„Ehrgeiz schlägt Talent“ Steffen Hoffmann / www.go4hoffmann.de -- Michel Abt, Heiner Brand, Jennifer Kettemann, Frank Schneller und Marcus Kuhl (v. l. n. r.)
Heiner Brand zu Gast im ‚Löwentalk’

„Ehrgeiz schlägt Talent“

  • Ulrich G. Monz
Talkrunde bei den Rhein-Neckar Löwen analysiert die Nachwuchsarbeit im deutschen Handball und schaut über den Tellerrand zum Eishockey – Heiner Brand macht sich große Sorgen wegen der vielen Verletzungen der DHB-Hoffnungsträger.
KRONAU. Zweite Auflage und wieder jede Menge Diskussionsstoff: Nach der Premiere im Mai dieses Jahres setzte auch die jüngst stattgefundene 2. Gesprächsrunde des Handball Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen – der ‚Löwentalk’ – ein Ausrufezeichen, diesmal am Ende einer fast 90 minütigen Analyse zur Lage der Nachwuchsarbeit im deutschen Handball. Dass Löwen-Geschäftsführerin Jennifer Kettemann nicht nur mit der Durchführung, sondern auch mit dem fachlichen Inhalt der Expertenrunde „hochzufrieden war, weil wir von solchen Veranstaltungen nur lernen können“, lag auch an den kompetenten Protagonisten auf dem Podium. Genauer: Deren aufschlussreichen Beiträgen Ex-Bundestrainer Heiner Brand (Kettemann: „Das Gesicht des deutschen Handballs“), Michel Abt, Junglöwen-Coach, ehemaliger Profi und Koordinator im Löwen- Nachwuchsbereich, sowie Marcus Kuhl, früherer Eishockey-Nationalspieler, der heute als Geschäftsführer des Nachwuchsleistungszentrums des Eishockey-Bundesligisten Adler Mannheim fungiert, legten zusammen mit Moderator Frank Schneller (Sportjournalist und Handball-Insider) gleich mehrmals „den Finger in die Wunde“ zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei der Suche und Förderung von Talenten.

Früh übt sich: Die Suche beginnt im Kindergarten

„Wir gehen schon in Kindergärten, natürlich auch in Schulen. Wir scouten, um Kinder zu finden, die bereits eine erkennbare Koordination besitzen und führen Sichtungen auch in Kooperation mit Nachbarvereinen durch. Wer erst mit 10-12 Jahren aufs Eis geht, der wird kein Eishockeyspieler mehr“, lautete die These von Adler-Legende Marcus Kuhl, die die Vertreter des Handballs aufgrund ihrer Deutlichkeit in Erstaunen brachte. Schon früh wird bei den Schlittschuhträgern Wert auf Lauf- und Schusstechnik gelegt, gleichzeitig gehört Athletiktraining und Taktikschulung schon zum Ausbildungsprogramm. Wahrlich eine komplette Palette von Schulungsinhalten, die nur unter professionellen Bedingungen wie bei den Adlern Mannheim angeboten werden können, da diese gleich für vier Mannschaften (U12, U15, U16 und U19) den Internatsaufenthalt vorhalten. „Willen muss mit Talent gepaart sein, denn der Ehrgeiz schlägt das Talent“, sagte der Ex-Nationalspieler vom Eis und spannte so den Bogen zu den Vertretern des Handballs, die auf einen wichtigen Aspekt hinwiesen, den in der Praxis erkannten „Generationenkonflikt auf der Trainerebene“. Für Heiner Brand war (und ist) deshalb klar: „Der Trainer muss die Sprache der Jugendlichen sprechen.“ Dass der Deutsche Handballbund (DHB) dies erkannt hat, zeigt ein verkürztes Lehrgangsangebot für junge Ausbilder, um schneller die Trainer-C-Lizenz erwerben zu können.

