Gilt der Heimvorteil im Fußball noch?

Gilt der Heimvorteil im Fußball noch?

Mittlerweile gibt es einige Untersuchungen zu den angeblich unumstößlichen Fußballgesetzen. Das Dogma, dass der gefoulte Spieler nie den anschließenden Elfmeter treten sollte, hat sich dabei als ebenso überholt erwiesen wie ein anderer Mythos: der Heimvorteil.

Fragt man vor einer Pokalauslosung bei Spielern und Verantwortlichen nach, welchen Gegner sie denn gerne zugelost bekämen, dann bekommt man oft ein „Egal. Hauptsache, wir haben ein Heimspiel” zu hören. Im Europapokal ist es nicht viel anders: In den K.O.-Runden hoffen die meisten Mannschaften darauf, zuerst auswärts ran zu müssen – um dann vor heimischer Kulisse im Rückspiel vielleicht noch einmal alles drehen zu können. Zu Hause zu spielen, scheint also ein echtes Faustpfand zu sein…

Der Heimvorteil schwindet – zumindest in der Bundeliga


Eine Diplomandin der TU Dortmund hat sämtliche Spiele der Bundesliga ab 1963 unter die Lupe genommen. Hierbei wurde deutlich, dass es den Heimvorteil tatsächlich einmal gab: In den ersten 25 Jahren der Bundeliga haben die Heimmannschaften 55 Prozent der Spiele gewonnen. In den letzten 20 Jahren waren es dagegen nur noch knapp 48 Prozent.

Nimmt man die Zahlen der laufenden Saison (das erste Saisondrittel ist gerade absolviert), beträgt die Quote der Heimsiege sogar nur 40 Prozent. Dem gegenüber stehen 32 Prozent Auswärtssiege. Der Heimvorteil in der Bundesliga schwindet also, doch nicht nur hier: Auch in der spanischen und englischen Liga nimmt die Zahl der Heimsiege ab. In Italien dagegen, wo das 0:0 zum nationalen Kulturgut gehört, gab es den so genannten Heimvorteil im Übrigen noch nie…

Sportpsychologie steht vor Rätsel


Erklärungsversuche gibt es viele, doch einig sind sich die Sportpsychologen dieser Welt eigentlich nur darin, dass alle Faktoren, die normalerweise als vorteilhaft im eigenen Stadion gelten, separat betrachtet das Ergebnis kaum beeinflussen. Ein Beispiel: Kanadische Wissenschaftler haben sich in einer Untersuchung vor wenigen Jahren dem Einfluss des Publikums auf das Endergebnis gewidmet. Hierbei stellten sie u.a. fest, dass ein amerikanisches Baseballteam im heimischen Stadion deutlich bessere Ergebnisse einfahren konnte, als das Publikum wegen Pandemiegefahr draußen bleiben musste.

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Mannschaften leistungsmäßig enger zusammengerückt sind. Vor allem in der Bundesliga kann jeder jeden schlagen. Siege des Tabellenletzten beim -ersten sind zwar nicht unbedingt an der Tagesordnung, kommen jedoch immer wieder vor. Hinzu kommt, dass Spitzenfußballer heutzutage professioneller und weltläufiger sind als etwa noch vor 30 Jahren. Den klassischen Heim-Spieler, der nur im eigenen Stadion und in seinem bekannten Umfeld Top-Leistungen bringt, gibt es kaum noch.

Pokalwettbewerbe: Der Vergleich hinkt


Was den DFB-Pokal und den Europapokal angeht, wäre es unfair, eine Heim-/Auswärtssieg-Rechnung aufzumachen. Schließlich haben in der ersten Pokalrunde alle Vereine der 3. Liga und darunter Heimrecht gegen die Proficlubs. Zwar kommt es immer mal wieder zu Überraschungen, doch eine Ausbeute von 90 und mehr Prozent Auswärtssiegen in Runde 1 hat es schon des Öfteren gegeben.

Im Europapokal von einem echten Heimvorteil zu sprechen, wäre ebenso fehl am Platze. Vor allem in den frühen Runden sind die Leistungsunterschiede häufig noch groß, oft setzt sich der Stärkere auch auswärts durch. Wenn es eng wird, also ab dem Viertel- oder Halbfinale, sind die Mannschaften dagegen meist auf Augenhöhe. Hier zeigt ein Blick auf die letzten zehn Champions League-Saisons jedoch, dass auch hier das Heimrecht im Rückspiel nicht so entscheidend ist: In immerhin 43 Prozent der Fälle kam die Mannschaft eine Runde weiter, die zuerst zu Hause antreten musste.

