Falsch wäre es jedenfalls zu versuchen, die Situation ganz allein bewältigen zu wollen. Es ist sehr ratsam, Menschen um sich zuhaben, die einem helfen und Trost spenden. Ein guter Freund kann hier schon ausreichen. Allerdings sollte man gut beobachten, in welche Richtung sich die Verfassung des Betroffenen entwickelt und bei einer eintretenden Depression so früh wie möglich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

netzathleten:
Prof. Dr. Beckmann, vielen Danke für Ihre Zeit und das aufschlussreiche Interview.

Wir möchten unser herzliches Beileid Teresa Enke und der kleinen Leila ausdrücken und wünschen ihnen viel Kraft und Halt für die schwere Zeit.

Das Interview führte Maria Poursaiadi.

Seite 1: Interview mit Prof. Dr. Jürgen Beckmann – Depressionen und Leistungssport
Seite 2: Was ist eine Depression?
Seite 3: Wie erkannt man eine Depression, wie geht man mit ihr um?

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