(Leichtathletik)
Im August finden die Olympischen Spiele in Peking statt. Es ist in der Tat nicht viel, was die moderne Auflage der Olympischen Spiele mit dem antiken Olympia verbindet. Neben dem Ruhm der Sieger und der Begeisterung in seinem Heimatland sind es einige antike Disziplinen, die auch heute noch als olympische Wettbewerbe populär sind, das Laufen zum Beispiel, der Ringkampf oder auch leichtathletische Wurfdisziplinen wie Speerund Diskuswerfen. Als ehemaliger Diskuswerfer (15. der Deutschen Jugendmeisterschaften 1991, Bestleistung: 45,56) habe ich mich mal etwas genauer mit der eigenartigen, aber doch sehr interessanten Disziplin auseinandergesetzt.
Geschichte des Diskuswerfens
Das Diskuswerfen gilt als urgriechische Disziplin. Doch kommt es tatsächlich aus Griechenland? Und wie entstand eigentlich dieser Sport? Wie hat man in der Antike geworfen, wie sahen die Geräte aus und welche Weiten konnten die Menschen vor 2500 Jahren mit ihrer Technik erzielen?
Dass die leichtathletische Disziplin Diskuswerfen aus Griechenland stammt, war lange unumstritten. Die olympische Geschichte des Diskuswerfens, die Tatsache, dass Diskuswerfen eine Disziplin des antiken hellenischen Fünfkampfs (Pentathlon) war und nicht zuletzt die Herkunft des Begriffs „Diskus“ vom griechischen Diskos - deutsch: der Teller, die Scheibe - legen eine Verortung der Ursprünge des Diskuswerfens in Griechenland nahe.
Einige Forschungsarbeiten widersprechen jedoch dieser These. So vermutet DECKER (1976), dass das Diskuswerfen aus dem vorderasiatischen Raum (Kilikien, Phönikien) bzw. aus Zypern stammt (Zum Ursprung des Diskuswerfens. In: Stadion, Nr. 2, S. 196-212, hier S. 203 u. 212). Der Umstand, dass der Bewegungsablauf des Diskuswerfens alles andere als natürlich ist (i. Ggs. zu dem beim Laufen und Springen; selbst der Speerwurf entspricht eher einer für Jäger und Krieger archaischer Völker üblichen Aktivität), sondern eher „a curious and illogical activity“ darstellt (HARRIS 1972: Sport in Greece and Rome. S. 38 ) hat zusammen mit mythischen Abbildungen auf einigen antiken Disken den Schluss nahegelegt, dass es sich beim Diskuswerfen um den Bestandteil eines ländlichen Vegetationsritus gehandelt haben könnte, wie er in Sparta im Rahmen des Hyakinthienfestes zur Austragung gelangte (CASTIGLIONE 1967: Die Diskobolia – ein Agrarritus? In: Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae, Nr. 15, S. 409-415, hier S. 409 ff.). Andere verneinen einen möglichen kultischen Ursprung des Diskuswerfens (JÜTHNER 1965: Die athletischen Leibesübungen der Griechen, S. 255) und verweisen auf das Schleudern von Steinen bei der Jagd und im Krieg, das als Vorstufe dieses Wettkampfsports angesehen werden könne. Hierzu wird uns GIULIANI in seinem Vortrag auf den neusten Stand der Forschung bringen.
