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Vorgestern ist ein Skateboarder durch die Medien gegeistert, der eine Abfahrt auf der Autobahn gemacht hat. Nun möchte ich Euch gerne ein paar Hintergrundinformationen zu dieser Abfahrt an die Hand geben.
Sicherlich haben einige von Euch von dem Skateboarder gehört, der auf der A8 bei Stuttgart Downhill gefahren ist. Dieser hat mit seinen Freunden ein Video gedreht und dieses bei Youtube eingestellt. Nachdem BILD dieses Video, das übrigens bereits seit Juni 2008 im Netz steht, bei Youtube entdeckt hatte, lief die Medien-Maschinerie an und jeder wollte ein Stück von dem dicken Kuchen abhaben: In Deutschland lief das Video in der gesamten RTL-Gruppe (RTL, VOX, n-tv…) genauso wie in der Pro7-Gruppe (Pro7, K1, N24…) und sogar im ZDF. Meinen Informationen zufolge wurde das Video sogar weltweit gesendet!
Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieser Skater bin weder ich noch habe ich diese Aktion gefilmt! Aber ich kenne die Hintergründe und diese möchte ich Euch an dieser Stelle gerne aufzeigen:
Vorgestern bekam ich einen Anruf von RTL Explosiv mit der Bitte um ein Interview. Da ich in den Münchner Redaktionen als Verkäufer von Extremsport-Videos mit guten Kontakten in die Szene bekannt bin, kamen sie wohl auf mich. Man wolle ein „Experten-Interview“ zu dem Film auf Youtube haben. Ich hatte das betreffende Video zuvor noch nie gesehen und sah es mir daraufhin an. Mein erster Gedanke: „Naja, nicht zur Nachahmung empfohlen, aber irgendwie schon ganz schön cool!“ Ich musste schmunzeln. Da ich sehr wohl weiß wie solche Aktionen zustande kommen und dass diese Sportler so etwas nicht aus Todesmut machen entschloss ich mich, den Interviewtermin wahrzunehmen bevor RTL sich irgendjemand anderen sucht, der dazu einen unqualifizierten Kommentar abgibt.
Das Interview, das in einer Bar stattfand (ich wollte das nicht bei mir zu Hause machen), entpuppte sich als sehr skurril: Natürlich wusste ich, dass die Redakteurin nur von mir hören wollte, wie verantwortungslos und gefährlich das ganze ist. Da ich mich aber nicht als Mecker-Experte missbrauchen lassen wollte bekam sie von mir zu hören, was ich wirklich darüber denke. Sie hat mir 8-10 Mal immer wieder die gleiche Frage gestellt: „Was kann denn im schlimmsten Fall passieren?“ Und sie hat 10 Mal von mir die gleiche Antwort bekommen. Um 16 Uhr war das Interview beendet, und um 18 Uhr geht Explosiv auf Sendung. Meine Antworten waren offenbar nicht sensationell genug, und so wurde der Beitrag auf Explosiv gar nicht gesendet. Wohl aber ein Beitrag in den RTL Nachrichten mit einem Interview eines Freeboarders (Anm.: ein Freeboard ist nur für den Laien eine Art Skateboard; Skateboarder selbst betrachten das Freeboard definitiv nicht als Skateboard), der den Downhill auf der Autobahn aber durchweg als „cool“ und eine tolle „Promotion für den Sport“ bewertete. Ob das sehr intelligent ist mag ich in Frage stellen.
Dem betreffenden Autobahn-Skater ging indes „der Arsch auf Grundeis“: Aufgeschreckt von den weltweiten Medienberichten (es wurde sogar im neuseeländischen Fernsehen berichtet!) bekam er es mit der Angst vor rechtlichen Konsequenzen zu tun. Von Führerscheinentzug und gar Gefängnisstrafe war die Rede. Die Polizei suche nach ihm!