Der Status Quo

Die Spitzenklubs des deutschen Handballs besitzen Nachwuchsleistungszentren, meist mit angeschlossenem Internat, das auch die schulischen Belange der Jugendlichen abdeckt und deren Persönlichkeitsentwicklung unterstützt. Für Michel Abt das Tagesgeschäft im Löwen-Internat. Handballtraining, Schule und Wertevermittlung gehören zur ganzheitlichen Ausbildung und Betreuung in der Mannheimer Kaderschmiede. Das eint Löwen und Adler. Auch für Marcus Kuhl „muss die Leistung sowohl auf als auch neben dem Eis stimmen, denn die Spieler werden bei uns auch für das Leben erzogen“. Im Zusammenwirken zwischen Verein und Nachwuchsspieler gibt es aber auch „weiche Faktoren“ wie der Bezug zu Vorbildern und Idealen. „Ich habe damals, als ich mein erste Bundesligasaison bestritt und den Ballsack zum Spiel schleppte, auch Vorbilder gesucht und in Nicolai Jacobsen und Stefan Kretschmar gefunden. Jetzt bin ich selbst ein Vorbild und kann meine Erfahrung und Tipps weitergeben“, beteiligte sich Handball-Nationalspieler Uwe Gensheimer als Talkgast aus dem Publikum. Auch Heiner Brand befürwortete die Unterstützung von „Top-Spielern“ bei den Übungseinheiten des Nachwuchses, die selbst durch einen gelegentlichen Trainingsbeitrag den Jugendlichen wesentliche Impulse geben können. Für ihn eine zentrale Forderung an die großen Vorbilder des Profi-Bereichs, ebenfalls in die Verantwortung zu gehen.



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Ausbildungskonzept versus Praxis

Durchlässigkeit und Anschlussförderung sind angestrebte Ziele für den Übergang und die Mitwirkung qualifizierter Nachwuchsspieler in der höherklassigen Mannschaft. Zur Umsetzung dessen wurde vor Jahren die Kaderstärke für die Spiele der Handball-Bundesliga von 14 auf 16 erhöht, um den Talenten Einsatzzeiten zu ermöglichen. „Doch wie sieht die Praxis aus?“, stellte Moderator Frank Schneller mit provokantem Unterton die Frage. Und tatsächlich, die Idee, dem Nachwuchs eine Chance zu geben, wird nur in Einzelfällen umgesetzt. Oberste Priorität hat nach Meinung von Heiner Brand die Existenz des Vereins. Der ersten Mannschaft. Und deshalb werden mit Blick auf den alltäglichen Wettbewerb primär Spieler gesucht, die der Mannschaft (sofort) „weiterhelfen“ können. Dazu zählen dann aber meist die Talente aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum nicht. Der 131malige Nationalspieler und Moderator Frank Schneller untermauerten diese Auffassung mit aktuellen Beispielen: Der Deutsche Meister SG Flensburg-Handewitt verpflichtete nach dem verletzungsbedingten, aber zeitlich begrenzten Ausfall von Linksaußen Hampus Wanne kurzfristig und vorübergehend Marvin Lier aus der Schweiz als Back-Up für Magnus Jöndal, obwohl die SG aktuell den Deutschen A-Jugendmeister stellt und eine Nachwuchs-Akademie u.a. auch für eben solche Situationen Lösungen parat haben sollte. Die MT Melsungen indes verpflichtete für die nächste Saison Rechtsaußen Timo Kastening aus Hannover, obwohl sie auf dieser Position über zwei starke Akteure in Routinier Tobias Reichmann und dessen Thronfolger Dimitri Ignatow verfügt. Beide sind für den DHB im Einsatz. Ignatow spielte vor Monaten eine überragende Junioren-Weltmeisterschaft. „Was in Melsungen passierte, das ist nicht mit gesundem Menschenverstand nachzuvollziehen“, kommentierte Heiner Brand diese Personalpolitik.

