Erfahrungsbericht: Desert Ultra Namibia Martin Paldan/Beyond the ultimate

Erfahrungsbericht: Desert Ultra Namibia

  • Nils Borgstedt
Rafael Fuchsgruber hat im November 2013 den Desert Ultra Namibia gefinisht. In seinem Erfahrungsbericht erzählt er von dem spektakulären Wüstenrennen.

Von: Rafael Fuchsgruber

Als ich Ende November in Windhoek ankomme, treffe ich am Meetingpoint zuerst Raoul aus Stuttgart. Er ist ca. 35 Jahre alt, grünbraun, 4-radgetrieben und hat Platz für 20 Menschen – natürlich von Mercedes. Er wird das Herzstück unseres Basiscamps für die nächsten 7 Tage. Er sorgt für Wasser, Schatten, die Unterbringung der Zelte und Transporte der Crew.

Beyond the Ultimate heißt der Veranstalter aus England – unter seinem Logo der Slogan „Nothing tougher“. Das wird sich im Laufe dieses Rennens bewahrheiten, da die Hälfte der Teilnehmer aus USA, Korea, Europa, Angola oder Kanada das Ziel nicht erreichen werden. Die Aufgabenstellung: 250 km in 5 Etappen zu 43/57/37/100 und 15 km. Wir laufen in Selbstversorgung mit Rucksack, in dem sich Schlafsack, Essen und Sicherheitsausrüstung für eine Woche befinden. Das Gewicht variiert zwischen 5,8 kg bis 11kg. Jeweils nach 10 km passieren wir einen Checkpoint an dem wir bis zu 2,5 Liter Wasser erhalten. Wir übernachten in Zelten.

Beim Start zur ersten Etappe verhält sich das nicht anders als eine Herde Jungpferde, die man ein paar Tage nicht auf die Wiese gelassen hat. Ich kenne das schon und warte die ersten 5 km ab und siehe da: sie haben sich auch schon ausgetobt. Bloß keine unnötigen Energieverschwendungen. Oder wie ich gerne sage: „Don’t kill yourself on the first day!“. Meine immerwährende Suche nach dem perfekten Rennen findet auch dieses Mal am ersten Tag ein frühes Hindernis. Die mutigen Lücken zwischen den Markierungen und meine immer ungewollt wiederkehrenden selbsthypnothischen Zustände beim Laufen schicken mich auf den falschen Weg. Da es selten Markierungen gibt, wundere ich mich auch nicht. Ich verliere dadurch 40 Minuten, die mir im Ziel auf die beiden Führenden Andrew Clarke und Alan Leed fehlen.

Das Thema Markierungen wurde in den darauffolgenden Tagen besser. Der erste Tag ist hart. Läufer werden ins Krankenhaus gebracht. Patrick aus Kanada kommt ins Ziel. Auf dem Weg von der Ziellinie ins Camp sehe ich schon, dass er von Ganzkörperkrämpfen geplagt wird. Ich laufe ihm entgegen, nehme ihm den Rucksack ab. Wir legen ihn hin und unser fabelhaftes Ärzteteam kümmert sich sofort um ihn. Ich bringe ihm meinen Schlafsack und sogar eine Mütze, da sein einsetzender Schüttelfrost Angst macht. Er ist vollkommen dehydriert - trotz Salzaufnahme und viel Wasser während des Rennens hat er die Härte der Strecke und die Hitze nicht überstanden – wie andere auch. Es wurden während der Woche auf der Strecke Werte von 46 Grad gemessen. Der Krankenwagen wird gerufen und bringt auch ihn ins Krankenhaus. Dennis Grüne aus Wuppertal verläuft sich morgens und wird trotz Flugzeug- und Helikoptereinsatz erst am nächsten Tag gefunden. Er hat gegen Mittag bereits sein Wasser verbraucht. Aber er ist Ernährungswissenschaftler und weiß, was man mit seinem eigenen Urin in solch einer Situation macht. „Etwas Energizer mit Erdbeergeschmack machte es erträglicher“ erzählt er mir später. Das Rennen war an diesem Tag wegen der intensiven Suche unterbrochen worden und geht erst einen Tag später weiter. Die Crew von Beyond the ultimate hat bei der Suche nach Dennis einen sehr guten Job gemacht. Überhaupt war die Stimmung sehr familiär und das medizinische Team hochqualifiziert.

Aus den Krankenhäusern kommen die Signale, dass alle wieder gesund werden. Wir können morgens aufatmen und wieder losrennen. Um dieses Rennen noch zu drehen, muss ich Andrew Clarke und Alan Leed sofort attackieren. Etappe 2 geht heute eher über unebene Jeeptracks auf denen aber zügiges Laufen möglich ist. Nach Checkpoint 2 muss der führende Andrew Clarke abreißen lassen und ich bin mit Alan Leed und Michele Ufer aus Deutschland unterwegs. An diesem Tag bin ich so schnell, dass das Course making team die Markierungen auf den letzten 5km noch nicht fertig hat. Die Helfer zeigen mir den Weg per Handzeichen ins Ziel. Ich habe Alan 20 Minuten und dem führenden Andrew sogar 50 Minuten abnehmen können. Michele Ufer hat Spaß an der Veranstaltung gefunden und hat seine Knieprobleme des ersten Tages überstanden. Er kommt heute als zweiter mit 20 Minuten Abstand hinter mir ins Ziel.