Bei dem Videoproduzenten des A8-Downhills stand das Telefon nicht mehr still. BILD wollte unbedingt die Exklusiv-Rechte an dem Videomaterial ankaufen und bot dafür vierstellige Beträge! Doch die Rechte wurden nie verkauft. Ein Redakteur einer der beiden großen Deutschen Mediengruppe verriet mir, dass BILD trotzdem schon einmal vorab Abmahnungen an die Sendeanstalten verschickt hatte, dass diese das Video ab sofort nicht mehr ausstrahlen dürften weil sie schon die Exklusivrechte daran hätten. Der Kampf um die Sensation war entbrannt!
Ich halte kurz einmal fest: In den Medien wurde berichtet, dass der Autobahn-Skater bei 100 km/h sein und das Leben Anderer gefährdet habe, nun deshalb Deutschlandweit von der Polizei gesucht werde und bis zu fünf Jahre Gefängnis auf ihn warteten.
Gestern informierte ich mich über die Umstände der Entstehung dieses Videos:
Der betreffende Skateboarder ist einer der weltbesten Downhill-Skateboarder, der bei Weltmeisterschaften und Weltcups schon seit Jahren beständig unter den Top 10 rangiert. Die Abfahrt, für die er sich mit einem Motorrad anziehen ließ, wurde an einem Sonntagmorgen um 6 Uhr durchgeführt, als auf der Autobahn mit möglichst wenig Verkehr zu rechnen war. Der Skater befand sich während der gesamten Abfahrt auf der rechten Fahrspur und wurde zu allen Seiten von an der Aktion beteiligten Fahrzeugen geschützt. Die gemessene Höchstgeschwindigkeit lag bei rund 85 km/h, ein im Vergleich zu inzwischen auf Skateboards erreichten Geschwindigkeiten langsamer Wert. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf dem betreffenden Autobahnabschnitt auf 80 km/h beschränkt, der Skater war also 5 km/h zu schnell.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich behaupten, dass der befahrene Autobahn-Abschnitt für einen erfahrenen Downhill-Skateboarder vergleichsweise leicht zu befahren ist, da es dort keine engen Kurven gibt, der Straßenbelag sehr gut und auch die Fahrbahn sehr breit ist.
Von einem Reporter, der ein Interview mit einem für diese Region und den Vorfall zuständigen Polizisten geführt hatte, erfuhr ich Folgendes: Eigentlich sei man ganz froh, wenn man die ganze Sache bald auf sich beruhen lassen könne, da die Skateboard-Abfahrt auf der Autobahn lediglich den Tatbestand einer Nötigung und des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr darstelle. Eine Nötigung könne nur dann verfolgt werden, wenn jemand diese zur Anzeige gebracht hätte (was nicht der Fall ist), und außerdem sei nichts bei diesem „gefährlichen Eingriff“ passiert. Es bleibe also nicht viel übrig was man überhaupt verfolgen könne! Um jedoch keine Nachahmung zu provozieren kann sich die Polizei natürlich vor laufenden Fernsehkameras nicht dementsprechend äußern.
Wenn man eine solche Berichterstattung sieht sollte man zwischen den Zeilen lesen, um zu einer eigenen, objektiven Beurteilung zu kommen. Denn (zumindest in den mir bekannten Beiträgen) hat nie ein Polizist behauptet, nach dem Skater zu suchen, das wurde immer nur von den Medien behauptet!
Ich hoffe, dass ich Euch hiermit – auch stellvertretend für andere „Sensations-Storys“ – einen differenzierten Einblick in die Vorgehensweise der medialen Berichterstattung geben konnte und den Einen oder anderen dazu anregen kann, sich seine eigenen Gedanken zu solchen Sensationsgeschichten zu machen und nicht einfach alles zu glauben was im Fernsehen oder in den Zeitungen behauptet wird.
Abschließend möchte ich dennoch ganz deutlich sagen: Egal wie ich selbst dazu stehe - ich kann nur jedem von der Nachahmung einer solchen oder auch ähnlichen Aktion abraten! Das Skaten im offenen Straßenverkehr ist grundsätzlich extrem gefährlich und kann zu schweren Verletzungen oder sogar zum Tod führen!
Stichwörter:
Skateboard