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Gewohnt gestenreich und engagiert: Heiner Brand


Sorgen bereitete den Handball-Fachleuten auch die jüngste Entwicklung in Wetzlar, wo die HSG ihre U23 mangels Perspektive und aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus zurückziehen musste. Als Gegenbeispiel derartiger Trends und Wahrheiten gilt das Beispiel der Füchse Berlin, bei denen Fabian Wiede und Pauls Drux in das kalte Wasser der Bundesliga geworfen wurden und sich dort recht bald zu Nationalspielern „freigeschwommen“ haben. Für Marcus Kuhl gibt es Parallelen zwischen Eishockey und der Mehrzahl der Handballklubs, denn es sei schwer, dem jungen Spieler gleich eine Chance zu geben, „weil der Vereinserfolg nun einmal ganz Oben steht“. So habe Leon Draisaitl als damals schon großes Talent seinerzeit zunächst nicht mit den Adlern trainieren dürfen, ging dann direkt von den Jungadlern Mannheim nach Kanada, entwickelte sich dort ständig weiter und schloss jüngst in der amerikanischen NHL einen Vertrag bei den Edmonton Oilers über 68 Millionen Dollar ab. Im Eishockey, so betonte er, könne man die größten Talente in der Regel ohnehin nicht halten, da diese von der nordamerikanischen oder russischen Profiliga angelockt würden – ein Traum für jedes Eishockey-talent, schließlich ist die NHL das Mekka des Eishockeys. Dagegen gilt die Handball-Bundesliga als ‚stärkste Liga der Welt’ und übe damit eine hohe Anziehungskraft aus.

Belastung ohne Regeneration

Dort, wo sich Top-Talente höherklassig durchgesetzt haben, kommen sie sehr bald an eine zuvor nicht gekannte Belastungsgrenze. In der spielfreien Zeit nach der letzten Bundesligasaison fand direkt die Handball-Junioren-Weltmeisterschaft statt, an der auch Sebastian Heymann (Frisch Auf! Göppingen) mit dem deutschen Team teilnahm. Ohne längere Regenerationsphase folgte danach die Vorbereitung auf die aktuelle Spielzeit und der Einsatz in den Bundesligaspielen. Mitte Oktober erlitt der Rückraumakteur einen Kreuzbandriss. Heiner Brand beklagte dies vehement, schließlich sei dies längst kein Einzelfall – im Gegenteil: „Mich erschreckt im Augenblick, wie viele junge Spieler sich schwer verletzen“, konstatierte der 67jährige und verwies auf das gleiche Schicksal von Tim Suton (TBV Lemgo), Simon Ernst (Füchse Berlin) und zuvor Julius Kühn (MT Melsungen). Der Ex-Bundestrainer verwies darauf, dass nahezu jeder DHB-Hoffnungsträger mindestens schon eine schwere Verletzung hinter sich habe oder sich gerade in der Reha-Phase befinde. „Und das in diesem jungen Alter“. Moderator Schneller hakte nach: Werden die Jungs etwa ‚verheizt’“? Brand wollte diesen Begriff weder wiederholen noch dementieren. Vielmehr stellte er die Gegenfrage, die Antwort genug ist, wenn man die Zwischentöne nur hören wollte: „Was ist die Ursache?“. Der zweifache Weltmeister (als Spieler 1978, als Trainer 2007) appellierte an den Deutschen Handballbund und die Vereine, man sollte sich dringend zusammensetzen, um zu überlegen, wie man mit den Jugendlichen und deren Belastung fortan umgehen wolle. „Trainieren sie zu viel, trainieren sie zu hart oder spielen auch in mehreren Mannschaften? So kann es jedenfalls nicht weitergehen“, zog der Stargast des Löwen-Talks ein kritisches Fazit. Eines bei dem auch Junglöwen-Macher Michel Abt nachdenklich wurde. Seine eigene Bundesligakarriere hatte er aufgrund einer schweren Verletzung seinerseits vorzeitig beenden müssen. Dass er sich damit arrangiert und einen neuen Karriereweg im Handball eingeschlagen hat, dass er damit ein wichtiger Faktor für die Nachwuchsförderung der Löwen geworden ist, mag günstige Fügung gewesen sein. Selbstverständlich ist es nicht.

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