Am nächsten Morgen starten wir bei Sonnenaufgang auf die 35 km lange Etappe entlang des Brandberges, der sich die Ehre gibt, in der aufgehenden Sonne ganz in Rot zu erscheinen. Daher auch der Name Brandberg. Diese Etappe ist ja eher eine Sprintdistanz. Von den Höhen des Brandberges geht es runter in ein riesiges Flussbett. Der junge Edwin Snippe ist mein Begleiter bei diesem zügigen Ritt ins Tal. Alan und Andrew können das hohe Tempo nicht halten und kommen fünf Minuten später rein. Unser Lager ist angeblich umgeben von Elefanten. Überall sieht man die Spuren. Ich gehe auch in den kleinen Wald, in dem sie alles zerlegt haben, aber es ist nichts zu sehen. Unser Truck hat sich im Flussbett festgefahren und es gibt erst später am Tag heißes Wasser und Zelte. Der LKW bekommt hier seinen Spitznamen von mir. Bei dem Versuch das 4Rad Monster rauszufahren rufen der Motor und die eingegrabenen Räder zusammen immer und immer wieder „RAOOUUULLL , RAOOUUULLL“. Dieses großartige Bild führt zu meinem spontanen Entschluss: Wenn ich groß bin, werde ich Raoul kaufen und mit ihm durch Afrika fahren.

Mittlerweile ist nur noch die Hälfte der Teilnehmer in der Wertung. Selbst Mimi Anderson, vielfache Weltrekordhalterin im Ultrabereich, ist verletzungsbedingt ausgestiegen. Eine Ausfallquote von 50 % unterstreicht den Slogan „ Nothing tougher“.

Es folgt die letzte Etappe über 100 km mit Start beim ersten Sonnenstrahl. In der Gesamtwertung liegen die Führenden sehr dicht beieinander. Das Tempo ist ungewöhnlich hoch für eine 100 km Etappe in der Wüste. Alan ist nach 20km außer Sichtweite und Andrew zieht zwischendurch immer wieder an, was unser Tempo sehr unruhig macht und Kraft kostet. Um dem ein Ende zu setzen, zeige ich ihm zwischen Checkpoint 4 und 5, dass ich in der Lage bin ein durchaus höheres Tempo zu laufen. Den Versuch an mir dran zu bleiben muss er nach 15 Minuten mit einer längeren Gehpause beenden. Danach warte ich am nächsten Checkpoint auf ihn und wir besprechen uns. Die Dinge sind fortan geklärt und wir unterhalten uns den Rest des Tages beim Laufen viel über Familie, Job, Laufen und Afrika. Zwischen Kilometer 60 und 80 laufen wir durch die totale Marslandschaft. Nur Steine in Rot und wir warten darauf, dass jeden Moment eine Filmcrew mit einsatzfähigen Marsmobilen auftaucht. Die Steine speichern die Energie der Sonne und nun kommt auch die Hitze vom Boden durch die Schuhe. Auf den letzten 20 Kilometern müssen wir immer wieder Gehpausen einlegen, da es ohne Wind in den wunderschönen kleinen Tälern unerträglich heiß wird. Hier warte ich ständig auf die Ankunft von Winnetou und Old Shatterhand… Es wird Zeit dass das Ziel kommt, da die ersten leichten Halluzinationen einsetzen. Die letzten 10 Kilometer machen wir im Dunkeln. Ich liebe es jetzt zu gehen. Der klare Sternenhimmel, die totale Ruhe und die Gewissheit, dass mich die Wüste wieder hat, lassen mich in diesen Momenten sehr ruhig werden. Ich will mich gebührend verabschieden. Wir gehen - anstatt zu laufen - die letzten fünf Kilometer in aller Ruhe gemeinsam ins Ziel. Nach 100 Kilometern und 15 Stunden liegen wir uns in den Armen.

Ich habe die 250 km in der Namib Wüste in 28:56h gewonnen. Ich ziehe mich zurück, mache mir einen Espresso und denke nach über dieses Rennen. Ein hartes Rennen. Vielleicht sogar das Schwerste nach dem 200 km Nonstoplauf in Libyen 2008. Ich hatte einige zweite oder dritte Plätze bei großen Wüstenrennen und ging bisher davon aus, dass Platz eins nicht automatisch das perfekte Rennen bedeutet. Lässt sich auch schnell behaupten, wenn man öfter auf Platz zwei oder drei reinkommt. Nun habe ich gewonnen und bin um eine Gewissheit reicher: gelegentlich stimmt das, was ich erzähle. Und noch etwas wurde mir klar. Ich hatte viel Zeit mich in der Namib mit dem Thema zu beschäftigen: „Warum laufe ich?“. Ich bin neugierig, ich stelle Fragen und suche Antworten. Vielleicht ist die Frage selbst schon der erste Teil der Antwort. Ich werde der Frage weiter nachgehen.

Zu den großen Gefühlen kam ich erst ein wenig später. Ich war einer der ältesten und erfahrensten Teilnehmer und dadurch auch Ansprechpartner für andere. Auch wenn es jetzt gleich sentimental klingt: Nach dem Rennen haben sich zwei Läufer in einem sehr emotionalen Moment für meine Unterstützung in dieser Woche bedankt. Die Erinnerung an diesen Augenblick bedeutet mehr als die Medaille.

alle Ergebnisse www.beyondtheultimate.co.uk

Alle Photos: ©Martin Paldan/Beyond the ultimate

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