WM: Heimvorteil der anderen Art


Wieder etwas anders sieht es bei den großen Turnieren aus. Hier hat im Grunde nur eine Mannschaft den Heimvorteil, nämlich der Gastgeber. Und hier scheint es den Vorteil tatsächlich auch noch zu geben. Zwar konnte der Ausrichter bei bislang 18 ausgetragenen Endrunden „nur“ sechsmal auch tatsächlich triumphieren (1930 Uruguay, 1934 Italien, 1966 England, 1974 Deutschland, 1978 Argentinien, 1998 Frankreich), doch fast immer schafften es die Gastgeber, an ihrem oberen Limit zu spielen.

Diese Länder schafften bei ihren „Heimspielen“ ihr bislang bestes WM-Ergebnis: Schweden als Zweiter 1958, Chile als Dritter 1962, Mexiko als Viertelfinalist 1970 und 1986, Südkorea als Vierter 2002. Hinzu kommt, dass in der ersten Runde bislang noch kein WM-Gastgeber ausgeschieden ist – ein Fauxpas, der EM-Gastgebern dagegen bereits mehrfach unterlaufen ist, zuletzt den Österreichern und Schweizern 2008.

Randnotiz: Der Heimvorteil scheint auch bei Olympischen Spielen (und bei Leichtathletik- oder Schwimmweltmeisterschaften) zu gelten. So haben die Australier bei den Spielen von Sydney mit insgesamt 58 Medaillen ihr mit Abstand bestes Olympiaergebnis eingefahren. Und auch die Griechen feierten 2004 ihr bestes Ergebnis seit 1896 – damals fanden die Spiele (natürlich) ebenfalls daheim statt.

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Es gibt einen Kommentar

Rick Jakob schrieb am 11.02.10 um 12:21
Rick Jakob
Laut Teipel et al. (Sportpsychologieproffessor in Köln und Jena) ist der Heimvorteil bei gleichmäßig starken Mannschaften aus sportpsychologischer Sicht nicht zu begründen. Teipel schreibt dazu: "Der Heimvorteil existiert, kann aber weder qualitativ, noch quantitativ belegt werden."
Im Übrigen sehe ich die statistische Ausgangslage etwas anders als Marco:
Sehen wir uns im aktuellen Kicker mal die Heim- und Auswärtsstatistik der Teams an. Zwölf der 18 Bundesligateams haben daheim mehr Punkte gesammelt als auswärts. Das entspricht einem Anteil von 67%! Lediglich die Teams aus Bremen, Köln, Wolfsburg, Bochum und Freiburg waren auswärts erfolgreicher als daheim. Lediglich der Club aus Nürnberg hat nach 21 Spielen exakt gleich viele Punkte daheim und auswärts gesammelt: Genau acht.
Dies nur als kleinen Beleg, dass der Heimvorteil nicht schwindet. Lediglich der Nachweis wird immer schwerer, da selbst beste Methoden keinen lückenlosen Beweis führen.
Wichtigste Gründe für den Heimvorteil sind im übrigen unabhängig von den Zuschauern (die oft von den Sportlern als zusätzlicher psychischer Druck empfunden wird):
1. Kenntnis der eigenen Sportanlage
2. Wegfall der Reisestrapazen
3. Mehr Nähe zum persönlichen Umfeld.

Noch vor der Motivation durch die eigenen Zuschauer kommt laut Teipel der durchaus nachweisbare Fakt, dass Schiedsrichter im Verhältnis 56 zu 44 Prozent streitbare, spielentscheidende Entscheidungen zugunsten der Heimmannschaft treffen. Erst auf Rang 5 landet der positive Einfluss der Zuschauer auf die Mannschaft, da gerade die Stadionatmosphäre bei starker Konzentration auf das Spiel von den den Spielern ausgeblendet wird.

Im Übrigen möchte ich noch anmerken, dass die Aussage von Marco "Hier zeigt ein Blick auf die letzten zehn Champions League-Saisons jedoch, dass auch hier das Heimrecht im Rückspiel nicht so entscheidend ist: In immerhin 43 Prozent der Fälle kam die Mannschaft eine Runde weiter, die zuerst zu Hause antreten musste." durchaus auch so ausgelegt werden kann, dass 57% der annähernd gleich starken Mannschaften durch ein Rückspiel im eigenen Stadion weitergekommen sind. Das sind pralle 14% mehr, als wenn das Rückspiel auswärts stattgefunden hätte. Gerade aus der Medizin wissen wir, dass Abweichungen um gerade mal 1 Prozent bereits als "signifikant" bezeichnet werden. Deshalb hätte ich diese Statistik als Argument FÜR den Heimvorteil genutzt.
Natürlich ist es korrekt, den Anteil der Heimsiege zu betrachten. Besser ist es meiner Meinung nach, die Punktverteilung Heim-/Auswärtsspiele einer Mannschaft über einen längeren Zeitraum betrachtet werden sollten, um den Heimvorteil darzustellen.

Liebe Grüße,
Rick

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