Was die Ausführung der Würfe angeht, so ist man auf literarische Quellen, Abbildungen und Monumente angewiesen, wobei die Darstellungen der bildenden Kunst viel Raum für Spekulationen lassen, weil sie ja nur Momentaufnahmen bieten und man vor allem hinsichtlich der Frage, ob aus dem Stand, aus der Drehung oder etwa mit einem Anlauf geworfen wurde, nicht viel weiter kommt. Dennoch hat die wohl bekannteste Darstellung eines Diskuswerfers, der Diskobol von MYRON (Mitte des 5. Jh. v. Chr.), JÜTHNER Anlass gegeben zu der Behauptung, der Abwurf sei nach mehrmaligen Pendelschwüngen mit dem Wurfarm aus einem kurzen Anlauf heraus erfolgt, ohne die heute übliche Drehung um die eigene Achse (S. 291). Literarische Analysen haben jedoch andere Forscher dazu veranlasst, von einer Drehbewegung vor dem Abwurf auszugehen. So vermutet HARRIS „a rotary movement of legs not unlike that of modern thrower turning in the circle“ (S. 38). Tatsächlich finden sich in den Epen Ilias und Odyssee von HOMER Beschreibungen des Diskuswerfens, in denen die Verben δινεύω und περιστρέφω verwendet werden, die beiden mit „herumdrehen“ übersetzt werden können (JÜTHNER übersieht dies keineswegs, nur übersetzt er „ausholen“ und „schleudern“). Dennoch gibt es auch Texte, die keine solche Drehbewegung beschreiben (als Beispiel sei der römische Erzähler STATIUS genannt, der ausführlich das Diskuswerfen beschreibt und dabei nichts von einer Drehbewegung erwähnt.), so dass die Kontroverse nicht letztgültig geklärt werden kann; JÜTHNERs Pendelschwung-Anlauf-These ist jedoch die Mehrheitsposition.
In einem Vortrag an der TU Berlin im April diesen Jahres zum Thema „Die griechische Kunst des Diskoswerfens. Text, Bild und Wirklichkeit“ verwies Luca GIULIANI, Leiter des Wissenschaftskollegs zu Berlin, im Rahmen der Analyse eines Kapitels der Eikónes (Bilder) des Lucius Flavius Philostrat (um 200 n. Chr.) darauf, dass JÜTHNERs These angesichts eindeutiger textlicher und bildlicher Befunde unhaltbar ist. GIULIANI konnte neben einigen hochinteressanten philologischen Bemerkungen zum Verhältnis von Text und Bild in den historischen Wissenschaften, für den Diskuswurf folgende Feststellungen machen:
1. In der Antike wurde nicht aus einer Pendelbewegung, sondern aus einer 180-Grad-Drehung geworfen. Der berühmte Diskobol von Myron zeigt einen Werfer, der den Diskus mit Schwung zurückführt, um dann eine Drehbewegung einzuleiten. Anders lasse sich die extreme Verwringung des Körpers nicht deuten. Zudem spreche Philostrat von einer flächigen Begrenzung des Wurfbereichs, was bei einem Pendelwurf aber keinen Sinn ergebe.
2. Die Vorschrift, nach der von 1896 bis 1912 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit aus einer Pendelbewegung geworfen werden musste, basiert auf einer Fehlinterpretation griechischer Statuen.
3. Die halbe Drehung der Antike ist nicht vergleichbar mit der anderthalbfachen Drehung heute, bei der nur noch die Vorspannung (das Zurückführen des Diskus zu Beginn der Drehung) Ähnlichkeit zur antiken Technik aufweist.
Über die Disken der Antike weiß man durch umfangreiche Funde, dass sie aus verschiedenen Materialien hergestellt wurden (v.a. aus Eisen, Bronze und Stein), teilweise mit Verzierungen und manchmal gar mit Weiheinschriften versehen waren, dass sie einen Durchmesser von 17 bis 32 cm hatten und dass sie zwischen 4 und 5 kg wogen (JÜTHNER, S. 243 ff.). Die Wurfscheiben für Knaben waren kleiner und leichter, so wie heute im männlichen Jugendbereich auch leichtere Geräte Verwendung finden.
