Der Handball träumt von den USA. Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Bestrebungen, die Vereinigten Staaten von dem europäisch geprägten Teamsport zu begeistern. Nachhaltig waren alle Versuche bisher nicht, die Gründe sind vielfältig.
„Wir sind keine Weltsportart wie Basketball oder Volleyball, weil wir vor allem in Europa stattfinden“, erklärte auch Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, Ende Januar bei der Talkrunde Melsungen trifft. Zwar würden die Spiele aus der deutschen Beletage über einen Medienpartner seit November live in Nordamerika übertragen, aber „es ist ein extrem anspruchsvoller Markt“, so der Funktionär weiter. „Die NFL und die NBA kommen alle nach Europa, weil in Amerika nichts mehr zu holen ist und die Märkte gesättigt sind.“
Dass der Handball nun wiederum den umgekehrten Weg einschlagen kann, bezweifelt nicht nur Bohmann („Wir sind ganz weit entfernt davon, den Markt aufzurollen“). Auch Experte Dennis Trautwein, gemeinsam mit Bohmann bei der Talkrunde in Hessen auf dem Podium, sieht die Versuche kritisch. „Ich glaube nicht, dass Handball in den USA wirklich nachhaltig stattfinden kann“, so der Head of Experiences Europe bei Octagon, einer der weltweit führenden Beratungs-Agenturen für Sport, Entertainment und Kultur. Es sei „ein Riesenproblem“, dass Handball kein in der National Collegiate Athletic Association (NCAA) verankerter Sport sei.

„So wird Handball nicht in die Breite getragen“, fasst Trautwein das Problem zusammen. „Es ist ein gesättigter Markt mit vielen neuen Sportarten und Handball ist im Profil gegenüber diesen Sportarten eher traditionell und hat es schwierig, stattzufinden. „Handball hat in den USA langfristig kein Potenzial, wenn nicht diese Grundvoraussetzungen geschaffen werden und dafür sehe ich kein Momentum.“ Dabei würde Handball viele Attribute erfüllen, die amerikanische Sportfans eigentlich lieben: Hohes Tempo, Highscore, Physis, … Doch die Sportart ist im US-College-System nicht verwurzelt. Sie hat keinerlei Tradition. Selbst tausende Kilometer Strand und die damit verbundene Idee, Handball als Beach-Sportart zu etablieren und folglich auch als Werbung für die Halle zu nutzen, machen wenig Hoffnung. Es fehlt an organisatorischen wie finanziellen Mitteln, an einer Struktur. Zumal Kritiker die Beach-Varianten der traditionellen Teamsportarten mittlerweile als völlig eigene Disziplinen betrachten, zu weit weg vom Original.
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Und Olympia als Chance? Zwar bekäme Handball durch die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles Aufmerksamkeit, denn die USA dürfen als Gastgeber sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen ein Team stellen, das keine sportliche Qualifikation durchlaufen muss, aber selbst das überzeugt Trautwein nicht: Das sei „wahrscheinlich die beste Chance“ nach Übersee zu kommen, „aber inwieweit die Chance realistisch ist, das halte ich für fragwürdig.“
Auch Anja Althaus, frühere Nationalspielerin und heute Managerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft sowie Finn Lemke, Europameister von 2016 und Co-Trainer bei der MT Melsungen sind skeptisch – und sehen ganz pragmatische Probleme.
„Ich bin in Amerika gewesen und habe mit vielen Leuten gesprochen und sie finden Handball total cool, aber für den Markt müssten wir irgendwann so weit gehen, dass wir mehr Pausen brauchen“, sagte Althaus und verwies auf die amerikanische Sportkultur, in der Essen, Trinken und Werbung in den Pausen einen anderen Stellenwert als in Europa haben. „Das klingt total lustig, aber um in Amerika zu etablieren, müsste man überlegen, ob man Handball in Viertel einteilt.“

Lemke sprach noch einen anderen Punkt an. „Wir wollen attraktiv in anderen Märkten [als Europa] sein, aber wir haben das Problem mit dem Namen Handball“, so der Europameister von 2016. „Wenn wir nach Australien oder Amerika schauen, ist Handball kein Begriff, sondern es heißt European Handball, das IOC spricht allerdings von Handball. „Das ist ein generelles Problem, wir sollten uns erst einmal klar werden, wie wir weltweit heißen.“
Gerade beim Blick nach Amerika ist das kein zu unterschätzendes Problem: Dort versteht man unter Handball – oder auch American Handball – eine Rückschlagsport, die Squash ähnelt, allerdings ohne Schläger, sondern mit der Hand gespielt wird.






