Über Leistungen in der Antike ist wenig bekannt – jenseits der Dichtung, die einigen Helden solch großartige Leistungen zuschreibt, bei denen selbst ein Lars RIEDEL blass werden würde. So schwärmt HOMER über Odysseus, dass er nicht nur sehr klug gewesen sei, sondern auch ein hervorragender Diskuswerfer. Eine etwas seriösere Quelle berichtet über Phayllos, einen berühmten Athleten aus Kroton, dass dieser den Diskus 95 Fuß weit geworfen habe. Dabei sind delphische Fuß (entspricht 0,296 m) anzusetzen, was einer Wurfweite von 28,12 m entspricht. Gemessen an dem Gewicht des antiken Geräts, das 2- bis 2,5-mal so hoch war wie das eines heute verwendeten Diskus, eine sehr ordentliche Leistung, der heute analog eine Weite von etwa 56 bis 70 Meter entsprechen würde, im Mittel also immerhin etwa 63 Meter! In Peking wäre für Phayllos damit eine Endkampfplatzierung im Bereich des Möglichen. Das verwundert, können doch aufgrund der Größe des Wurfkreises sowie der griffigen und doch ebenen Oberfläche des Rings heute weit größere Beschleunigungswerte (und damit Wurfweiten) erzielt werden, vom allgemeinen Fortschritt in der Trainingslehre einmal abgesehen. So hat die Sache erwartungsgemäß einen Haken: In der vorchristlichen Antike wurde die Weite von der Abwurfstelle bis zu dem Punkt gemessen, wo der Diskus nach dem Ausrollen liegen blieb. Erst Jahrhunderte später, in byzantinischer Zeit, ermittelte man wie heute die Weite vom Abwurf bis zum Aufprall.
Aus dem Leben eines Diskuswerfers
Immer schon war meinem sozialen Umfeld mein Hobby – das Diskuswerfen – suspekt gewesen. Und immer, wenn ich jemanden kennen lernte, wir uns über Freizeitbeschäftigungen austauschten und ich im Verlaufe des Gesprächs dann erwähnte, ich sei leidenschaftlicher Diskuswerfer, kam entweder nur ein fragender Blick oder gleich ein halb erstauntes, halb mitleidiges „Warum denn das?“.
Nun, warum eigentlich? Bei Licht betrachtet ist das Diskuswerfen nicht nur, wie HARRIS schreibt, „a curious and illogical activity“, sondern bietet gegenüber anderen Sportarten weitere Nachteile. Denn während meine Freunde, die Fußball, Basketball oder Handball spielten, von Gemeinschaft, Spaß und (weiblichen) Fans zu berichten wussten, blieb mir nur übrig, im Kraftraum einsam eisenstemmend die konditionellen Grundlagen für meinen Sport zu erarbeiten, denn beim Fußball und Basketball mag es Talente geben, die nicht viel trainieren müssen, die einfach qua natura gut sind, beim Diskuswerden ist alles harte, harte Arbeit.
Und während die Tennisspieler (Ja, ja: der Becker-Boom der späten 1980er…) in klimatisierter Halle beim après-jeux Cocktail schlürfend die künftigen Absolventinnen der höheren Töchterschule umgarnten, stand ich im „grünen Käfig“, um bei Wind und Wetter die ewig gleiche Bewegung zig-tausende Mal zu wiederholen, mein Sportgerät anschließend aus dem Schlamm der regendurchtränkten Wiese zu fischen und mir wegen der infolgedessen völlig verdreckten Kleidung Vorwürfe meiner Mutter anzuhören. Ich solle mal lieber Tischtennis spielen oder schwimmen. Das sei gesünder und sauberer. Es drängte sich in diesen Momenten stets ein Pendant zur SILLYTOE’schen „lonelyness of the long distance runner“ auf: die „Tristesse des Diskuswerfers“.
Diese emotionale Inferiorität meines Sport zeigt sich auch in einem anderen Phänomen: Während die anderen Sportarten via „Play-Station“ längst den Sprung ins Kinderzimmer geschafft haben und als „SoccerChampion 3“ oder „NBA-Professional“ den Gang in die Halle oder auf den Platz obsolet machen, wartet man – wenn man denn wartet – auf „DiscusThrow 2008“ bislang vergeblich. Hier bleibt es bei der harten Realität, die kein virtueller Zugang zu ersetzen vermag.
Doch die Frage bleibt: Warum werfen? Es bieten sich drei verschiedene Erklärungen an.
Zunächst ist da die historische, denn das Werfen kann wohl getrost als einer der ältesten Bewegungsabläufe überhaupt angesehen werden. Doch hier muss differenziert werden: Während das Speerwerfen nach Meinung der Anthropologen seinen Ursprung in der Jagd und im Krieg hat, also eine Männer-Domäne gewesen ist, so wird das Diskuswerfen, folgt man CASTIGLIONEs Vegetationsritus-These einem anderen – einem ganz anderen! - Bereich menschlicher Zivilisation zugeordnet: der quasi-religiösen Sorge um die Fruchtbarkeit, ein kultureller Habitus, der eher mit dem Weiblichen in Verbindung gebracht wird. Diskuswerfen - ein Mädchensport? Auch das noch!
Eine andere Erklärung muss her – schnell! Sie kann gefunden werden in der existenzphilosophischen Sinnsuche. Nach Martin HEIDEGGER müssen die Menschen als „In-die-Welt-Geworfene“ ihr „Da-Sein“ mit Sinn erfüllen. Vielleicht ist also das Diskuswerfen eine Art rebellische Befreiung vom Geworfenen zum Werfenden, gleichsam vom passiven Schicksalserdulder zum aktiven Weltgestalter. Und die „Wiederholungen“ in Kraftraum und Käfig formen jene trotzig-existentialistische Sinnfindungsstrategie des CAMUS’schen Sisyphos, den wir uns ob seiner stolz-authentischen Seinsverachtung als „glücklichen Menschen“ vorzustellen haben. Doch ist man nach einem Krafttraining mit 500 Sit-ups wirklich glücklich? Oder wenn man mal wieder 95% der Würfe weit außerhalb des Sektors platziert hat?
Hier greift nun die dritte und letzte Erklärung. Der Karlsruher Medienphilosoph Peter SLOTERDIJK hat nämlich in seinem anthropologischen Konzept dem homo ludens Friedrich SCHILLERs und Johan HUIZINGAs, den es zum Fußball treibt, den homo iactans hinzugesellt, den „genau zielenden“ Werfer. Spätestens seit der Verengung des Sektors beim Diskuswerfen bewährt sich das Menschenbild des „gezielt werfenden Wesens“. Nun, das ist zwar als Selbstbild nicht ganz so elegant wie der KANTische homo rationabile (der „zur Vernunft fähige“ Mensch) oder das Konzept des „Geistwesens“, das Max SCHELER im homo supernaturalis beschreibt, und es ist auch nicht annähernd so aufregend wie das von der Biologie favorisierte Bild des homo permanente sexualis, doch mit dem „Werfermenschen“ kann ich mich anfreunden. Denn dieses Bild ist immer noch besser als der homo demens NIETZSCHEs oder BERGSONs homo loquax (der „geschwätzige“, durch „überflüssiges Reden“ auffallende Mensch), ein anthropologisches Konzept, das zwar vor rund 100 Jahren entstand, aber trotzdem ganz gut in das Handy-Zeitalter passt („Wo bis’n du g’rade?“).
Also, dies mag genügen als Erklärung meiner Leidenschaft. Doch den wahren Kern der Liebe zur 2-Kilo-Scheibe kann nur der erfassen, der einst an einem Sommertag bei leichtem Gegenwind seinem am strahlend blauen Firmament der Ewigkeit entgegen schwebenden Gerät hinterher schauen durfte, in den lauen Traum von Unendlichkeit, Ruhm und gold’ner Ehre gehüllt, einen Traum, aus dem man jäh erwacht, wenn der Ruf der Rufe erschallt: „Ungültig!“
Fazit
Das Diskuswerfen ist eine schwierige, aber dennoch (oder gerade deshalb) hochinteressante leichtathletische Disziplin. Für alle, die Mühe haben, die Technik des Diskuswerfens zu erlernen, sei an die griechische Wurzel des Wortes „Technik“ erinnert: Techné bedeutet „Kunstfertigkeit“.
Stichwörter:
Diskuswerfen,
Leichtathletik,
Olympia 2008